«Ich wollte die Routine durchbrechen», erklärt Carlos Ramírez aus der Dominikanischen Republik. Seit Mitte August lebt der 18-Jährige in Recherswil. Ein Jahr lang wird Cornelia Felder seine «Mutter» sein, Daniel Felder sein «Vater» und Andrés sein «Bruder».

Seine Heimat Santo Domingo, wo er mit Schwester und Mutter lebte, gegen die Schweiz einzutauschen, entschied Carlos nach einer Informationsveranstaltung der Austauschorganisation AFS. Vor seiner Ankunft in der Schweiz wusste der Austauschschüler nur wenig über seine Gastfamilie. «Das ist das Interessante. Dieses Jahr ist ein Abenteuer», so der 18-Jährige.

Gastsohn hält Familie flexibel

Mit seiner Ankunft in der Schweiz hat Carlos nicht nur die eigene, sondern auch die Routine seiner Gastfamilie durcheinandergebracht. «Das Beherbergen eines Austauschschülers ist ein Ausbruch aus dem normalen Leben», erklärt Vater Daniel Felder. Gasteltern zu sein, halte einen flexibel, fügt Cornelia Felder an.

«In den ersten Tagen nach Carlos’ Ankunft haben wir uns speziell Zeit genommen für ihn», so Cornelia Felder. Das neue Familienmitglied musste auf der Gemeinde angemeldet werden, mit der Gegend vertraut gemacht oder beim Nutzen des Schweizer Bus- und Zugsystems unterwiesen werden. «Viele Dinge, die für uns alltäglich sind, sind den Austauschschülern total fremd», haben Felders festgestellt. «Anfangs haben mich die Essenszeiten irritiert», erklärt Carlos. «Hier gibt es schon um sechs Abendessen – das ist viel zu früh für mich.» Begeistert festgestellt habe er dagegen, dass das Schweizer Transportsystem funktioniert. «Das bin ich nicht gewohnt.» Zudem wirke alles so klein in der Schweiz. «Die Städte hier haben die Grösse von Dörfern.» Und auch das kühle und nasse Wetter sei gewöhnungsbedürftig, fügt Carlos grinsend an und rückt dabei seinen Stuhl in die Sonne.

«Durch das Zusammenleben mit einer Person aus einem anderen Kulturkreis erleben wir unseren Alltag bewusster und überdenken unsere Gewohnheiten», so Daniel Felder. «Beim Einkaufen zum Beispiel überlegen wir nun, weshalb wir ein bestimmtes Produkt kaufen oder welche Mahlzeiten wir Carlos gerne probieren lassen wollen – etwa Raclette und Fondue.» Felders machen gelegentlich Ausflüge in verschiedene Ecken der Schweiz. «Ich war schon in Basel, Bern, Luzern, Zürich, Olten und Lungern», zählt Carlos auf. «Durch diese Beschäftigung mit unserem Land merken wir, dass wir stolz sind, Schweizer zu sein», so Cornelia Felder.

Einzelkind mit Geschwistern

Die Familie Felder beherbergt mit Carlos bereits zum dritten Mal einen Austauschschüler. Vor sechs Jahren bekam der heute 10-jährige Andrés die erste Austauschschwester; Anna aus Ecuador. Es folgte Daniela aus Kolumbien. «Es ist super, einen Bruder zu haben», so Andrés. «Mit ihm kann ich Fussball spielen.» Ausserdem gamen die Brüder gerne. «Die beiden lösen manchmal sogar gemeinsam Hausaufgaben», ergänzt Daniel. Er kopiere dann Andrés’ Schulaufgaben, damit Carlos diese parallel lösen kann. «Das Sachniveau wäre für Carlos zu tief, da ihm die deutsche Sprache aber noch Mühe macht, sind die Aufgaben eine ideale Übung», so der Vater.

Schon im Fussballverein

«Dass wir auf Carlos mit spezieller Rücksicht eingehen, ist für unseren Sohn sicher nicht immer einfach», ist sich Cornelia Felder bewusst. «Wir sprechen seit Carlos’ Ankunft zum Beispiel zu Hause fast nur Englisch. Und Andrés versteht kaum Englisch», gibt Daniel ein Beispiel. Nach Carlos’ sechster Aufenthaltswoche wolle man in der Familie konsequent nur noch Deutsch sprechen. Nun am Anfang helfe Englisch Carlos noch, vollkommen in der Familie anzukommen. «Dass die Austauschschüler einen Familienanschluss suchen und finden, ist uns sehr wichtig», erklärt Daniel Felder. Carlos’ offene, lebendige Art und seine Begeisterung für Sport trügen zur schnellen Integration in die Familie bei. So spielt Carlos im selben Verein Fussball wie sein Gastbruder und geht wöchentlich mit Vater Daniel joggen.

«Ich mag die Freiheit, die ich hier erfahre», bilanziert Carlos nach dem ersten Monat im neuen Leben. «Ich kann mich frei in die Schule hinein- und wieder hinausbewegen.» Mittags gehe er etwa in der Stadt essen. In Santo Domingo wäre das nicht möglich gewesen. Ausserdem ist Carlos von den Schweizern begeistert. «Ich habe mir die Schweizer viel verschlossener vorgestellt. Sie sind aber total nett.» Die Schweizer seien zudem viel organisierter als die Dominikaner. «Zum Glück bleiben mir noch 10 Monate hier.»