Praktikanten gesucht: Die Tagesschulen der Stadt Solothurn brauchen Verstärkung. Ein Jahr lang mithelfen: Kochen, Putzen, Kinder betreuen. 8,4 Stunden am Tag. 5 Tage in der Woche. Zu welchem Lohn? Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes könne man dies nicht sagen, heisst es auf Anfrage beim Solothurner Rechts- und Personaldienst. Die Löhne würden sich im Rahmen der Lohnempfehlungen des Verbands Kinderbetreuung Schweiz (kibesuisse) bewegen – zwischen 800 und 950 Franken im Monat. Zum Vergleich: Ausgebildete sollten laut Verband rund 4000 Franken verdienen.

Keine Lehrstelle ohne Prakti

Junge Leute im Praktikum – billige Arbeitskräfte für die Stadtschulen und Dumping-Löhne bei der öffentlichen Hand? Schuldirektorin Irène Schori spricht von einer «Win-win-Situation»: «Infolge ihres meist jungen Alters sind die Praktikanten den Kindern besonders nahe und werden von diesen sehr geschätzt.» Ausserdem gebe es im alltäglichen Betrieb viele Arbeiten, die von Unausgebildeten ausgeführt werden können. Je ein Praktikant arbeitet im Team der vier Tagesschulen. Lehrlinge gibt es keine. Die Jungen würden direkt betreut, als «guter Einstieg in die sozialpädagogische Berufswelt», so Schori. Wo in dieser Welt liegt die Grenze zwischen Ausbilden und Ausnutzen?

«Ich denke, von Ausnutzung kann man reden, wenn der Betrieb den Praktikanten oder die Praktikantin nicht begleitet», sagt Nadine Hoch, Geschäftsleiterin vom Berufsverband kibesuisse. Also wenn der Betrieb die jungen Leute nicht ausbildet, sondern wie Festangestellte arbeiten lässt. Rund 30 Prozent der Stellen in Kitas sind Praktikumsplätze. Vier von fünf Lernenden müssen vor der Lehre Praktika machen. Warum? Früher konnte der Beruf erst mit 18 erlernt werden. Vor rund zehn Jahren wurde diese Regelung abgeschafft. Seitdem bewerben sich auch Jugendliche. Viele Krippen wollen diese zuerst in einem Praktikum testen.


Das kann laut Hoch auch Sinn machen. Der Beruf ist sehr beliebt. Viele kämen aber mit falschen Vorstellungen. «Gerade junge Mädchen stellen sich dann etwas ‹bäbele› vor – und wissen nicht, welche Herausforderungen der Beruf mit sich bringt.» Das lernen sie im Praktikum. In der Branche kommt es im Vergleich zu anderen Berufsfeldern zudem zu weniger Lehrabbrüchen, weil schon in den Praktika aussortiert wird. Damit die jungen Leute aber auch wirklich auf eine Ausbildung hinarbeiten, sollten Krippen laut dem Verband zumindest gleich viele Lehrstellen wie Praktikumsplätze anbieten.

«Volle Arbeitskraft» für 800 Fr.

Die Oltner Kinderkrippe Schürmatt bietet beides an: Praktikumsplätze und Lehrstellen. Nur wer ein Jahr Praktikum gemacht hat, krieg eine Lehrstelle. Dadurch könnten die Jungen bereits Erfahrungen im Bereich Verantwortung und Teamarbeit sammeln, so Kita-Leiterin Gabriela Borer. Ein Praktikant unter 18 Jahren verdient 800 Franken im Monat, ältere 900 Franken. In einem zweiten Praktikumsjahr beträgt der Lohn immer 900 Franken. «Es wäre sicher von Vorteil, wenn nebst den Praktikantinnen noch mehr Fachpersonal angestellt wäre», so Borer. Aus finanziellen Gründen sei dies aber nicht möglich. «Das heisst, dass wir auch Praktikantinnen als volle Arbeitskräfte einsetzen müssen.»

Darauf verzichtet die Grenchner Kita Teddybär. «Der Beruf braucht vorgängig kein Praktikum», sagt die Leiterin Monika Zoss. Sie findet es «jungen Menschen gegenüber nicht in Ordnung», wenn Betriebe mehr Praktika als Lehrstellen anbieten. Praktikanten könnten eh nur Hilfsarbeiten ausführen. Es sei sinnvoller, Lehrlinge auszubilden. Ähnlich klingt es bei der Tagesschule Unterleberberg. Bei Kinder zwischen 4 und 14 Jahren und jungen Praktikanten sei der Altersunterschied zu gering, sagt die Leiterin der ersten Tagesschule im Kanton Solothurn, Anita Wicki, die keine Praktikanten ausstellt.

Mehr Personal – teurere Kitas

Rund 180 Praktikanten arbeiten in Solothurner Krippen (siehe Box). Wie viel Unausgebildete die Betreuungsinstitutionen überhaupt einstellen dürfen, ist im sogenannten Betreuungsschlüssel geregelt. Ein Beispiel: Bei einer 26-köpfige Gruppe beispielsweise muss mindestens die Hälfte der Betreuenden ausgebildet sein. Genauer wird es aber nicht. Das heisst: Die Gruppe kann von vier Ausgebildeten, oder zwei Fachpersonen und zwei Studentinnen, die das Diplom zur Kindererzieherin an einer Fachhochschule machen, betreut werden – aber eben auch von zwei Ausgebildeten und zwei Praktikanten. Diese Vorgaben anzupassen, würde das Problem nicht abschliessend lösen, so die kibesuisse Geschäftsleiterin.

Bereits heute sei Kinderbetreuung in der Schweiz «für die meisten Eltern so dermassen teuer», dass Kantone, Gemeinden – der Steuerzahler mitbezahlen müssen. Mit teurerem Personal stiegen auch die Preise der Kitas, die derzeit weder Eltern noch die öffentliche Hand bezahlen können und wollen. Laut Hoch führt die Lösungssuche des Problems schliesslich zu einer politischen Diskussion: Ist die Gesellschaft bereit, so viel für familienergänzende Betreuung zu zahlen?

Würde ein Praktikumsplatz durch eine besser bezahlte Stelle ersetzt, stiegen die Vollkosten einer Kita um 20 Prozent, konkretisiert die Fachstelle Familie und Generation beim Kanton Solothurn. Der Personalaufwand mache rund drei Viertel der Betriebskosten aus, erklärt Fachexpertin Corinne Gonseth Neuenschwander. «Um eine Kita kostendeckend führen zu können, lastet auf den Löhnen ein hoher Druck.»

Praktikumsdauer begrenzen?

So stellen viele Krippen Praktikanten ein. Wobei ein Vertrag höchstens ein Jahr dauern darf. Im Kanton Bern sind es nur sechs Monate – ausser der Jugendliche hat eine Lehrstelle auf sicher, oder wird mit 3000 Franken im Monat bezahlt. Sollte sich der Kanton Solothurn ein Beispiel an seinem Nachbar nehmen? Die Beantwortung dieser Frage ist laut Fachstelle noch offen. Wäre es sinnvoll? Nadine Hoch von kibesuisse verneint. Einerseits sei mit einer solchen Vorgabe das Grundproblem der ungenügenden Finanzierung der Betreuung nicht gelöst. Andererseits sei aus Sicht des Kindes ein häufiger Wechsel der Bezugsperson nicht gut. Und vor allem: «Wenn ein Praktikum nur ein halbes Jahr dauert und die Person danach keine Lehrstelle hat, unterschreibt sie halt bei einem anderen Betrieb einen Praktikumsvertrag.»