Bern/Solothurn

Auf zwei Kantone aufgeteilt: So leben die Grenzgänger vom Burghof

Ein Leben an der Grenze: Ernst, Enkel Lukas, Marianne und Hofbesitzer Samuel Aeschlimann (v. l.) leben problemlos mit der Kantonsgrenze durch ihr Haus.

Ein Leben an der Grenze: Ernst, Enkel Lukas, Marianne und Hofbesitzer Samuel Aeschlimann (v. l.) leben problemlos mit der Kantonsgrenze durch ihr Haus.

Dass die Kantonsgrenze Solothurn-Bern mitten durch ihre Liegenschaft in Burgäschi verläuft, ist für die Familie Aeschlimann kein Hindernis – im Gegenteil.

Als Grenzgänger – wörtlich und symbolisch gemeint – lässt sich die Bauernfamilie Aeschlimann auf dem Burghof in Burgäschi bezeichnen. Im wörtlichen Sinn: Wenn Ernst Aeschlimann aus seinem Haus, beziehungsweise Stöckli tritt, so verlässt er den Kanton Bern und erreicht mit wenigen Schritten den zur Familie gehörenden landwirtschaftlichen Betrieb im Kanton Solothurn. Das Stöckli und auch jene Halle, die von Events wie der weitherum bekannten Burghofnacht bekannt ist, stehen auf Boden der Gemeinde Niederönz BE, die übrigen Landwirtschaftsgebäude auf Boden von Burgäschi bzw. der Gemeinde Aeschi SO.

Der Burghof ist gespalten

Der Burghof ist gespalten

Aeschlimanns Ackerland ist ebenfalls aufgeteilt auf beide Kantone. Auf welcher Seite wächst das Getreide besser? «Das verrate ich nicht!» Diese Antwort kommt vom Junior, Samuel Aeschlimann; seit April letzten Jahres ist der 33-jährige Bauer der Besitzer des Landwirtschaftsbetriebes, es besteht jedoch noch eine Generationengemeinschaft zusammen mit Vater Ernst bis zu dessen Pensionierung im Jahr 2018. Die Töchter Karin (40), Susanne (37) und Barbara (35) sind schon länger auf eigenen Wegen unterwegs.

Grenzgänger im symbolischen Sinn: Die Familie Aeschlimann hat vor zwanzig Jahren für heftiges Kopfschütteln gesorgt mit dem Entscheid, ihren Hof samt Umschwung dem Volleyballclub Aeschi für eine grosse Party zur Verfügung zu stellen, und auch noch bei der Durchführung zu helfen. «Gäste bewirten auf dem Bauernhof – ja», hiess es, «aber doch keine Gelage veranstalten und dabei riskieren, dass Haus und Felder beschädigt werden. Das werdet ihr noch bereuen.» Doch die Party – die Burghofnacht –, ist zu einer Marke geworden. Die zwanzigste Auflage ist vor wenigen Wochen mit fast 6500 Gästen über die Bühne gegangen. Noch weitere grössere und kleinere Anlässe sind in den letzten zwanzig Jahren hinzugekommen, die Gastronomie ist zu einem zweiten Standbein des Burghofs geworden.

Es war am 1. August

Wie aber kamen Aeschlimanns überhaupt dazu, auf ihrem Hof Gäste zu bedienen? «1993 war es zum ersten Mal, als der Schweizer Bauernverband den 1.-August-Brunch lancierte», antwortet Marianne Aeschlimann. «Wir fanden es gut, dass wir Bauern unsere Betriebe öffnen und zeigen können, was wir leisten.» Noch zweimal wurde am 1. August zum Brunch auf den Burghof eingeladen, dann war damit Schluss. Aufwand und Ertrag liessen zu wünschen übrig, sowohl bei den Gastgebern, als auch bei den Helferinnen und Helfern. «Aber», so betont Ernst Aeschlimann, «gefallen hätte uns der Anlass mit den Gästen schon. Wir überlegten, ob wir etwas in dieser Art auf die Beine stellen sollten.»

