Landwirtschaft
Bauern klagen über magere Ernte: «Das war das schlechteste Jahr»

Der nasse Frühling vermiest den Bauern im Kanton Solothurn die Ernte – ganz besonders bei Getreide und bei Kartoffeln. In wenigen Fällen konnte das Getreide nicht einmal mehr zu Futtergetreide deklassiert werden.

Jasmin Krähenbühl
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Magere Getreideernte: Manche Bauern konnten nur gerade die Erntekosten decken. Archiv/OT

Magere Getreideernte: Manche Bauern konnten nur gerade die Erntekosten decken. Archiv/OT

Bruno Kissling

Der nasse Frühling liess die Solothurner Bauern das Schlimmste befürchten. Wegen der heftigen Niederschläge waren die Felder tagelang überflutet, von immensen Schäden und sogar Totalausfällen der Ernte war die Rede. Haben sich die dunklen Vorahnungen der Bauern auch bestätigt? Eine Umfrage unter Solothurnern Bauernbetrieben nach der Erntezeit.

Bauern müssen Reserve anzapfen

«Das war das schlechteste Jahr, soweit ich zurückdenken kann», sagt Markus Dietschi, Landwirt aus Selzach. Das ist keine Übertreibung: Die Getreideernte war so schwach wie zuletzt in den 1970er Jahren, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am Dienstag mitteilte. Auch im Kanton Solothurn hat es die Getreidebauern besonders hart getroffen. Das nasse Wetter im Mai und Juni fiel genau mit der Blütezeit des Getreides zusammen, also mit dessen wichtigster Wachstumsphase. Feuchtigkeitsliebende Pilze vermehrten sich rasant und führten dazu, dass sich das Korn nicht richtig ausbilden konnte. «Die Ähren waren zwar vorhanden, aber grösstenteils leer oder mit verkümmerten Körnern gefüllt», sagt Dietschi. Nebst dem sonst schon niedrigen Ertrag, war auch die Qualität der Ernte problematisch.

Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi im Juni 2016: An manchen Stellen steht das Wasser.
12 Bilder
So präsentiert sich ein Feld in der Bischmatt am Freitagmorgen nach 24 Stunden Regen
Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi
Landwirt Markus Dietschi in einem seiner Felder.
Dietschi hat auf einem der Felder Gras ausgerissen, um zu zeigen, wie die Wurzeln von der Nässe angegriffen werden.
Ein Weizenfeld auf der Witi unter Wasser. Normalerweise sollten die Blätter zu dieser Jahreszeit noch grün sein. Die gelbliche Verfärbung kommt vom Gelbrost, Pilzkrankheit
Eine von Gelbrost befallene Weizenähre
Das Zuckerrübenfeld von Dietschi in der Bischmatt. Durch die Überflutung sind Erosionsschäden entstanden.
Die Zuckerrüben erleiden durch die Nässe Wurzelschäden. Links die geschädigte. Durch die Nässe sind die Wurzeln weniger ausgebildet, was zu Folgeschäden führt.
Erdbeer-Feld von Mann in der Selzacher Witi
Zwar sind bei weitem nicht alle Erdbeeren von Fäulnis betroffen, aber je länger es nass bleibt, desto mehr Erdbeeren fallen den Niederschlägen zum Opfer.
Auch zum Pflücken ist es momentan nicht angenehm.

Schäden für Landwirtschaft in der Selzacher Witi im Juni 2016: An manchen Stellen steht das Wasser.

Hansjörg Sahli

Grosse Mengen Getreide, das zur Verarbeitung zu Brot vorgesehen gewesen wäre, musste zu Futtergetreide deklassiert werden. In wenigen Fällen blieb sogar nur noch die Verarbeitung zu Biogas übrig. Grund waren Giftstoffe, die die Pilze in den Ähren gebildet hatten. Dietschi verzeichnet ungefähr 30 Prozent Einbussen im Vergleich zum Vorjahr. Damit kommt er noch gut weg: «Manche Berufskollegen hatten Verluste von bis zu 70 Prozent und konnten nur knapp ihre Erntekosten decken oder mussten gar schon ihre finanziellen Reserven anzapfen.» Für Dietschi ist klar: Gäbe es im nächsten Jahr nochmals so massive Ausfälle, kämen viele Getreidebauern in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten.

