Auf einen Kaffee mit
«Enorme Freiheiten»: Darum verbrachte dieser Biberister das Coronajahr grossmehrheitlich in Peru

Das «Coronajahr» 2020 verbrachte der Biberister Kurt Schibler grösstenteils in Peru, seiner zweiten Heimat. Nun ist er wieder in der Schweiz – sobald die Fallzahlen sinken, will der Esoteriker ganz nach Südamerika auswandern. Um eine Vision zu verfolgen.

Noëlle Karpf
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Geniesst auch in der Schweiz oft die Natur: Kurt Schibler.

Geniesst auch in der Schweiz oft die Natur: Kurt Schibler.

Tom Ulrich

Im Sommer habe ihn die Schweizer Botschaftsangestellte in Peru angerufen. Ob er mit einem vom EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) gecharteten Flieger zurück nach Hause kommen wolle. Er habe geantwortet: «Ich kann jetzt nicht zurück in die Schweiz – ich arbeite im freiwilligen Landdienst.» Das erzählt Kurt Schibler bei einer Tasse Tee – Kaffee trinkt er seit Jahren nicht mehr – und lächelt schelmisch.

Schibler, 68, Biberist, ist spiritueller Wegbegleiter. 30 Jahre lang hat er einen Esoterikladen in Biberist geführt. Heute ist er etwa noch als Heiler tätig; durch Handauflegen. Einer Berufung gehe er nach, seit 35 Jahren – auch wenn das nicht immer von allen verstanden würde. Schibler zuckt die Achseln.

« I säge eifach mi Wohrheit.»

Diesen Satz wird er mehrfach wiederholen. Er gibt den Leuten Tipps, etwa, wenn sie unter Depressionen leiden. Und glaubt dann an natürliche Heilmittel, an das spirituelle Ich, das Probleme lösen kann – weniger an Chemie und Materielles. «I säge eifach mi Wohrheit.» Für die einen passe das, für andere nicht – für wieder andere erst nach einiger Zeit.

Zurück zum Telefonat mit der Schweizer Botschaftsangestellten in Peru. Dort hat Schibler die grösste Zeit des vergangenen Jahres verbracht. Seit Jahren zieht es ihn immer wieder ins lateinamerikanische Land. 1988 reiste er erstmals nach Peru, um einen Schamanen zu besuchen, über den er etwas im Fernsehen gesehen hatte. Für solche, die nicht an die Wiedergeburt glaubten, sei das Folgende schwer zu verstehen, so der Biberister:

«Als ich dort ankam, wusste ich – ich war in einem früheren Leben schon mal hier.»

Eine andere Erklärung gebe es nicht für diese Verbindung.

In Peru hat Schibler sieben Patenkinder. Das war auch der Grund, weshalb er Mitte Februar nach Südamerika reiste: unter anderem die Hochzeit eines Patensohns am 14. März.

Anfang März dann wurde in Peru der erste Covid-Fall gemeldet. Kurz darauf wurde eine Ausgangssperre verhängt. Mitte März wurden auch die Grenzen geschlossen, Schibler hatte es zuvor grade noch geschafft, einzureisen. Und als dann im August die Grenzen wieder öffneten, wollte er nicht zurück in die Schweiz.

Die Vision: Ein spirituelles Zentrum im heiligen Tal

Schibler befand sich oberhalb der Stadt Urubamba in Zentral-Peru. Die Stadt liegt im Valle Sagrado – im heiligen Tal. Selten sei er in die Stadt gegangen, so Schibler. Meist sei er für sich gewesen. «Ich hatte enorme Freiheiten.» Oft sei er wandern gegangen, auch mal zwölf Stunden an einem Tag.

«Als ich gehört habe, wie anders es Menschen über 65 in der Schweiz ergeht, habe ich beschlossen, zu bleiben.»

Schibler kam gesund durch die Coronazeit. Und er hatte auch viel zu tun. Vor Jahren hatte er über den Verein Sonnenschein ein Stück Land erworben, das er bis anhin von einem Bauern bewirtschaften liess. Letztes Jahr dann hat Schibler fünf Arbeiter eingestellt, gemeinsam haben sie begonnen, alte Mauern niederzureissen, und eine neue Mauer um das Grundstück zu errichten.

Galt es abzureissen: die alte Mauer.

