Museumsbesuch
Ausflug für lernbehinderte Kinder - Integration ist das Wichtigste

Naturschutz und Behindertensport? Das eine schliesst das andere nicht aus. JUNAktiv Solothurn und die Stiftung Arkadis Olten spannen zusammen und bieten Ausflüge zum Thema Natur für Leute mit Behinderung an.

Beatrice Kaufmann
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Interessiert werden die Angebote im Naturama in Aarau begutachtet und ausprobiert.

Interessiert werden die Angebote im Naturama in Aarau begutachtet und ausprobiert.

Bea Kaufmann

Es ist ein ungemütlicher Tag, den mancher unter der Bettdecke verbringen dürfte. Der Jugendnaturschutz Solothurn (JUNAktiv) hat es sich allerdings zur Aufgabe gemacht, junge Menschen für die Natur zu sensibilisieren – bei jedem Wetter. Leiter Christoph Hoffelner ist entsprechend abgehärtet, doch heute bliebe er auch ganz gerne drinnen.

Der Aargauer ist seit rund zwei Jahren Jugendnaturschutzleiter. Sein Zuhause ist aber im Behindertensport, bei PluSport. Bei ihm selbst wurde das
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts- syndrom, kurz ADHS, diagnostiziert. Heute ist er Sozialarbeiter und sprüht vor Energie und Kreativität, was sich unter anderem in ambitionierten Projekten äussert. Sein Hauptanliegen: Integration. Und so verbindet er Behindertensport und Naturschutz in Form von integrativen Anlässen für JUNAktiv. Heute mit einem Ausflug ins Naturmuseum in Aarau, Naturama.

Marc und Janick sind Fans des EHC Olten. Das muss niemand erfragen, das erfährt, wer im Zug mitreist. «Christoph, der SCB hat in der letzten Zeit nicht so gut gespielt», foppen sie ihren ehemaligen PluSport-Leiter liebevoll. Die jungen Männer haben, wie Hoffelner auch, ADHS und sind entsprechend bewegungs- und mitteilungsbedürftig. «Sie sind aber stärker eingeschränkt, als man meinen könnte», weshalb sie in geschützten Werkstätten arbeiten, wie Hoffelner erklärt. Auf der Anreise noch überdreht, werden die beiden im Naturama ruhiger. «Jö, die sind härzig.» Winzige Mäuse haben Janick und die anderen Teilnehmer in ihren Bann gezogen. Fasziniert werden die kleinen Tiere beim Herumtollen beobachtet, bevor die Gruppe weiterzieht und gespannt vor dem nächsten Terrarium stehen bleibt. «Ist die echt?» Ja, ist sie, wird man sich einig. Auch wenn die giftgrüne Python sich zusammengerollt hat und keinen Mucks macht. Zunächst noch als Gruppe unterwegs, verteilen sich die Teilnehmer im Folgenden je nach Interesse auf den drei Stockwerken. Christoph Hoffelner und Irma Kiefer, Leiterin von Arkadis, lassen ihren Schützlingen in den kommenden vier Stunden viel Freiraum. Das geht, da das Museum übersichtlich ist und die Leiter den Teilnehmern zwischen 8 und 22 Jahren vertrauen. «Sie sind genügend selbstständig», erklärt Hoffelner. Zudem kann so jeder seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend das Museum erkunden.

Denn während jene ohne Einschränkungen vieles schnell verstehen, brauchen die anderen manchmal mehrere Anläufe. Und so vertiefen sich die Jüngeren in einem Wand-Puzzle zum Thema Froschwanderung, während die Älteren sich im künstlichen Stollen umschauen. Angelika hält sich an die Leiter und erforscht mit ihnen die Schweiz, als sie noch von Gletschern beherrscht wurde. Und Tobias? Er streift im Alleingang durch das Museum, wobei es ihm vor allem die interaktiven Bildschirme angetan haben. Tobias ist, wie auch Gioya und Jonas, Autist. Die drei bleiben folglich häufig etwas abseits des Geschehens und beobachten. Als Cedric,
Mathieu, Ruben und David im «Forschungslabor» aufgeregt Biberdämme nachbauen, liest Gioya das Büchlein zum Spiel. Ihre Stärke liegt offenbar in ihrer Ruhe, die ihr später hilft, als sie Düfte errät und Gegenstände ertastet. Diesbezüglich bietet das Naturama für alle Bedürfnisse etwas.

Der Ausflug ins Naturama ist erst der zweite seiner Art. «Letztes Jahr waren wir in den Beatushöhlen», erzählt Hoffelner. Die jungen Menschen verstehen sich aber gut, auch wenn sie einander noch nicht gut kennen und damit kleinere Berührungsängste haben. In gemeinsamen Spielen zeigen sie aber Verständnis füreinander. Und die Leiter leben das Wichtigste vor, indem sie alle gleich behandeln. Am Ende des Tages zeigen sich die Leiter zufrieden: «Es ist so schön, hier sind alle gleich», findet Kiefer.

Einige Tage später wird Hoffelner sich per Mail bei den Kindern erkundigen – und positive Rückmeldungen erhalten. «Sie waren begeistert und möchten wieder mitkommen.» Für den 29-Jährigen ein Zeichen dafür, dass er mit der «gelebten Integration» auf dem richtigen Weg ist.