Wie der Grenchner Historiker German Vogt in seinem Artikel im «Jahrbuch für Solothurnische Geschichte – 78. Band 2005» schreibt, gab es einige Kantons-Bewohner, die eine Karriere im NS-Staat in Deutschland aufweisen konnten. Auf seinen Forschungen beruhen die nachstehenden Angaben.

Drei Männer konnten besonders SS-Karrieren aufweisen: Kurt Gaugler (*1912) aus Solothurn galt als Bohemien und wurde wegen Diebstahl, Betrug und Unterschlagung verurteilt. Wegen seiner Fröntler-Gesinnung wurde er trotz Doktortitel nur als Hilfslehrer an der Gewerbe- und Kantonsschule angestellt. Gaugler war Mitglied der schweizerischen Nazi-freundlichen Organisation «Eidgenössische Sammlung».

Ein Bekannter sagte über ihn: «Gaugler besitzt die Fähigkeit, politisch unerfahrene Leute für seine Ideen zu begeistern, die zum Teil der besseren Solothurner Gesellschaft angehören und die sich aus irgendwelchen Gründen mit unseren politischen Einrichtungen angeblich nicht abfinden können.»

Gaugler floh im Januar 1942 nach Deutschland, weil er nicht in den Militärdienst einrücken wollte. Schon ein paar Monate später wurde er in Abwesenheit zu vier Jahren Zuchthaus, zehn Jahren Einstellung der aktiven Bürgerrechte und Ausschluss aus der Armee verurteilt. 1944 wollte er in Deutschland heiraten, erhielt aber aus der Schweiz als militärisch Verurteilter kein Ehefähigkeitszeugnis.

Mit solcher Propaganda wurde jungen Männern Abenteuer versprochen.

Nach dem Krieg, am 10. September 1945, reiste Gaugler wieder in die Schweiz ein und stellte sich den Behörden. Im Dezember 1945 wurde er noch zu wenigen Wochen Gefängnis verurteilt. Dieses milde Urteil löste bei vielen, die monatelang Wehrdienst an der Grenze geleistet hatten, eine Welle des Unmutes aus.

Der erfolglose Kunstmaler Peter Gloor (*1906) aus Solothurn heiratete in zweiter Ehe 1939 eine Deutsche aus Schwerin. Ab 1941 war auch er Mitglied der «Eidgenössischen Sammlung». 1942 reiste er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind legal nach Deutschland aus. Ab 1943 arbeitete er als Zivilangestellter im Referat Schweiz der Amtsgruppe D des SS-Hauptamtes der Germanischen Leitstelle in Berlin.

Gloor kletterte die zivile SS-Karriere-Leiter hoch, bis er 1944 nach Nürnberg versetzt wurde. Im Februar 1945 gab er sein Amt auf und kehrte mit seiner hochschwangeren Frau nach Schwerin zurück, um das bittere Ende des Krieges abzuwarten. Ab 4. Mai nahmen ihm die Russen alles Hab und Gut weg, vergewaltigten seine Frau und verurteilten ihn zu Zwangsarbeit.

Durch Vermittlung der Schweizer Kolonie erreichte er die US-Zone in Berlin. Mit anderen Landsleuten wurde er ins Internierungslager Rheinfelden überführt und dort am 24. September verhaftet, weil gegen ihn ein Haftbefehl bestand. Er wurde zu vier Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Einstellung der bürgerlichen Ehrenfähigkeit verurteilt.

Nach Verbüssung seiner Strafe zog Gloor mit seiner Familie nach Schwanden bei Brienz, wo sein Vater noch ein Haus besass. Dort lebte er zurückgezogen und unbescholten bis zu seinem Tod.

Karl Kyburz (*1915) aus Niedererlinsbach befasste sich laut Justiz- und Polizeidepartement intensiv mit der Schaffung einer SS-Organisation in der Schweiz. Er besuchte dazu auch Kurse in Deutschland. 1941 reiste er nach Deutschland aus, wurde Führer in der Hitlerjugend und trat dann in die Waffen-SS ein, wo er Kriegsdienst leistete.

1943 heiratete er in Berlin eine Deutsche. Da Kyburz in der Schweiz noch als Fourier Militärdienst geleistet hatte, wurde er in Abwesenheit 1943 vom Divisionsgericht/B wegen fortgesetzter Dienstverweigerung, Verschleuderung von Material und Eintritt in fremden Militärdienst zu acht Jahren Zuchthaus, Ausschluss aus der Armee, Entsetzung vom Grad des Fouriers und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt.