Galt es abzureissen: die alte Mauer.

zvg
Wir mit einem richtigen Fundament, Beton und Backsteinen neu errichtet: die Mauer, die das Grundstück vom Schibler umschliessen soll.

Wir mit einem richtigen Fundament, Beton und Backsteinen neu errichtet: die Mauer, die das Grundstück vom Schibler umschliessen soll.

zvg

Denn Schibler hat einen Plan – mit dem neuen Verein Netzwerk Licht, den er 2019 zusammen mit Gleichgesinnten gegründet hat. Auf dem Grundstück soll künftig ein Wohnhaus stehen – und ein weiteres Gebäude, für spirituelles Lernen und Ausbildung.

Nun steht um das Grundstück die neue Mauer, auch Gemüse haben die Männer angepflanzt.

2020 haben Schibler und sein Team noch Gemüse auf dem Grundstück angepflanzt – künftig soll hier ein spirituelles Zentrum stehen.

2020 haben Schibler und sein Team noch Gemüse auf dem Grundstück angepflanzt – künftig soll hier ein spirituelles Zentrum stehen.

zvg

Nun wartet der Biberister noch auf die Baubewilligung. Die «legale Baubewilligung», wie er betont. Das ist nicht so einfach, denn: In Peru werde meist einfach irgendwie gebaut. Das sei Standard. So kam es, dass man ihm bei der Behörde gar nicht genau sagen konnte, was genau es braucht, um eine legale Baubewilligung zu erhalten. Das werde zuerst abgeklärt. Gewartet hat Schibler zudem vier Monate, in welchen er zehnmal die zuständigen Ämter besuchte, wie er sagt, bis er Wasser- und Elektroanschlüsse hatte.

Vier Monate wartete Schibler auf Wasseranschluss. Nun steht auch schon das Wasserbecken, mit welchem das Grundstück versorgt wird.

Vier Monate wartete Schibler auf Wasseranschluss. Nun steht auch schon das Wasserbecken, mit welchem das Grundstück versorgt wird.

zvg

Das System sei eben nicht vergleichbar mit demjenigen in der Schweiz. Seinen Mitarbeitenden habe er zuerst einmal erklären müssen, warum er auf ihre Pünktlichkeit angewiesen sei. Und, dass sie während der Arbeit keinen Alkohol trinken sollten. Viele sind Taglöhner oder haben oft nur einen Vertrag für drei bis sechs Monate, bis sie dann wieder Arbeit suchen müssen, um die Familie zu ernähren.

Pünktlich um 8 Uhr arbeiten – und kein Bier auf der Baustelle. Diese Regeln musste Schibler zu Beginn aufstellen.

Pünktlich um 8 Uhr arbeiten – und kein Bier auf der Baustelle. Diese Regeln musste Schibler zu Beginn aufstellen.

zvg

Für gewisse Tage wurde ein Bagger reserviert – die restliche Zeit arbeiteten die Arbeiter ausschliesslich von Hand:

Armut in der Bevölkerung. Korruption in der Politik. Auch darüber erzählt Schibler viel. Davon, dass es keine Sozialversicherungen gibt, die Menschen auffangen können – weshalb letztes Jahr, in der Krise, viele Menschen Tagesmärsche auf sich genommen hätten, um aus der Stadt aufs Land zu gelangen, wo sie versucht hätten, sich selbst zu versorgen.

Trotz dieser teils prekären Verhältnisse: «Diese Freiheit, diese Weiten», schwärmt Schibler über das Land. Stolz erzählt er zudem von seinen Freunden und Bekannten, die über den «Señor Positivo» – wie er genannt werde – auch sagten, er sei «einer von ihnen.»

Fühlt sich in Peru trotz der teils grossen Unterschiede zur Schweiz zu Hause: Kurt Schibler.

Fühlt sich in Peru trotz der teils grossen Unterschiede zur Schweiz zu Hause: Kurt Schibler.

zvg

So plant «Señor Positivo» auch nicht lange in der Schweiz zu bleiben. Mitte Dezember kam er mit einem von wenigen Flügen – «siebenmal wurde dieser verschoben» – zurück in die Schweiz. Hier wartet er auf die «legale» Baubewilligung und darauf, dass sich die Pandemie verabschiedet. Dann plant er, seine Wohnung zu räumen. Und nach Peru auszuwandern, um seine Vision zu leben.