Menschen mit einer Behinderung

Aus friedlichem Schimpansen wird ein bärenstarkes Monster

Er liest und schreibt leidenschaftlich gern: Daniel Herzig. Felix Gerber

Er liest und schreibt leidenschaftlich gern: Daniel Herzig. Felix Gerber

Menschen mit einer Behinderung Daniel Herzig (40) aus Subingen leidet seit seiner Geburt an einer Form der cerebralen Bewegungsstörung. Seine grosse Leidenschaft ist das Science-Fiction. Vor einigen Jahren hat er sein Hobby zum Beruf gemacht.

Es geht in der Geschichte um ein Experiment, ein Experiment an einem Schimpansen, der an einem Herzfehler leidet. Die Bestrahlung mit einem genverändernden Laser sollte ihn widerstandsfähiger machen. Weil einer der Wissenschafter eine panische Angst vor Schimpansen hat, bestrahlt er ihn heimlich mit der doppelten Dosis und bewirkt damit eine komplette Veränderung von dessen Genstruktur.

Im Rollstuhl auf Verkaufstour

Aus dem kranken, friedlichen Schimpansen wird ein bärenstarkes Monster. Wie das Abenteuer weitergeht, wollen wir an dieser Stelle nicht verraten. Neugierige können «Das Experiment» bei Daniel Herzig, der im Behinderten-Wohnheim Kontiki in Subingen zu Hause ist, direkt bestellen. Oder: Sie sprechen ihn auf die Geschichte an, wenn er mit seinem Rollstuhl in Solothurn oder Olten unterwegs ist, um seine «Storys», an den Mann und an die Frau zu bringen.

«Das Experiment hat sich bis jetzt am besten verkauft», meint der 40-Jährige stolz. Insgesamt schrieb er in den letzten 15 Jahren 27 Science-Fiction-Geschichten, die je sechs bis zwölf Seiten umfassen.. Und er hat sie immer alle – in dreifacher Ausgabe– mit dabei, wenn er auf Verkaufstour geht.

Fantasie verleiht Flügel

«Science-Fiction ist nicht einfach nur mein Hobby, sondern es ist mein Leben», sagt Daniel Herzig. Und das schon lange bevor er selber mit dem Schreiben solcher Geschichten begonnen hat. «Mein Bruder, der um vier Jahre älter ist, hat mich darauf gebracht.» Gebannt sassen die beiden vor dem Fernseher, als zu Beginn der 70er-Jahre die ersten Abenteuer des Raumschiffs Enterprise im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Derzeit sammelt er alle Bände der Serie «Perry Rhodan» - «der grössten Science-Fiction-Serie, die es je gegeben hat».

Besonders beeindruckt hat ihn die TV-Serie Mond-Basis-Alpha-1 aus den späten 70-er und frühen 80er-Jahren, von der er mittlerweile alle DVDs besitzt. Gerne identifiziert er sich mit der Figur des Kommandanten der Mond-Basis, die nach einer Nuklearkatastrophe auf der Erde ins Weltall hinausgeschleudert worden ist und dort seither ihre Runden dreht. Manchmal trägt er sogar die Uniform des Captains, die er sich selbst hat schneidern lassen.

«Märchen mit realistischen Ideen»

«Ich finde die Fantasie in den Geschichten spannend», sagt er. «Es sind moderne Märchen, die aber auch realistische Ideen enthalten, zum Beispiel wenn Captain Kirk in Star Trek mit einem Handy telefoniert.» An solchen Ideen und Fantasien kann Daniel Herzig teilhaben, trotz seiner schweren körperlichen Behinderung. Seit seiner Geburt leidet er an einer Form der cerebralen Bewegungsstörung, die ihm wenig Handlungsfreiheit lässt.

Für viele alltägliche Verrichtungen ist er auf Hilfe angewiesen. Während seiner Schulzeit wurde er die ganze Woche über im «Schulheim» in Solothurn betreut, dem heutigen Therapiezentrum für körper-und sinnesbehinderte Kinder. «Dank der Physio- und Ergotherapie habe ich gelernt, meine Motorik etwas zu verbessern».

Sehr früh hat er sich vor allem auch daran gewöhnt, mit einem elektronisch steuerbaren Rollstuhl umzugehen, was ihm erlaubt, auch alleine unterwegs zu sein. Neben starken körperlichen Einschränkungen macht sich seine Behinderung in gewissen Lernproblemen bemerkbar, weniger beim Schreiben, sondern beim Rechnen. «Ich habe aber keine Schwierigkeiten, das Geld zu zählen, das ich einnehme», meint er spitzbübisch.

Sich anderen mitteilen

Nach der Schule absolvierte Daniel Herzig eine Ausbildung als Verpacker und arbeitete einige Jahre in der Vebo in Zuchwil. Bald aber fasste er den Entschluss, sein Hobby zu seiner Haupttätigkeit zu machen - und selber Science-Fiction-Geschichten zu schreiben. «Ich wollte etwas machen, wodurch ich mich anderen mitteilen kann.» In der Tagesstätte Gerlafingen hat er seit Mitte der 90er-Jahre den nötigen Freiraum, sich tagsüber dem Schreiben zu widmen. Unterstützt wird er dabei von seinem Arbeitsleiter, seinem «persönlichen Lektor».

«Selber Geschichten zu schreiben, macht mir so viel Spass, dass ich es mir anders gar nicht mehr vorstellen kann», bekennt er. Den Laptop, den er vor einiger Zeit von Freunden geschenkt bekommen hat, hütet er wie seinen Augapfel. Die Freude am Schreiben ist allerdings auch mit Anstrengung verbunden. Das weiss er aus eigener Erfahrung. Nicht infrage kommt nämlich für ihn, Geschichten anderer einfach zu kopieren.

«Ich setze mich intensiv mit dem Thema auseinander, lese viel, schaue Filme und langsam entsteht dann eine eigene Idee.» Zu seinen Recherchen gehört auch die Lektüre von Zeitungsartikeln, vor allem über Astronomie. Eine besondere Herausforderung sei es, so Daniel Herzig, «die Handlung zu entwickeln und den Personen einen Charakter zu geben». Er scheut sich dabei auch nicht vor grösser angelegten Handlungssträngen. «Momentan arbeite ich an einem 10-Teiler, der auch Autobiografisches enthält».

Botschafter in eigener Sache

Mit dem Schreiben allein ist es aber nicht getan. Damit sich Daniel Herzig seine IV-Rente etwas aufbessern kann, muss er Abnehmer für seine Storys finden. Und trotz seiner offenen Art ist es für ihn nicht immer einfach, fremde Menschen auf der Strasse anzusprechen. «Das gehört aber zu meinem Job, ich muss mich präsentieren, sonst kann ich nichts verkaufen.»

Mit diesem Engagement wird er zum Botschafter in eigener Sache: «Ich kann den Leuten auf diese auch Weise zeigen, dass ich jemand bin und dass ich etwas kann.» Und die vielen positiven Reaktionen beweisen, dass er respektiert wird. Da kommt er auch über die wenigen abschätzigen Bemerkungen hinweg, die hin und wieder fallen. Solche gedankenlosen Äusserungen quittiert er jeweils mit schlagfertigen Sprüchen. «Man muss sich wehren», sagt er, «sonst kommt man nirgends hin.»

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