Überschwemmte Felder

Auch die Kartoffelsaison verlief alles andere als glänzend. Viktor Müller aus Niederbuchsiten und Manfred Haller aus Fulenbach haben beide etwa 30 Prozent weniger Ertrag als in normalen Jahren. «Viele Pflanzen sind ertrunken, weil das Regenwasser auf den Feldern nicht ablaufen konnte», sagt Haller. Wegen der ständigen vorhandenen Feuchtigkeit mussten auch die Kartoffelbauern mit Pilzen und Krankheiten kämpfen. «Da das Kartoffelkraut nie ganz trocknen konnte, hatten wir Probleme mit der Kraut- und Knollenfäule», so Haller.

Mit beträchtlichem Einsatz konnte Müller den Pilzbefall bei sich in Grenzen halten: «Wir mussten einige zusätzliche Spritzungen durchführen.» Dass das Wetter ab Mitte Sommer besser wurde, brachte den Kartoffelbauern nichts mehr. «Das gute Wetter kam zu spät, der Schaden war schon da», sagt Müller.

Auch Kohl und Karotten litten

Anders ist dies beim Gemüse. Was Müller ab Mitte Sommer eingepflanzt hatte, gedieh dank des schönen Wetters wie in anderen Jahren. Doch die Einbussen vom Frühling sind nicht ganz wettzumachen. «Etwa 50 bis 60 Prozent des Kohls ist mir im Frühling ersoffen», sagt Müller. Auch die Karotten hätten sehr unter dem vielen Wasser gelitten. Über das ganze Erntejahr gesehen, habe er bei Kohl und Karotten Einbussen von etwa 30 Prozent, so der Niederbuchsitener.

Beim Salat muss er keine grossen Ausfälle hinnehmen. «Das Wasser lief in den leichteren Böden gut ab und wir konnten die Felder jede Woche bearbeiten und Pflanzungen machen.» Nur 10 bis 20 Prozent weniger Ertrag habe der regnerische Frühling verursacht.

Verregnete Blütezeit

Obstbauer Andreas Vögtli aus Büren wäre froh um nur 20 Prozent Ausfall: «Fast die gesamte Kirschenernte war von Schädlingen befallen.» Die Hauptakteurin der Plage war die aus Asien eingeschleppte Kirschessigfliege. Im feuchten Frühling hat sie sich rasant vermehrt und das Obst angegriffen. Durch das nasse Wetter wuchsen auch andere Populationen: Das Bakterium Pseudomonas liess die fast ganze Aprikosenernte vom Gummenhof in Niederwil ausfallen. Der Frühling verlief für die meisten Obstbauern sehr schlecht.

Der viele Regen fiel in der Zeit, da die Bäume blühen und die Bienen fliegen sollten. Wegen der Nässe wurden weniger Blüten befruchtet, was auch weniger Ertrag zur Folge hatte. Matthias Anderegg vom Grubacherhof in Wangen bei Olten hat ein glückliches Händchen gehabt: «Viele unserer Apfelsorten blühten erst nach den Niederschlägen, deshalb haben wir jetzt den vollen Ertrag.»

Manchmal haben aber auch nur wenige Gewitter Folgen für die ganze Saison, weiss Walter Gloor vom Mostzentrum Hüniken: «Im Mai hatten wir viel Hagel, der die Bäume stark beschädigt hat. Die abgeschlagenen Äste konnten nicht mehr nachwachsen.» Etwa 50 Prozent des Ertrags muss das Mostzentrum abstreichen. Gloor bleibt aber positiv gestimmt: «Das schöne Wetter im Spätsommer tut den Äpfeln gut, sie wachsen noch weiter.» Auch Vögtli freut sich: «Die Kirschessigfliege mag das trockene Wetter gar nicht und lässt im Moment die Zwetschgen und Trauben in Ruhe.»

Bauern wollen nicht jammern

Die Solothurner Bauern mussten in allen Bereichen – Kartoffeln, Gemüse, Obst und Getreide – merkliche Einbussen hinnehmen. Doch Frustration oder gar Wut ist nicht zu spüren, sondern eine optimistische Grundstimmung: Man lebe mit und von der Natur, schlechte Jahr gehörten zum «Buure» dazu. «Wir müssen nicht jammern, denn ändern können wir ja sowieso nichts», sagt Markus Dietschi. Eine Aussage, die stellvertretend für alle Solothurner Bauern stehen kann. Doch ein zweites solches Jahr? Bitte nicht!