Verkehrsprobleme
Autobahnzubringer: Oberaargau hofft auf Solothurn

Links-grüne Autobahnzubringer-Kritiker wurden auf dem falschem Fuss ertappt. Dafür keimt unter Bauern Widerstand.

Samuel Thomi
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Von Bützberg übers Land auf die A1: Bei Bauern umstritten.

Von Bützberg übers Land auf die A1: Bei Bauern umstritten.

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Die Einladung ging an alle Medien. Doch kein Journalist interessierte sich letzten Mai für den Medienanlass der Mobilitätsplattform Emmental-Oberaargau. Dabei präsentierten die Gegner der 370-Millionen-Franken-Umfahrung Burgdorfs damals Alternativen, wie der tägliche Stau beim Spital rascher und günstiger mittels Unterführung aus der Welt geschafft werden könnte. «Alle dachten wohl, nach dem klaren Nein von National- und Ständerat zur Aufnahme der Autobahnzubringer Emmental und Oberaargau ins Nationalstrassennetz seien die utopischen Pläne vom Tisch», blickt Christoph Waber zurück. Doch der Geschäftsführer der Mobilitätsplattform Emmental-Oberaargau irrte. Vor zehn Tagen verlieh Berns Regierung den Strassen-Turbos unverhofft Schub.

«Auch wir wurden vom Entscheid der Regierung überrascht», sagt Stefan Costa. Allerdings positiv. Der Neo-Grossrat und Geschäftsführer der Region Oberaargau ergänzt: «Natürlich stehen für uns nach wie vor die Umfahrungsvarianten im Vordergrund.» Ihn interessiere aber auch, was sich aus den überarbeiteten Varianten zur Sanierung der Ortsdurchfahrten Burgdorf und Aarwangen ergebe. Nach Problemen bei ersten Bohrungen für eine Brücke bei Aarwangen liefen die Projektarbeiten nach Plan, heissts beim Kanton.

Bis sich Bevölkerung, Parteien und Verbände Ende Jahr zu den Vorprojekten äussern können, lobbyiert Stefan Costa auch bei den Nachbarn im Norden. Vorab beim Kanton Solothurn und der Gemeinde Oensingen: «Treten wir gegenüber dem Bundesamt für Strassen geeint auf, steigen die Chancen auf Unterstützung durch den Bund.» Anlass dazu ist der Ausbau der Autobahn 1 zwischen Luterbach und Härkingen auf sechs Spuren und die damit nötigen flankierenden Massnahmen im Bereich Langenthal-Aarwangen und Niederbipp-Oensingen. Diese sehen Promotoren der Autobahnzubringer wie Costa nämlich als «zweiten Finanzpfeiler, auf den man sich abstützen muss.»

Schafft Rot-Grün, was Bürgerlichen versagt blieb?

Seit 40 Jahren wird diskutiert, wie das Emmental und der Oberaargau besser an die Autobahn 1 angeschlossen werden können. Viel zu reden gibt darum, dass nun ausgerechnet eine rot-grüne Berner Regierung den Bau der neuen Strassen entscheidend voranbringen soll. Auf den zweiten Blick erstaunt der Entscheid aber kaum: Bereits bei den letzten Wahlen enthielt sich gegenüber den Umweltverbänden einzig Bernhard Pulver (Grüne) der Stimme. Allerdings spielt die auf dem Papier rot-grüne Mehrheit keine Rolle: Will SP-Baudirektorin Barbara Egger die Strasse bauen – was sie in der Vergangenheit entgegen dem klaren Willen ihrer Partei und der Grünen stets betonte –, reichte die Zustimmung der bürgerlichen Kollegen für eine Mehrheit; sofern das Geschäft im Regierungsrat überhaupt umstritten war. (sat)

Fragt sich: Ist das Lager der ZubringerBefürworter wirklich derart geschlossen? Der Teufel dürfte im Detail stecken: «Für die Verkehrsprobleme im Emmental und Oberaargau braucht es eine Lösung, das ist sonnenklar», sagt Hans Jörg Rüegsegger. Der Präsident der Berner Bauern (Lobag) schränkt aber ein: «Künftige Projekte dürfen nicht einseitig auf Kosten des Kulturlandes gehen.» Darum wehrt sich der Lobag-Präsident etwa vehement gegen den ebenfalls geplanten Ausbau der A1 auf sechs Spuren zwischen Bern und Kirchberg. Bis die Projekte der Verkehrssanierungen Emmental und Oberaargau jedoch vorlägen, wolle er nicht im Detail Stellung nehmen. Auch nicht, ob er diese aufgrund der langen Vorgeschichte als neue Projekte einstuft.

Für die Befürworter neuer Schnellstrassen lauert hier nämlich ein weiterer Fallstrick: die Kulturlandinitiative. Lobag, Grüne und BDP wollen damit in die Verfassung schreiben, dass der Kanton «wertvollen Boden» schützt. Was der Grossteil der intensiv genutzten Flächen im Lyssachschachen sowie zwischen Niederbipp, Bannwil und Bützberg zweifelsohne sind. Nebst Rüegsegger sitzt im Initiativkomitee auch Heinz Siegenthaler, Präsident der bernischen BDP und Nationalrat aus Rüti: «Die Initiative zielt nicht auf einzelne Projekte ab, sondern will die raumplanerischen Instrumente für den Kanton verbessern, um das Kulturland zu schützen.» Daneben seien sich die Initianten «durchaus bewusst, bei Einzelthemen unterschiedlicher Meinung zu sein.» So steht etwa die BDP – anders als die Grünen – seit Jahren hinter den Strassenprojekten. Kulturland hin oder her.

Seit zehn Tagen spielen solche Überlegungen jedoch kaum noch eine Rolle. «Ist die Finanzierung der übrigen Grossprojekte im Kanton finanziert, sind nun vielleicht der Oberaargau und das Emmental dran», sagt Adrian Wüthrich. Diese Aussage lässt aufhorchen. Der SP-Grossrat war einst Co-Präsident des VCS Oberaargau und Präsident des Zubringer-kritischen Netzwerk Verkehr. «Im Sommer setzte ich mich in Aarwangen in ein Café und war überrascht vom Verkehr, besonders von den vielen Lastwagen.» Die Zunahme seit dem letzten Projekt vor zehn Jahren bestätigt der Kanton zwar. Der Anstieg sei jedoch vergleichbar mit anderen Kantonsstrassen›; auch punkto Schwerverkehr, entgegnet man in Bern.

So verbleiben als bekannte Gesichter im Kampf gegen die Autobahnzubringer im Emmental und Oberaargau Christoph Grimm, GLP-Grossrat aus Burgdorf und als unermüdlicher Kämpfer für «sinnvolle, kombinierte Mobilität» auch beteiligt an den Alternativen zur Querung der Bahnlinien beim Spital. Und Reto Müller, SP-Grossrat und Gemeinderat aus Langenthal. Denn trotz der Fusion der Strassengegner und trotz professioneller Geschäftsstelle benötigten die in der Mobilitätsplattform Emmental-Oberaargau zusammengeschlossenen neun Umweltverbände fast eine Woche um auf den neuesten Vorschlag der Berner Regierung zu reagieren.