Gastautor
Auf ins neue Mittelalter!

Christof Gasser
Christof Gasser
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Unliebsame Bücher verbrennen?

Unliebsame Bücher verbrennen?

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Dabei hätten wir es beinahe geschafft. Das Mittelalter mit Pest, Despotismus und Hexenverbrennungen wurde von der Aufklärung überwunden. Die Französische Revolution ging dem Gottesgnadentum an den Kragen und legte nach einem blutigen Patzer den Grundstein für eine humanistische Gesellschaft. Mitte der vierziger Jahre schliesslich glaubten wir, das Monstrum des Faschismus und Nationalsozialismus endgültig in Grund und Boden gebombt zu haben.

Leider ist das mit dem Glauben so eine Sache, die glorios in die Hose gehen kann. Für mich kam der Weckruf bei der Lektüre eines Kommentars über die britische Erfolgsautorin J.K.K. Rowling, deren Bücher gerade virtuell und real verbrannt werden. Der Grund: in ihrem neusten Kriminalroman stellt sie einen Transgender-Menschen als brutalen Mörder dar. Offenbar hat die Autorin einige fundamentalistische Vertreter einer sich bedroht fühlenden Minderheit derart verärgert, dass diese zu Methoden griffen, die man seit den Bilderstürmen des Mittelalters und den Nazi-Bücherverbrennungen überwunden glaubte.

Die sogenannte «Cancel Culture» wird von Minderheiten praktiziert, die sich in ihrer Opferrolle dermassen verheddern, dass sie alles niederschreien, boykottieren und verbieten wollen, was ihrer Wunschweltanschauung widerspricht. Auf dem moralisch vermeintlich höheren Podest ist auch alles erlaubt, solange man es laut genug in die Welt hinaus brüllt, sei es noch so unrecht. Welcher vernünftige Mensch getraut sich heute noch, den zivilen Ungehorsam der Klimajugend zu hinterfragen? Oder was sind das für Idioten, die immer noch daran zweifeln, dass wir mit einem politisch-korrekten und gendergerechten neuen Vokabular eine bessere Welt ohne Diskriminierung und Rassenhass schaffen? Am Anfang war das Wort, und ohne den Mohrenkopf hätte es Kolonialisierung und Sklavenhandel nie gegeben. Also ist es doch nur legitim, unliebsame Bücher zu verbrennen und Dialogverweigerung zu praktizieren. Warum nicht ein paar Denkmäler schleifen und alte Filme für immer in Archive verbannen? Aus den Augen, aus dem Sinn, und die Welt ist gerettet.

Forderungen nach Boykotten, Zensur und Ausgrenzung Andersdenkender wurzeln auffallend oft im linkspolitischen Spektrum, das offensichtlich mit dem demokratischen Grundreflex der offenen Debatte Mühe bekundet. Das dürfte historische Gründe haben. Um sein Nazitrauma wegzutherapieren, hat der Sozialismus den Musterstaat DDR auf den Prinzipien von Intoleranz, Repression und Ausgrenzung geschaffen. Pikanter Hinweis für diktatorisch affine Klimajungs und -mädchen sowie Jungsozis: Dank Verboten und Zensur wurde das gelobte Land ihrer ideologischen Vormütter und -väter zum grössten Umweltsünder in Mitteleuropa. Bitte das beim Klassenkampf Edition 2.0 berücksichtigen.

Immerhin eine Unterspezies des Menschen wurde bisher vom politisch-korrekten Protektionswahn nicht erfasst und gilt noch als jagdbares Freiwild, nämlich der alte weisse Mann. Solange ich also meinesgleichen literarisch meuchle, riskiere ich hoffentlich nicht, meine Bücher auf dem Scheiterhaufen zu finden.