Und so kamen Geri Kaufmann vom Volleyballclub Aeschi und der Gastronom Urs Bucher just im richtigen Moment mit der Idee, zum 25-Jahr-Jubiläum des Volleyballclubs auf dem Burghof eine Party steigen zu lassen.

Die Idee ist eines, das Umsetzen das andere. «Was es alles dazu braucht, steht in keinem Lehrbuch», sagt Ernst Aeschlimann, «aber jeder von uns hat seine Aufgaben gemacht und darum wurde gleich die erste Party zu einem Erfolg, und zwar zu einem grossen. Wir rechneten mit einigen hundert Gästen, gekommen waren gegen zweitausendfünfhundert.» Durch diesen Erfolg sei das Feuer entfacht worden, das es möglich machte, «durch alle Höhen und Tiefen hindurch bis heute weiterzumachen und immer wieder neue Leute fürs Mitmachen zu gewinnen.»

Der Junior zieht voll mit

Dass es mit der Burghofnacht weitergeht und mit dem Gastronomiebetrieb für geschlossene Gesellschaften, der jeweils im Sommerhalbjahr läuft, und natürlich der Landwirtschaft mit biologischem Getreideanbau und Ferkelaufzucht, scheint gesichert, denn der aktuelle Besitzer des Hofes, Samuel Aeschlimann, zieht voll mit. Er und seine Eltern wollen ferner auch nicht ausschliessen, dass wieder einmal eine Bühnenproduktion auf dem Burghof stattfinden könnte.

Ein Musical vielleicht, oder etwas wie die vier Operettenaufführungen des Vereins Musik im äusseren Wasseramt zwischen 2009 und 2015 (Gräfin Mariza, Lustige Witwe, Fledermaus und Vogelhändler). «Das Handwerk hatten wir beim Durchführen der Burghofnacht gelernt und entsprechend dazu auch die Infrastruktur aufgebaut», erklärt Ernst Aeschlimann. «Doch die Initianten hatten mit der Zeit andere Vorstellungen bekommen von dem, was unsere Leistungen und Angebote anging. Sie suchten einen anderen Standort und fanden ihn einige hundert Meter von hier entfernt. Schade. Aber wir schauen nach vorne, so wie wir das immer machen.»

Nach vorne geschaut haben bereits die Eltern von Ernst Aeschlimann. Anno 1953 zügelten sie von Wyssachen im Emmental nach Aeschi und übernahmen den Bauernhof mit Restaurant Sternen. Zehn Jahre später liessen sie am heutigen Standort Burghof an der Kantonsgrenze eine landwirtschaftliche Siedlung bauen. Mit dem Bewirten von Gästen hat sich quasi ein Kreis zum seinerzeitigen «Sternen» in Aeschi geschlossen. «Ich wollte unbedingt Bauer werden», betont Ernst Aeschlimann, «auch meine Frau wollte Bäuerin sein. Hätte uns einer vorausgesagt, als wir heirateten, dass auf unserem Hof dereinst Feiern oder Partys stattfinden werden, wir hätten ihn für verrückt erklärt.»

Kein übliches Stöckli

Vor fünf Jahren haben sich Marianne und Ernst Aeschlimann beim Burghof ein eigenes Haus bauen lassen. Sie bezeichnen es als Stöckli, wobei es allerdings keines im landläufigen Sinn ist mit Laube im ersten Stock und mit Biberschwanzziegeln bedacht, sondern mit nur einem Geschoss und einem Flachdach. Dieses Dach steht vor allem auf der West- und Südseite weit vor. «Dadurch haben wir dieselbe Wirkung, wie man sie von den grossen Vordächern der Emmentaler Bauernhäuser kennt», erklärt der Hausherr. «Im Sommer, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, dann bleiben Wände und Fenster im kühlen Schatten. Im Winter hingegen, wenn die Sonne tiefer steht, kann sie auf Wände und Fenster scheinen.»

Mit dem Einzug in das Stöckli hat sich noch ein weiterer Kreis geschlossen: Es steht auf Boden der Berner Gemeinde Niederönz, von woher Marianne Aeschlimann stammt. Und Ernst ist auch wieder zum Berner geworden.

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