TOBS

Auf dieser Bühne wird der Gottesstaat zum Teufel gejagt

Günter Baumann (ganz l.) brilliert in der Hauptrolle als Provinzial des Jesuitenordens in Paraguay Alfonso Fernandez.

Günter Baumann (ganz l.) brilliert in der Hauptrolle als Provinzial des Jesuitenordens in Paraguay Alfonso Fernandez.

«Das heilige Experiment» von Fritz Hochwälder eröffnete die Schauspielsaison 2017/18 des Theater Orchester Biel Solothurn mit einer beeindruckenden Premiere.

Missgunst auf der einen, Gehorsam auf der anderen Seite zerstören ein blühendes Gemeinwesen christlich-«kommunistischer» Prägung. Es sollte über 150'000 Eingeborene vor der Versklavung schützen, hier eine bargeldlose Wirtschaft funktionieren; es sollte christianisiert, nicht kolonialisiert werden: Das Datum vom 16. Juli 1767 bedeutet das Ende für den Gottesstaat der Jesuiten in Paraguay, das Ende einer über 150-jährigen Aufbauarbeit.
Vor diesem historischen Hintergrund schrieb Fritz Hochwälder das Gesellschaftsdrama «Das heilige Experiment», das 1943 vom damaligen Städtebundtheater Biel-Solothurn uraufgeführt wurde und zu Weltruhm kam. Nun eröffnete dieses Stück die Schauspielsaison 2017/18 des Theater Orchester Biel Solothurn mit einer beeindruckenden Premiere.

«Undercover»-Jesuit

Dem Provinzial des Jesuitenordens in Paraguay Alfonso Fernandez (Günter Baumann) werden durch den Gesandten des Königs, dem Visitator Don Pedro de Miura (Michael Lucke), die Anklagepunkte wie Untreue gegenüber dem König, geheime Silberminen, Wucher und Unterdrückung zur Stellungnahme vorgelegt, die allesamt widerlegt werden können. Urheber der Anklagepunkte sind eifersüchtige Grossgrundbesitzer und der misstrauische Klerus. Die Farce: Der spanische König hat die Anklageschrift bereits unterschrieben; die Jesuiten müssen das Land verlassen. «Weil ihr recht habt, müsst ihr vernichtet werden.» Der Provinzial lässt den Gesandten verhaften.

Doch ein «Undercover»-Jesuit (Marcus Mislin) gibt sich zu erkennen und fordert, da der Orden den spanischen König unterstützt, vom Provinzial aufs Schärfste den gelobten Gehorsam; er soll das königliche Edikt selber ausführen, ansonsten würde der Orden im spanischen Weltreich verboten werden: «Es geht um den Bestand des Ordens. Und ihr sprecht von 150'000 Menschen.»

Der Provinzial fleht, bittet, ringt mit sich und Christus, «der immer wieder diese Welt verlässt». Und bricht ein: «Ich will nichts anderes sein als ein willenloses Werkzeug des Ordens.» Er zweifelt, ob er theologisch wirklich im Recht war. Denn die Eingeborenen unterscheiden den guten, nützlichen Christus der Jesuiten von dem bösen Christus der Spanier. Nicht alle Mitbrüder beugen sich seinem Befehl. Man darf den Gehorsam verweigern, wenn eine Sünde befohlen wird… Doch am Ende ist der Gottesstaat «beim Teufel», das – modern ausgedrückt – erfolgreiche antikoloniale Entwicklungsprojekt wird mit allen schlimmen Konsequenzen für die Eingeborenen abgebrochen.

Sensible Inszenierung

Die Inszenierung von Katharina Rupp ist eindringlich und sensibel – wohl keiner der Zuschauenden kann seinen verletzten Gerechtigkeitssinn einfach so zum Schweigen bringen. Die Vielschichtigkeit der Charaktere wird klar herausgearbeitet, so imponieren die Schauspieler wie die renommierten Gegenspieler Günter Baumann und Michael Lucke durch feinen Facettenreichtum und Bühnenpräsenz. Aber etwa auch die – mimisch subtil begleiteten – Dolmetscherkünste ins paraguayische Guarani von Vilmar Bieri (Superior) oder die von Jörg Seyer hintergründig humorvoll interpretierte Rolle des Don Miguel Villano begeistern. Und für einmal nicht zu vergessen: Die Statisten sind wunderbar platziert und sind mit jeder Faser beim Spiel dabei.

Weitere Aufführungen: www.tobs.ch

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