Im März 1944 kamen dann noch 18 Monate Zuchthaus wegen Angriffs auf die Unabhängigkeit der Schweiz und wegen staatsgefährdender Umtriebe dazu. Kyburz und seiner Familie wurde das Schweizer Bürgerrecht im Juni 1945 entzogen. Er kehrte nie mehr in die Schweiz zurück.

In der berüchtigten Waffen-SS kämpften insgesamt etwa 2000 Schweizer, 1100 Auslandschweizer und 870 Freiwillige. Viele davon machten nicht mit, weil sie Nazis waren. Meist waren es persönliche Gründe: verkrachte Ehen, Schulden, berufliche Schwierigkeiten, persönliche Ressentiments gegen die Schweiz oder die Armee oder ganz einfach Abenteuertum. Acht Solothurner Kantonsbürger waren erwiesenermassen mit dabei. Drei davon kamen um, alle an der Ostfront. Die anderen fünf überlebten und lebten sich nach Verbüssung einer Haftstrafe wieder in den schweizerischen Alltag ein.

Im Einzelnen handelte es sich um einen Solothurner, der aus jugendlicher Naivität nach Deutschland ging und nach 1945 unbescholten weiterlebte; zwei Brüder aus Nennigkofen, die in der SS gegen den Kommunismus kämpfen wollten – einer fiel in Weissrussland, der andere überlebte; ein junger Mann aus Dornach, der in Karelien fiel (zwischen Finnland und Russland); drei Oltner – einer fiel ebenfalls in Karelien, die beiden anderen kamen zurück und lebten unbescholten weiter; ein Grenchner, der den Krieg ebenfalls heil überstand und in Grenchen weiterlebte.

Schon in den letzten Kriegstagen, am 1. Mai 1945, schuf der Bundesrat die gesetzliche Grundlage zur Ausweisung der führenden Nazis und italienischen Faschisten. Man werde sich diejenigen genau ansehen, die in die Schweiz einreisen wollten, schrieb der Bundesrat und meinte damit, dass sich keine Kriegsverbrecher unter den Einreisenden befinden durften. Im Kanton Solothurn kamen kurz nach dem Krieg rund 1400 Flüchtlinge, mehrheitlich ehemalige russische Zwangsarbeiter, aus Deutschland an. Sie fanden Unterkunft in der heute abgerissenen Turnhalle der alten Kantonsschule, nördlich der Reithalle in Solothurn. Später wurde die Reithalle in ein Massenlager umfunktioniert. Es wurden Sammlungen unter der Bevölkerung für die Flüchtlinge durchgeführt. Man suchte vor allem Kleider und Spielsachen für die Kinder. Drei Wochen mussten die Flüchtlinge in Quarantäne bleiben.

In Olten bestand ebenfalls ein Quarantänelager, welches für Auslandschweizer, die beim Vorrücken der Roten Armee ihre einstige Heimat in Ostpreussen, Pommern oder Mecklenburg verlassen mussten und in ihr Ursprungsland flüchteten.

Den bekennenden Nationalsozialisten machten es die Schweizer Behörden grundsätzlich nicht leicht, sich nach dem Krieg wieder in der Schweiz zu zeigen oder hier zu leben. Insgesamt 54 Personen sollten 1945 aus dem Kanton Solothurn ausgewiesen werden. Nach verschiedenen Rekursen wurden dann insgesamt 40 Personen auch tatsächlich ausgeschafft. Diese Leute fürchteten sich vor der drohenden Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern oder Engländern. Etliche Personen wurden von den Schweizer Behörden auch nur «verwarnt» und konnten im Land bleiben. Eigentlich hätten sie die Bedingungen für eine Ausweisung erfüllt, man war aber nachsichtig, weil sie sich offenkundig nur wenig nationalsozialistisch betätigt hatten. «Verwarnte» erhielten die sogenannte «Toleranzbewilligung» statt einer Niederlassungsbewilligung, die sie jährlich erneuern lassen mussten.

Bei vielen Rekursanträgen blieben die Behörden aber unerbittlich. Das entsprach genau der damals herrschenden Volksmeinung. Durchschnittlich etwas über zehn Jahre, in manchen Fällen gar bis in die frühen Sechzigerjahre, mussten die Ausgebürgerten warten, bis sie nach meist mehrmaligen Rekursversuchen wieder in die Schweiz einreisen konnten. 1962 änderte sich die internationale Lage und damit das strenge Einreiseregime in die Schweiz. Damals besiegelten nämlich die «Erzfeinde» Frankreich und Deutschland ihre Versöhnung in der Kathedrale von Reims.