Ausstellung
Über die Erinnerung und das Vergessen: Kunstmuseum Olten präsentiert die Ausstellung «Memory»

Krieg, Katastrophen, Kleidungsstücke: Auf drei Etagen des Kunstmuseums Olten gibt's Werke zum Thema Erinnerung zu sehen – und zum Thema Vergessen.

Vanessa Simili
Drucken
Teilen
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
9 Bilder
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.
Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.

Impressionen der Gruppenausstellung «Memory» im Kunstmuseum Olten.

Bruno Kissling

Dass wir die Pandemie so schnell nicht vergessen werden, ist geschenkt. Doch wie wird sie ins kollektive Gedächtnis Eingang finden? Es sind diese und andere Fragen zum Erinnern und Vergessen als menschliche Fähigkeiten, die einen die aktuelle Ausstellung des Kunstmuseums Olten vergegenwärtigt. Subtil und implizit. Mit «Memory.

Über die Erinnerung und das Vergessen in ungewöhnlichen Zeiten» vereinen Kuratorin Dorothee Messmer und Co-Kuratorin Katja Herlach über 30 zeitgenössische Positionen und einige Werke aus der Sammlung zu einer reichhaltigen Ausstellung. Über drei Stockwerke taucht man ein in die facettenreichen künstlerischen Annäherungen, die in ihrer Herangehensweise sowie medial äusserst unterschiedlich ausfallen.

Erinnerung an Sommertage... und Krieg

Mit der Installation «Wiese» des Zürcher Künstlerduos huber.huber startet der Rundgang, der einen zuerst einmal an das ganz persönliche Erinnern erinnert. Eine grossformatige Schwarz-Weiss-Fotografie von wild wachsendem Rasen, genauer einer ungemähten Wiese, im unteren Bereich darüber und daneben gehängt drei deutlich kleinere gerahmte Schwarz-Weiss-Fotografien der vermutlich gleichen Wiese, hinter grün eingefärbtem Glas. Ein Diffusor links neben der Fotografie verströmt den Duft von frisch geschnittenem Gras. Dieser weckt im Betrachter eine positive Wertung, wenn nicht sogar eigene Erinnerungen an vergangene Sommertage.

Erst der zweite Blick, spätestens aber die Lektüre des Saaltextes, entlarvt die Wiese als Bombenkrater. Die vermeintliche Idylle kippt damit schlagartig ins Gegenteil. Über die Gräueltaten des Kriegs vermag kein Gras zu wachsen. Oder beginnen sie im kulturellen Gedächtnis tatsächlich zu verblassen?

Das Verschwinden eines Dorfes

Als Akt wider das Vergessen ist Andrea Goods raumfüllende Arbeit «Sasc-Sasso» von 2020 zu verstehen. Der Murgang in Bondo im Val Bregaglia von 2017 – mit einem Abbruch von 3 Millionen Kubikmeter Gestein, einer Geschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde und acht Toten – hat auch drei Jahre danach noch tiefe Furchen in der Topografie hinterlassen. Und nicht nur dort. In der Technik der Camera obscura hat sie die Bilder dieses vernarbten Bodens, ja des verwundeten Dorfes direkt auf das Papier belichtet. Ihre Camera obscura ist ein Lastwagencontainer, den sie unter anderem auch in der Deponie aufstellen liess, in der im Rahmen der Räumungsarbeiten Geröll und Schlamm abgeladen wird.

Mit einer Belichtungszeit von bis zu zwei Stunden brennt sich die Hinterlassenschaft dieser Naturgewalt langsam in das Fotopapier, welches seinerseits ein gewisses Eigenleben an den Tag legt. Sie wolle es nicht stärker bändigen, so die Künstlerin, die beim Besuch in der Ausstellung anwesend war. Sie habe die Panoramabilder auch in der Mehrzweckhalle in Bondo ausgestellt, durch welche der Murgang hindurchgegangen war. In der Spiegelung – die Fotografien sind als Negativ zu sehen – hätten die Bewohnerinnen und Bewohner Dinge entdeckt, die sie zuvor noch gar nie wahrgenommen hatten.

Good hält nicht nur dokumentarisch fest, durch die Umkehrung ins Negativ und die Farbgebung passiert eine Verschiebung in der Wahrnehmung, die Verborgenes sichtbar macht und Fragen aufwirft. Und es ist nicht weiter erstaunlich, dass es bei Ortskundigen teilweise andere sind als bei Unkundigen.

