Sexualität

Aufklärung an der Schule? Noch fehlt eine «wirklich konstruktive Debatte»

Die Schulen sollten Kinder und Jugendliche aufklären. Wie der Unterricht gestaltet wird, ist jedoch sehr unterschiedlich. Symbolbild

Die Schulen sollten Kinder und Jugendliche aufklären. Wie der Unterricht gestaltet wird, ist jedoch sehr unterschiedlich. Symbolbild

Schnell verbreiten sich sexuell übertragbare Krankheiten: Was macht die Schule? Der Kanton Solothurn setzt beim Aufklärungsunterricht nicht auf spezielle Projekte und Kampagnen.

Syphilis, Chlamydiose und Gonorrhö (Tripper): Die Fälle dieser sexuell übertragbaren Krankheiten steigen an. Rückläufig sind indes die Ansteckungen mit dem HI-Virus. Auf die Gefahren von ungeschütztem Geschlechtsverkehr weisen jedes Jahr die Plakate der Love–Life-Kampagnen hin.

Dieses Jahr wird besonders auf die Risiken bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partner aufmerksam gemacht. Bei den Ansteckungszahlen stützt sich die Kampagne jeweils auf das Bulletin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Auch im Kanton Solothurn gilt ein rückläufiger HIV-Trend, aber im Gegenzug eine zunehmende Verbreitung der übrigen Krankheiten.

Mit solchen Plakaten will das Bundesamt für Gesundheit auf das Problem von Geschlechtskrankheiten aufmerksam machen und an die Safer-Sex-Regeln erinnern.

Mit solchen Plakaten will das Bundesamt für Gesundheit auf das Problem von Geschlechtskrankheiten aufmerksam machen und an die Safer-Sex-Regeln erinnern.

Wie wirksam sind Plakate?

Die Risiken bei Geschlechtsverkehr ohne Kondom müssen verstärkt thematisiert werden, findet das BAG. Und zwar gerade auch mit Blick auf die steigenden Zahlen der bakteriell verursachten Krankheiten (Syphilis, Chlamydiose und Gonorrhö). Diese Krankheiten können zwar medikamentös behandelt werden, die Kur sei aber nicht immer erfolgreich: So könne beispielsweise eine Antibiotikaresistenz die Heilung einschränken. Eine Erklärung für die rapide Zunahme der neuen Krankheitsfälle könnte gemäss Kantonsarzt Christian Lanz die frühe Erkennung der Krankheiten sein. Anders als beim HI-Virus bemerke man diese Leiden schneller: «Die Symptombilder sind eindeutig und es kann schnell reagiert werden», sagt Lanz.

Obwohl das Bundesamt für Gesundheit keine spezifischen Angaben für den Kanton Solothurn macht, können die gesamtschweizerischen Trends auf den Kanton übertragen werden. In den statistischen Auswertungen wird Solothurn mit Baselland und Aargau zum Raum Mittelland zusammengefasst. Dies sei sinnvoll, meint der Kantonsarzt: «Die Zahlen sind approximativ, nur diejenigen Personen, die zum Arzt gehen, fliessen in die Statistik ein.» Auch sei es nicht aussagekräftig, nur kantonale Zahlen zu beachten: «Man kann daraus nicht ablesen, ob eine Person im Kanton, in der Schweiz oder im Ausland infiziert wurde.» 

Da die Schweiz über eine überschaubare Bevölkerungszahl verfüge, sei ein Gesamtüberblick sinnvoller, ist Lanz überzeugt. Am häufigsten stecken sich Männer und Frauen schweizweit und auch in den drei Mittellandkantonen Solothurn, Baselland und Aargau mit der Krankheit Chlamydiose an. Im Mittelland gab es im letzten Jahr auf 100'000 Personen gerechnet 114,1 neue Fälle (2014: 105,3). Auch Tripper kommt relativ oft vor: Im letzten Jahr waren es 22,3 Fälle (2014: 15,5). Etwas seltener sind die Neuansteckungen mit Syphilis (2015: 5,5) und dem HI-Virus (2015: 3,5).

