Solothurn
Aus Wut die eigene Frau erstochen: Staatsanwalt fordert 16 Jahre Gefängnis

Die Staatsanwaltschaft fordert vor dem Amtsgericht Solothurn für einen 47-Jährigen 16 Jahre Gefängnis wegen Mordes. Er hatte seine Ehefrau mit einem Küchenmesser erstochen.

Raffaela Kunz
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Das Amtsgericht Solothurn-Lebern (links) befasste sich gestern mit einer besonders brutalen Tat

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern (links) befasste sich gestern mit einer besonders brutalen Tat

AZ

Die Schreie der beiden Kinder am Morgen des 1. Juni 2009 waren bis ans Ende des Fuchsweges in Bellach zu hören. Doch weder sie noch die herbeieilenden Nachbarn vermochten Reto T.* von seiner schrecklichen Tat abzubringen.

Im Pijama stach er auf dem Vorplatz des benachbarten Grundstücks in rasender Wut mit einem Küchenmesser auf seine Ehefrau ein. «Stirb endlich, verrecke», soll er dabei geschrien haben. Die 40-Jährige verblutete nach einem minutenlangen Todeskampf noch vor Ort - vor den Augen ihrer beiden 9- und 19-jährigen Kinder und diverser geschockter Anwohner.

Der 47-jährige aus dem Elsass stammende Täter konnte direkt nach der Tat verhaftet werden. Er befindet sich in vorzeitigem Strafvollzug. Gestern nun musste er sich vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten.

Eifersucht und Geldprobleme

Dem tragischen Fall vorangegangen waren massive Beziehungsprobleme. Im Zentrum stand dabei eine Liebesbeziehung, welche die ebenfalls französische Ehegattin während einigen Monaten mit einem Kongolesen geführt hatte.

Doch auch finanzielle Probleme lasteten auf den Paar. Diese waren es auch, welche an diesem verhängnisvollen Pfingstmontag den Streit eskalieren liessen. Am Frühstückstisch eröffnete die 40-Jährige ihrem Mann, dem kurz zuvor gekündigt worden war, dass sie von ihrer Mutter Geld erhalten habe und sich einen Sportwagen kaufen werde.

Ausserdem drohte sie ihm mit dem Auszug. Im Laufe der Diskussion verlor T. die Selbstbeherrschung. Er zerrte seine Frau, die mit dem gemeinsamen Sohn auf dem Schoss am Esstisch sass, an den Haaren vom Stuhl und begann sie zu würgen. «Ich töte dich», schrie er.

Als aber seine Kräfte dazu nicht reichten, begab er sich in die Küche, um ein Messer holen. Die Ehefrau schaffte es, durch die Balkontüre zu flüchten. Auf dem Parkplatz des Nachbarhauses fiel sie jedoch hin und war ihrem Peiniger wehrlos ausgeliefert.

Mindestens neun Mal stach T. auf sein Opfer ein; weil sich dabei das Messer verbog, holte er ein neues. Der Sohn hatte sich inzwischen zur grossen Schwester ins Zimmer im ersten Stock geflüchtet. Auch er stand Todesängste aus.

«Papa, töte mich nicht», schrie der 9-Jährige. Doch auf den Sohn und die Stieftochter ging der 47-Jährige nicht los. Er spülte stattdessen in der Küche die Messer, duschte sich und zog saubere Kleider an. Das blutverschmierte Pijama deponierte er noch feinsäuberlich im Wäschekorb, bevor er sich widerstandslos der Polizei ergab.

Kaltblütiger Mörder?

Der auffällig grosse und übergewichtige Angeklagte wohnte der Verhandlung mehr oder weniger teilnahmslos bei. Die Tat hat er gestanden. «Mir war alles zu viel. Ich war unheimlich wütend», lautet T.s Erklärung. Er sei gar nicht mehr er selber und wie in einer anderen Welt gewesen.

Ein Gutachten attestiert ihm eine unterdurchschnittliche Intelligenz und mangelnde Konfliktlösungsstrategien. Psychisch krank sei er aber nicht. Zwar sei er zur Tatzeit vermindert schuldfähig gewesen, ganz im Affekt habe er indes nicht gehandelt.

Für die Staatsanwaltschaft hat T. aus rein egoistischen Motiven und in besonders grausamer und kaltblütiger Weise gehandelt. Sie verlangt eine Freiheitsstrafe von 16 Jahren wegen Mordes nebst einer ambulanten Massnahme.

Urteil am Dienstag

Ganz anders sieht T.s Verteidiger den Fall: Er beantragt fünfeinhalb Jahre wegen Totschlags. T. sei kein wandelndes Monster, sondern bereue seine Tat und habe innerhalb einer «sehr starken Einengung des Bewusstseins» gehandelt.

Die Mutter der Verstorbenen beantragt zudem Schadenersatz und eine Genugtuung in der Höhe von 40 000 Franken; die beiden Kinder sollen je 70 000 Franken zur Wiedergutmachung und ebenfalls Schadenersatz erhalten. Das Urteil wird am Dienstag mündlich eröffnet.

*Name von der Redaktion geändert