Vergleich

Ausgerechnet der Brückenkanton Solothurn liegt bei Schüleraustausch auf dem letzten Platz

In den Schüleraustausch über die Sprachgrenzen hinweg soll neuer Schwung kommen.

Beim Schüleraustausch mit anderen Sprachregionen steht Solothurn im schweizerischen Vergleich ganz am Schluss. Das soll sich nun ändern, man holt neuen Anlauf für den Sprung über die Sprachgrenze.

Mehr Schüler und Schülerinnen sollen von einem Austausch mit Gleichaltrigen anderer Muttersprache profitieren, im Klassenverband oder einzeln. Schliesslich versteht sich Solothurn als Brückenkanton zur Romandie. Dieses Ziel hat sich das Volksschulamt auf die Fahne geschrieben, nachdem der Kanton bei der Erhebung der landesweiten Austauschzahlen unrühmlich auf dem letzten Platz gelandet ist.

Einerseits seien bei dieser nationalen Statistik unterschiedliche Daten verglichen worden, argumentiert Andreas Walter, Vorsteher des kantonalen Volksschulamts. So liegt die Zahl für den Austausch 2017 bei 127 Schülern – nicht bloss, wie in diversen Medien kolportiert, bei 17 (dabei handelt es sich lediglich um die Mittel-, Berufs- und Fachmittelschüler). Andererseits gibt Andreas Walter zu: «Es stimmt, dass der Schülerinnen- und Schüleraustausch in den letzten Jahren für das Bildungsdepartement keine strategische Priorität darstellte.»

Hoffnung auf neuen Schwung

Paradoxerweise ist am bisher geringen Interesse ausgerechnet der Fremdsprachenunterricht Schuld. Die Vorverlegung des Französisch- und Englischunterrichts in die dritte beziehungsweise fünfte Primarklasse zog für die Lehrkräfte und Schulen umfangreiche Weiterbildungen und Neuorganisationen nach sich. Nun soll das kantonale Schulwesen endlich wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen. Damit sollen an den Schulen Ressourcen für den Schüleraustausch frei werden. Auch die neue kantonale Austauschverantwortliche Rahel Schweiter, seit Anfang Jahr im Amt, soll Schwung in den Schüleraustausch bringen. Zu verbindlichen Zielsetzungen oder gar einem Zeitplan hat man sich indessen bisher nicht durchringen können.

Hoffnung auf mehr Austausch über die Sprachgrenzen hinweg macht dem Volksschulamt die nationale Agentur Movetia mit Sitz in Solothurn. Sie hat das Aufgabengebiet «Schüleraustausch» vor zwei Jahren von der ch-Stiftung geerbt. Mithilfe von Movetia soll der Kontakt in andere Sprachregionen erleichtert und dafür ein Netzwerk zwischen Schulen geknüpft werden.

Höhere Beiträge

Tatsächlich wartet Movetia aktuell mit einer erfreulichen Nachricht auf. So wird der Pauschalbeitrag pro Reisetag und Schüler per 1. Februar auf 15 Franken steigen. Bisher waren es 10 Franken. Pro Austauschtag und Schüler zahlt die Agentur 5 Franken an die Unkosten, pro Übernachtung (ausser in Gastfamilien) 10 Franken. Hinzu kommt die Organisationspauschale pro Klasse von 150 Franken, wie Christine Keller, Bereichsleiterin Schulbildung und Erwachsenenbildung, ausführt. Aus anderer Quelle sind gewisse Grundlagen für einen Austausch längst vorhanden.

So bewährt sich die Integration einzelner französischsprachiger Oberstufenschüler ins zehnte Schuljahr (und umgekehrt von deutschsprachigen in der Romandie) im Rahmen des interkantonalen Regionalen Schulabkommens RSA seit zehn Jahren. Je ein Schüler schliesst in den Städten Olten, Grenchen und Solothurn im Schnitt seine Schulkarriere ennet der Sprachgrenze ab. Die Oberstufen hätten nichts dagegen, wenn es ein oder zwei mehr wären. Die Kosten pro Kanton und Schuljahr: 18'000 Franken.

(K)ein Picknick

Die Nachfrage bei den Schulen der Städte zeigt: Man ist sich bewusst, dass die Organisation und Durchführung von Projekten zum Schüleraustausch kein Picknick werden wird. Der Aufwand dafür ist beträchtlich. Warum aber nicht gerade mit einem Picknick anfangen – unkompliziert und ausserhalb des Klassenzimmers?

Diese Frage hat der Grenchner Gesamtschulleiter Hubert Bläsi letztes Jahr mit dem Stadtpräsidenten von Moutier, Marcel Winistoerfer, besprochen. Entscheidungen seien noch keine getroffen worden, betont Bläsi. «Aber die Chance mit der Sprachgrenze direkt vor der Haustür ist zu gut, um sie nicht zu packen. Wenn Schulklassen aus Grenchen und Moutier sich oben auf dem Berg zum Bräteln treffen, dann werden Berührungsängste abgebaut. Das gilt für die Schüler ebenso wie für die Lehrpersonen.»

Die Schüler dürften sich so eher für die Kollegen hinter dem Berg interessieren und die Lehrerinnen und Lehrer bekommen einen Motivationsschub sich zu vernetzen.

Gut gemeint, aber …

Der Leiter der Sekundarstufe Olten, Hansueli Tschumi, legt den Finger zielsicher auf einen wunden Punkt. Zugleich liefert seine Argumentation eine Erklärung dafür, warum der Schüleraustausch landesweit bisher nicht recht zum Fliegen gekommen ist: «Das Projekt ist gut gemeint und hat absolut Potenzial. Doch die schulische Realität macht eine Umsetzung schwierig. Jede Woche haben wir auf der Oberstufe einen speziellen Anlass: Prävention, Information, Vorstellungsgesprächtraining und vieles mehr.

Da bleibt kaum Kapazität. Hinzu kommt, dass Movetia keine Stellvertretung für die Lehrperson zahlt, die mit ihrer Klasse für verreist. So müssen die Berufskollegen die Lücken füllen und solidarisch den Austausch mittragen. Hinzu kommt: Eine einzelne Woche in der Romandie ist für den Spracherwerb ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Erfreulicherweise hat Hansueli Tschumi an seiner Schule ein Beispiel, wie Horizonterweiterung im Sprachunterricht funktioniert, im Wahlfach Italienisch (ab der 8. Klasse): «Erstmals haben sich in diesem Schuljahr fast 40 Schüler dafür angemeldet, ein nie da gewesenes Phänomen. Zum Unterricht gehört eine Reise pro Schuljahr ins Tessin. Ausserdem haben die Schüler die Gelegenheit, ein Sprachzertifikat zu erwerben, das in der Arbeitswelt etwas zählt. Das schafft für die Jugendlichen einen Anreiz.»

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