Gastkolumne
Back to the Future – der Leitstern 2018

Die Gastkolumne der römisch-katholischen Theologin Tatjana Cristina Disteli über die Bestimmung des neuen Jahres.

Tatjana Cristina Disteli
Tatjana Cristina Disteli
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ENNIO LEANZA

Der Stern von Bethlehem hat seine Bestimmung erfüllt: Die Sterndeuter fanden das Hl. Kind in der Krippe liegend – und schon wieder gehören die Weihnachtstage der Vergangenheit an. Mit vollem Bauch jammern wir scherzend, wie viele Kilos wir wohl zugelegt hätten.

Zum Jahreswechsel reflektieren wir die vergangenen zwölf Monate: Gutes und Schweres, die besonderen Sternstunden. Stars und Sternchen äussern Wünsche fürs neue Jahr (Gewichtsabnahme in den Top Ten), Ökonomen prognostizieren Wirtschaftszahlen, Zukunftsforscher sagen IT-Trends voraus und Astrologinnen analysieren, unter welchem Stern dieses Jahr wohl stehen wird.

Werfen wir dazwischen einen kurzen Blick in die Vergangenheit – back to the future: 100 Jahre sind ein Klacks. Im Jahr 1918 war meine Grossmutter 18 Jahre alt. Durch den Ersten Weltkrieg und eine Kältewelle litten sogar die Schweizer Schulkinder unter Mangelernährung. Ein Sechstel der Bevölkerung lebte unter dem Existenzminimum. Zusätzlich starben 25'000 Einwohner an der grössten, je da gewesenen Grippeepidemie (wie mein Grossonkel). Unser Land stand am Rand eines Bürgerkriegs. Die sozialen Probleme entluden sich im Landesstreik, der durch das «Oltener Aktionskomitee» ausgerufen wurde. Er dauerte keine drei Tage an, brachte jedoch Entlastung für die Ärmsten. Innerhalb der nächsten 100 Jahre sollten alle sozialen Forderungen des Komitees auf demokratischem Weg Erfüllung finden.

«Per aspera ad astra.» Diese lateinische Redewendung meint: «Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen». Es gibt keinen bequemen Weg von der Erde hin zu den Sternen. Er verlangt uns etwas ab, nämlich zusammenzuhalten und die grossen Linien zu sehen, um weise Entscheidungen zu fällen. Welche, die in die Zukunft führen.

Mensch, wie gut geht’s uns doch heute jenseits von Hunger und Kälte. Grund genug, glücklich und zufrieden zu sein: ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Und, wenn wir krank sind, ein Spital um die Ecke.

Jein? Ist dieses Gegenwartsbild zu rosig?

Eine halbe Million Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze – im reichsten Land der Welt. Wir haben es noch nicht geschafft, eine gute und gerechte Altersvorsorge auf stabile Beine zu stellen. Unsere Krankenkassenprämien explodieren, während die Ökonomisierung des Gesundheitswesens nicht mehr die Bedürfnisse des Patienten und die des Personals in den Mittelpunkt stellt.

Die freundlichen Kassendamen werden schleichend durch Automatik ersetzt. Sind wir solidarisch mit ihnen?
Wir diskutieren über Roboter in der Pflege und legen einsamen, dementen Menschen künstliche Robben in den Arm. Es fehle an menschlicher Präsenz, an Zeit. Im reichsten Land der Welt ...

Das neue Jahr ist angebrochen – rund um den Globus halten wir den Atem an: Was ist Deine Bestimmung, 2018?

Ich muss Dich erst kennenlernen. Liegt in Dir eine Bestimmung? Eine Tendenz, ein besonderer Weg, ein Scheideweg vielleicht? Wirst Du ein grosses Unglück über uns bringen oder eine unerwartete Freude?

Wir brauchen einen Leitstern. Und wir brauchen Menschen, die immer mal wieder da hoch schauen, und sich den Weg weisen lassen. Keine Narzissten und Egomanen, sondern solche, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen, solche, die es vermögen, Brücken zu schlagen.

Meine Wenigkeit ist bloss ein Sternchen unter vielen.

Doch ich will im neuen Jahr die richtigen Prioritäten setzen. Diesmal möcht ich’s wirklich schaffen, das stille grosse Glück im Wesentlichen zu erkennen. Mich immer wieder an das Gute zu erinnern, dankbar zu sein für die Frucht vergangener Generationen. Und mit dem Leitstern, strahlend hoch oben am Himmelszelt, will ich diejenigen nicht vergessen, die zu den Menschen unterhalb der Armutsgrenze gehören, mitten unter uns. Vielleicht schaffen wir es doch noch, auch für sie die Sterne vom Himmel zu holen!

*Die Autorin ist römisch-katholische Theologin, sie lebt in Olten.

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