Seit rund 45 Jahren spricht nun die Öffentlichkeit über sexuell übertragbare Krankheiten. Zunehmend wird seit einiger Zeit auch visuell, mittels Werbeplakate und Spots, auf die Risiken ungeschützter Sexualkontakte hingewiesen. Ob Kampagnen wie die Love-Life-Plakate einen Nutzen hätten, ist für Lanz fraglich: «Die Wirksamkeit ungezielter Informationen ist ungewiss.» Allein die Plakate klären weder Kinder noch Jugendliche oder Erwachsene auf. Um die Ansteckungszahlen von allen sexuell übertragbaren Krankheiten zu minimieren, scheint es wichtig, dass von Seite der Behörden und öffentlichen Institutionen Aufklärungsarbeit geleistet werde. «Gut aufgeklärte Jugendliche sind weniger risikogefährdet», erklärt der Kantonsarzt.

Andere Kantone machen mehr

Im medialen Zeitalter kommen Kinder schon sehr früh in Kontakt mit Sexualität: Bilder und Videos lassen sich schnell finden. Es ist eine zentrale Aufgabe der Eltern, die Kinder zeit- und altersgerecht zu informieren, doch auch die Schule sollte ihre aufklärerische Mission wahrnehmen. Dass Aufklärung in der Schule ein Thema sein muss, scheint unumstritten. In den einzelnen Kantonen sieht die Gestaltung des Aufklärungsunterrichts jedoch sehr unterschiedlich aus.

So beteiligen sich einige Kantone – wie beispielsweise Zürich, Bern und Basel – an innovativen Aufklärungsprojekten mit Studenten (so zum Beispiel das Projekt «Achtung Liebe»): Hier gehen ausgebildete Studenten in Schulen, um mit den Kindern über Sexualität zu sprechen. Andernorts werden Sexualpädagogen engagiert oder die kantonale Aidshilfe beigezogen, eine solche existiert in Solothurn allerdings nicht.

Der Kanton Solothurn scheint in diesem Themenbereich nicht auf spezielle Projekte und Kampagnen zu setzen. Der Aufklärungsunterricht an den Schulen ist damit auch wenig einheitlich. Yolanda Klaus, die stellvertretende Chefin im Volksschulamt, erklärt: «Wir mischen uns nicht ein, es gilt der Lehrplan. Der Kanton schreibt nichts vor.» Es sei nicht eine Aufgabe des Kantons, für eine gut aufgeklärte Gesellschaft zu sorgen.

Und was machen die Schulen in Sachen Aufklärung? Im alten sowie im neuen Lehrplan wird der Sexualkundeunterricht angesprochen: Das Thema muss behandelt werden. Die Gestaltung des Sexualkundeunterrichts hänge allerdings stark von der jeweiligen Lehrperson ab, stellt Roland Misteli fest. Er ist Geschäftsführer des Verband der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO). Es gebe auch keine bestimmten kantonsweit genutzten Lehrmittel dazu. Misteli: «Die Lehrpersonen stellen ihr Unterrichtsmaterial teilweise selbstständig zusammen.»

Altersgerechter Unterricht

Im Lehrplan 21 wird auch die Aufklärungsthematik aufgegriffen. Der LSO-Geschäftsführer vermisst aber eine «wirklich konstruktive Debatte» rund um das Thema. Der Lehrplan 21 stelle einfach fest, dass die sexualkundlichen Themen ab der fünften Klasse im Fachgebiet Natur, Mensch und Gesellschaft eingeführt werden müssen. Die Schülerinnen und Schüler lernen die Empfängnisverhütungsmittel und die Methoden kennen, um sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen.

Zudem müsse eine altersgemässe Medienaufklärung erfolgen. Wie Misteli erklärt, sei eine «altersgerechte Aufklärung» das Wichtigste. Aus pädagogischer Sicht sei gut, dass den Lehrpersonen viel Freiheit gelassen würde. Roland Misteli würde dennoch eine gewisse Harmonisierung für sinnvoll erachten.

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