Zugvögel
Auf dem Subigerberg bestimmen die Vögel den Tagesrhythmus

Auf dem Subigerberg werden seit über 40 Jahren Vögel gefangen und beringt. In einem lichtdurchfluteten Raum kommen die Beutel mit den Vögeln auf die Waage. Mit der Zange bringt Elias Bader einen Metallring am Füsschen der Vögel an.

Sven Altermatt
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Teamarbeit ist gefragt
16 Bilder
Sorgfältig befreit Jonas von Burg diesen Vogel aus dem Netz
Hanspeter Aeschlimann beobachtet Vögel
Nach dem Beringen fliegen die Vögel wieder ihrer Freiheit entgegen
Vogelberingung auf dem Subigerberg
Metallringe, die an den Füsschen der Vögel angebracht werden
Elias Bader beringt einen Vogel - nichts für Grobmotoriker
Elias Bader (l.) und Jonas von Burg befreien die Vögel
Elias Bader befreit einen Kohlmeise aus dem Fangnetz
Eine Kohlmeise, die im Netz hängengeblieben ist
Diesem Hausrotschwanz wird ein kleiner Metallring am Füsschen angebracht
Die Vögel werden in einem Stoffbeutel zur Beringungsstation gebracht
Die Flugbahn der Vögel wird genaustens beobachtet
Alles wird genaustens protokolliert
Auch eine Kohlmeise ist im Fangnetz hängengeblieben
Der Gesundheitszustand der Vögel wird untersucht

Teamarbeit ist gefragt

Hanspeter Bärtschi

Ticken die Uhren auf dem Subigerberg anders? 6.58 Uhr zeigt das Handy von Rolf Gugelmann (60), 7.58 Uhr jene der Besucher. Haben wir etwas verpasst? Die Zeitumstellung steht bei unserer Visite doch erst noch bevor? Gugelmann, der seinen Feldstecher wahrscheinlich auch im Bett noch umgehängt hat, lacht: «Die Vögel lassen sich von der Sommerzeit nicht beirren.» Und er erst recht nicht.

In diesen Tagen dreht sich bei Gugelmann alles um Vögel. Wieder einmal. Seit 27 Jahren lebt der Zuchwiler im Herbst während einer Woche auf dem Subigerberg, der oberhalb von Gänsbrunnen dem dicken Nebel im Thal trotzt. Pünktlich bei Tagesanbruch bespricht Gugelmann mit seinen fünf Kollegen die anstehende Arbeit: Vögel einfangen, diese beringen und auf Herz und Nieren prüfen. Seit über 40 Jahren gehört die Beringungsstation des kantonalen Vogelschutzverbandes zu Gänsbrunnen wie der Schnabel zum Vogel.
Die erste Aufgabe an diesem Morgen ist Elias Bader (26) überlassen: die Niederschlagsmenge der letzten Nacht prüfen. Dafür hat Bader vor dem alten Chalet, in dem er und die anderen Helfer übernachten, ein Kunststoffgefäss hingestellt. Heute ist das Gefäss bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Das Wetter beeinflusse die Vögel wesentlich, erklärt Bader: «Bei starkem Regen entscheiden sich mehr Zugvögel zum Aufbruch nach Afrika.»

Demnach sollte es für die Helfer also viel zu tun geben. Bader, der studierte Biologe, ist in dieser Woche für den Betrieb verantwortlich. «Elias kommt hier hoch, seit er laufen kann», schmunzelt Rolf Gugelmann. Die Beringungssaison dauert von Ende September bis Ende Oktober. Jeweils am Samstag wird die ganze Crew ausgewechselt. Für ihre Arbeit erhalten die freiwilligen Helfer keinen Lohn. Alle setzen dafür ihre Freizeit ein - und bezahlen Kost und Logis selbst. Trotzdem nennt Bader die Einsatzwoche auf dem Subigerberg «die schönsten Ferien überhaupt».
Die Vögelgeben auf dem Subigerberg den Tagesrhythmus vor. Wenn bei Morgendämmerung die ersten Zugvögel die Juraflanke hochfliegen, sind auch die Helfer bereit für den ersten Rundgang. Auf Feldern und Wiesen - insgesamt auf über 220 Metern - haben sie schwarze, mannshohe Fangnetze gespannt. Elias Bader kümmert sich um das Netz, das sich gut getarnt hinter einem Gebüsch versteckt. Ein Volltreffer: Drei Vögel haben sich in den feinen Maschen verfangen.

«Eine Amsel, eine Singdrossel und - da! - ein Zaunkönig», kommentiert Bader mit der Routine eines Profis. Die Amsel schreit empört und schlägt mit ihren Flügeln wild auf und ab, als Bader sie aus der kurzzeitigen Gefangenschaft befreit. Dann geht alles ziemlich schnell: Bader klemmt die Füsschen des gelbschnäbligen Vogels zwischen Zeige- und Mittelfinger, um ihn vorsichtig in einen Stoffbeutel zu legen. Im Dunkel des Beutels beruhigt sich die Amsel schliesslich wieder.
Sind Alle Vögel eingesammelt, geht die Arbeit erst richtig los. Die Tiere werden in die Beringungsstation, einem erst vor zwei Jahren gebauten Holzhaus, gebracht. Im lichtdurchfluteten Raum kommen die Beutel mit den Vögeln auf die Waage. Zuerst ist der Zaunkönig an der Reihe.Der daumengrosse Vogel wiegt neun Gramm, weniger als drei Zuckerwürfel. Nachdem der Zaunkönig aus dem Beutel ausgepackt ist, pustet Elias Bader ihm ins rotbraune Gefieder, um einen Blick auf seinen freigelegten Bauch zu werfen.

Der Vogel sei für seine Gattung «unheimlich dick», meint Bader. Diese und alle anderen Informationen werden von Baders Kollege in eine Datenbank getippt. Was dann folgt, ist der wohl wichtigste Akt des Ganzen: Mit der Zange bringt Elias Bader einen Metallring am Füsschen des Vogels an. Fliegt der Zaunkönig nun einer anderen Station ins Netz, lässt sich seine Flugbahn dank dem Code auf dem Ring zurückverfolgen. Besonders makaber: Die meisten beringten Vögel werden aus Frankreich gemeldet - nachdem sie mit Schrotkugeln vom Himmel geschossen worden und im Kochtopf gelandet sind. Für unseren Zaunkönig geht die Reise gen Süden vorerst friedlich weiter.
Ist das, was Elias Bader und seine Mitstreiter mit den Vögeln anstellen, für diese schädlich? Bader verneint ausdrücklich. Man profitiere gleich doppelt vom Vogelfangen: «Dank der Beringung erfahren wir, wie es um die Gesundheit der Vögel steht.» Anderseits könnten Rückschlüsse zu deren Population gezogen werden.

Zudem seien Vögel auch ein Indikator für das grosse Ganze, so Bader weiter. «Sie sind von Klimaveränderungen unmittelbar betroffen.» Seit auf der Jurahöhe Vögel beringt werden, haben sich deren Abflugzeiten um mehrere Wochen verschoben.Einige Arten, die früher regelmässig zu Gast waren, fehlen mittlerweile ganz. Die aktuelle Saison, die am Samstag endete, fällt gemäss Bader «recht durchschnittlich» aus. Auf dem Subigerberg wurden 1531 Vögel beringt und bei der gleichzeitigen Zugvogelzählung über 83 000 Individuen gezählt.

Die detaillierten Resultate der Vogelberingung auf dem Subigerberg finden Sie unter www.vvso.ch/subigerberg

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