Zwei der edelsten Gesinnungen, die der Mensch des Barockzeitalters haben konnte, waren Verzückung und Tugend. Doch betrifft uns das heute noch? Man möchte es glauben, denn in der Orfeo-Inszenierung des Cantus Firmus Consort, mit den Sängerinnen und Sängern des Cantus Firmus Kammerchores, sowie den Solisten – alle unter der musikalischen Leitung von Andreas Reize und in der Regie von Georg Rootering – kommen Gefühle auf, wie sie auch ein Mensch der Moderne noch spürt.

Es geht um die griechischen Tragödie von Orpheus und Eurydike. Sie sind verliebt und voller Zukunftsfreude, bis Eurydike von einer Schlange gebissen wird und stirbt. Ihr Geliebter ist untröstlich und will versuchen, kraft seiner schönen Stimme in die Unterwelt zu gelangen, um die Schöne ins Leben zurückzuholen.

Dies gelingt ihm teilweise, doch scheitert das Unternehmen doch. Und zwar scheitert es an Orpheus’ Ungeduld; weil er es nicht schafft, seine Geliebte beim Gang durch den Hades nicht anzublicken. Sofort entschwindet sie aus seinen Augen und ist unwiederbringlich verloren. Als Trost steigt Göttervater Apoll zu Orpheus herab und verspricht ihm: «In der Sonne und in den Sternen wirst Du ihr schönes Ebenbild entdecken». Denn im Himmel erhalte der Tugendhafte seinen Lohn: Freude und Frieden.

Unzerstörbare Musik

Monteverdis Oper ist 410 Jahre alt und es zeigt sich – diese Musik ist unzerstörbar. Eine Musik von grossem Wiedererkennungswert. Klug und stilsicher interpretiert von den Musikern des Cantus Firmus Consort. Dann begeistern natürlich die Solisten, allen voran Michael Feyfar in der Hauptrolle. Seine kräftige und ausdrucksstarke Stimme, seine Bühnenpräsenz und darstellerischen Fähigkeiten sind mittlerweile zu einem Markenzeichen der Barock-Sommeropern in Solothurn geworden.

Zwei weitere Sänger mit Hühnerhaut-Faktor sind der junge Solothurner Countertenor Jan Börner als Hirte und Hoffnung, und der gebürtige Argentinier Lisandro Abadie als Charon und Pluto mit seiner herrlichen Bassstimme. Eurydike, interpretiert von Gunta Smirnova, ist flink und ist Gesang geschmeidig; Silke Gäng, welche die Botin und Proserpina verkörpert, dramatisch und tiefgründig.

Jeder Charakter bekommt von Regisseur Georg Rootering kleine Attribute zugesprochen, sei es in Körpersprache oder Stimmung. Einleuchtend und oft verblüffend ist die Choreografie des Chores, der klar artikuliert und gefühlvoll singt. Die beiden Tänzerinnen Sabine Aeschlimann und Hannah Jäkel unterstreichen die Aussagen des Stückes mit modernen Bewegungen. Das Stadttheater Solothurn eignete sich wegen des Schlechtwetters ideal als Ausweichstätte von Schloss Waldegg.

Weitere Aufführungen: 12., 13., 15., 18., 19. August. www.operwaldegg.ch