Am Ende des Gesprächs lacht die junge Frau etwas beschämt. Die Antwort auf die Frage nach ihrem Zukunftswunsch liegt ihr auf der Zunge. Doch als wäre es ein unerhörter Gedanke, getraut sie ihn nicht frei heraus zu äussern. Was sie dann mit leiser Stimme hervorbringt, ist freilich kein unerfüllbarer Traum, sondern ein ganz normaler Wunsch einer ganz normalen Familie. «Ich möchte eine gute Arbeit, ein kleines Haus mit einem kleinen Garten», sagt Nissrin A., lacht jetzt lauter und fügt an: «Und einen kleinen Hund.»

Doch zuerst möchte Nissrin A., die ihren Nachnamen nicht öffentlich machen will, Schweizerdeutsch lernen. Sie stammt aus Bagdad im Irak, spricht hochdeutsch mit arabischem Akzent. Zusammen mit ihrem Mann und schwanger mit der heute fünfjährigen Tochter Yona flüchtete sie zuerst in die syrische Stadt Jaramana, wo Zehntausende Menschen aus dem Irak und Palästina Zuflucht suchen. 2011 eskalierte in Syrien die Gewalt, der Krieg brach los.

Seit anderthalb Jahren lebt die dreiköpfige Familie in Solothurn. Sie gehören zu 61 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen aus dem zerbombten Land, die der Kanton Solothurn dauerhaft aufgenommen hat. Sie werden besonders eng begleitet, mussten keine gefährlichen Fluchtrouten beschreiten und wurden direkt mit einem dauerhaften Aufenthaltsrecht ausgestattet. In ihre Heimat werden sie nicht mehr zurückkehren.

Arbeiten, Geld verdienen

Einen ersten Schritt zum eigenen Job wird die 31-jährige Frau demnächst tun. In der Regiomech in Zuchwil kann sie sich auf die Schweizer Arbeitswelt vorbereiten. In der Sozialfirma wird die ausgebildete Buchhalterin auch ihre Sprachkenntnisse regelmässig anwenden und verbessern können. «Das ist sehr wichtig für mich.» Sie will später ihren Beitrag zum familiären Einkommen leisten. «In der Schweiz ist es normal, dass Frauen arbeiten. Hier wird ihnen Respekt entgegengebracht.» Im Irak sei dies nicht selbstverständlich.

In der Regiomech arbeitet ebenfalls ihr Mann Mohanad. Von 7.30 Uhr bis Feierabend um 16.30 Uhr ist er in der Abteilung Mechanik tätig. Er kann dort auch Stellenbewerbungen schreiben. Mit Erfolg: Kürzlich war er temporär bei der Firma Aeschlimann in Lüsslingen angestellt. In Bagdad studierte der 37-Jährige einst Hebräisch und absolvierte eine Ausbildung zum Haustechniker. Eine Zukunft gab es für ihn im Zweistromland nicht. Als Angehöriger der ethnisch-religiösen Minderheit der Mandäer konnte er seine Rituale nicht frei ausleben. Mohanad erzählt von der instabilen Situation und von Milizen, die regelmässig Geld wollten. Es fällt ihm schwer, über die Flucht nach Syrien zu sprechen.

Explosionen im Ohr

Pfeifende Raketen. Bombeneinschläge. Motorengeheul und Gewehrsalven. Jaramana geriet ins Kreuzfeuer der Regierungstruppen um Diktator Assad, Rebellentruppen und Milizen des Islamischen Staates. Über 200 000 Todesopfer forderte der Krieg bisher. Fast 4 Millionen Syrer mussten das Land laut dem UN-Flüchtlingswerk verlassen, dazu kommen 7,6 Millionen Binnenflüchtlinge. Mohanad blickt betrübt zu Boden, schüttelt den Kopf. «Ich habe abgeschlossen mit Syrien. Es wird immer schlimmer.» Wird eine Türe zugeschlagen, schreckt der lebensfrohe Mann auf. Das Krachen der Explosionen ist dann wieder ganz nah.

Über Facebook und Internettelefonie, sofern die Verbindung im Nahen Osten funktioniert, informiert sich die Familie über die Situation in der früheren Heimat. Nissrins Eltern sowie ihre Schwestern und Brüder leben noch immer im Irak. «Ich habe die Hoffnung, dass der Krieg irgendeinmal zu Ende geht und dass alle Menschen im Irak in Sicherheit leben können», sagt sie.

Nach eineinhalb Jahren kann die Familie A. ihren Alltag selbstständig bestreiten. Auf die Hilfe des Coaches sind sie nur noch selten angewiesen. Richtig angekommen sind sie in Solothurn aber noch nicht. Sie fühlen sich heimatlos, auch weil sie keinen Pass mehr haben. Der Begriff der Heimat ist für das Paar stark an Identitätspapiere gebunden. Die Freizeit nach Feierabend verbringt die Familie meist in der Wohnung in einem Block in der Weststadt. Mehrmals pro Woche trainieren sie im Fitnessraum. «Ansonsten weiss ich nicht, wohin ich gehen kann. Ich habe keine Kontakte zu Schweizern», sagt Mohanad. Auch die Tochter Yona bleibe, abgesehen von der Zeit im Kindergarten und der Tagesschule, meist in der Wohnung. Der Vater hat Angst, dass seiner Tochter etwas zustossen könnte: «Sie ist meine Prinzessin».

«Für Yona ist die Schweiz ein guter Ort, um aufzuwachsen», sagt die Mutter. «Im Irak wurden den Kindern die Träume genommen.» Der Alltag sei dort nur noch ein Kampf ums Überleben. «In der Schweiz dürfen die Kinder träumen. Es ist ein Ort mit Zukunft.» Das aufgeweckte Mädchen versteht einwandfrei Deutsch. Erinnerungen an Syrien habe ihre Tochter kaum, sagen die Eltern.

Heimweh kennen sie nicht

Wie eng der Integrationscoach die besonders verletzlichen Flüchtlinge aus Syrien begleitet, zeigt sich, als Mohanad sein Handy zückt und voller Stolz Fotos zeigt. Auf den Bildern sieht man ihn in blütenweissem Gewand und weisser Kopfbedeckung. Es ist die Kluft der Mandäer. Er wischt über den Bildschirm, zeigt, wie er sich ein Poulet besorgen konnte, das gemäss dem Ritual der Mandäer geschlachtet wurde. Mandäer essen nur das Fleisch von Geflügel und Schafböcken. Entsprechend schwierig gestaltet sich bisweilen die Suche danach. Dass der Coach hier zu Beginn unterstützt, auch das soll im Programm möglich sein.

Den 1. August hat die Familie beim Soldatendenkmal verbracht, wo die Stadt Solothurn offiziell den Nationalfeiertag begeht. Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg, in der Schweiz eine neue Heimat zu finden. Heimweh kennt Mohanad nicht. «Aber ich möchte wieder ein Zuhause haben.» Bis es soweit ist, das steht für ihn fest, braucht es noch viel Zeit und Arbeit.

Später an diesem schönen Sommerabend schlendern Nissrin und Mohanad mit ihrer Tochter durch die Hauptgasse in der Solothurner Altstadt. Yona stösst sich ihr Knie, fängt an zu weinen. Die Eltern trösten sie. Fast wie eine ganz normale Familie.