Spuren der Veränderung

Es sind die sichtbaren Spuren der Transformation, welche Zeit als solche überhaupt messbar machen. Insofern vermögen genau diese im Hier und Jetzt wahrnehmbaren Spuren der Vergangenheit Erinnerungen zu wecken. Und wenn es sich dabei um unzählige Schnitte im Boden eines Kuchenblechs handelt, wie in der grossformatigen Fotografie «Form» von Alexandra Meyer. Jeder Schnitt auch ein Einschnitt. Sichtbar. Fühlbar. Eine Reminiszenz an vergangene Mahlzeiten, Festessen, Geburtstagsfeiern. In der Vergrösserung und durch die frontale Präsentation findet Entfremdung statt; die Form wird abstrakt und damit zur Projektionsfläche.

Annatina Graf nimmt in ihrer fünfteiligen Gemäldeserie «Was bleibt» ebenfalls Spuren der Veränderung auf, wenn auch anderer Art: Zurück- und Liegengelassenes. Eine zusammengestauchte Matratze, ein Kleid, eine zerknäuelte Bettdecke. Dass es sich dabei um «ihr eigenes Hochzeitskleid» handelt, wie von Katja Herlach zu erfahren ist, bleibt der Betrachterin als Information normalerweise verwehrt. Diese ist auch wenig relevant, denn die lasierende Art der Malerei – in unzähligen Ebenen wird das Bild in den Primärfarben Magenta, Cyan und Citron aufgebaut, plus Gold – scheint diese Zugehörigkeit, ja die Spezifik der Gegenstände, weiter aufzulösen. Als ginge es nicht um genau dieses Kleid, sondern um ein Kleid, vielleicht sogar «dein» Kleid. Auf eine leichte, filigrane Art, fast transzendent anmutend, spielt die Umsetzung der Gegenstände auf einen universellen Charakter jener an.

Alltägliche Gegenstände als Anker der Erinnerung

Es sind Gegenstände allgemeiner, alltäglicher Art, die unweigerlich in der jeweils eigenen Erinnerung Assoziationen finden: Bilder, Erlebnisse, Imaginationen. Damit thematisieren sie das zentrale Moment des Erinnerns: die Vergänglichkeit.

Und wenn das Gedächtnis schwindet? Auch davon handelt «Memory». Regula Webers Grafitzeichnungen beispielsweise zeigen Strickobjekte, man könnte sie fast «Kleidungsstücke» nennen, wenn da nicht eine gewisse Unstimmigkeit auszumachen wäre: Ein Ärmel mit zwei Bündchen, ein Rückenteil, das unten schmal zusammenläuft.

«Die Pullover wurden von ihrer an Demenz erkrankten Mutter erschaffen, die trotz ihres krankheitsbedingten Erinnerungsverlusts bis zu ihrem Tod noch eifrig strickte», halten die Kuratorinnen fest. Obwohl offenbar durch die jahrzehntelange Praxis fest im Gehirn verankert, entwickeln die gestrickten Teile bei ihrer Entstehung ein Eigenleben, als würden die Hände sich verselbständigen. Und wie das Stricken selbst einem Automatismus zu folgen scheint, ist auch dem Grafitstift eine Selbstverständlichkeit anzusehen. Nur die Erinnerung könnte ihn stören.

Kunstraum am Bahnhof Olten: Zwei der vier hinter Glas gezeigten Werke.

Kunstraum am Bahnhof Olten: Zwei der vier hinter Glas gezeigten Werke.

Bild: Bruno Kissling

Analog präsentiert – digital zu verkaufen

Das von Künstler-Kuratorin Clare Goodwin initiierte Zürcher Projekt StudioK3 ist bis Ende 2021 im Kunstmuseum Olten installiert. Während des Lockdowns im März 2020 ins Leben gerufen, gibt das Projekt eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke trotz der erschwerten Bedingungen analog zu präsentieren und über die digitale Plattform zu verkaufen www.studiok3.ch. Den Dienstraum am Bahnhof Olten bespielt mit der 14. Intervention des Basler Künstlers Daniel Karrer. Mit seiner für diesen Ort geschaffenen, räumlich inszenierten Hinterglasmalerei bezieht er sich auf die Materialität des gläsernen Dienstraum-Kubus auf dem Perron 7 des Bahnhofs. Karrer stellt Fragen nach dem Bild und der Wahrnehmung an sich – und denkt damit aber auch über das Wesen und die Möglichkeiten der Malerei in einer vom bildschirmgeprägten Welt nach. Zu sehen bis Mitte Juni 2021. Einblicke in die Museumsarbeit und Hintergrundinformationen zu den Ausstellungen und zur Sammlung sind neu über den Blog zugänglich www.derlift.tumblr.com. Auf Veranstaltungen im Museum muss zurzeit verzichtet werden. (vs)

Die Ausstellung ist bis zum 18. April zu sehen.
Neu erweiterte Öffnungszeiten: Di–Fr 12–17 Uhr, Sa und So 10–17 Uhr. Sonderöffnungszeiten über Ostern: Ostersamstag bis Ostermontag von 10–17 Uhr.



Aktuelle Nachrichten