Amtsgericht
Auf dem Pannenstreifen unterwegs, um schneller zum WC zu gelangen

Manuelo S.* war auf dem Pannenstreifen gefahren, um schneller eine Toilette zu erreichen. Sein Darm sei eben empfindlich, erklärte er nun vor dem Richter.

Rahel Nicolet
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Der Angeklagte verliess die Autokolonne und fuhr auf einer Strecke von 200 Metern auf dem Pannenstreifen an den stehenden Autos vorbei. (Symbolbild)

Der Angeklagte verliess die Autokolonne und fuhr auf einer Strecke von 200 Metern auf dem Pannenstreifen an den stehenden Autos vorbei. (Symbolbild)

Laurent Gillieron/Keystone

«Waren Sie letztes Jahr am 27. Mai mit ihrem BMW auf der A1 in Richtung Zürich unterwegs?», eröffnete Präsident Ueli Kölliker die Verhandlung am Amtsgericht Wasseramt-Bucheggberg.

Normalerweise fiele es den meisten wohl schwer, sich daran zu erinnern, ob er vor fast einem Jahr auf der Autobahn unterwegs war. Manuelo S.* weiss es noch. «Ja. Ich war geschäftlich unterwegs und auf dem Rückweg in die Firma.» Aufgrund dieser Fahrt musste S. gestern nämlich vor Gericht erscheinen. Dem 64-Jährigen wurde eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln vorgeworfen.

Menschlichkeit im Stau

Kurz vor der Ausfahrt Kriegstetten geriet S. im Mai letzten Jahres in einen Stau. «Die Autokolonne ist mal langsam gefahren, mal gestanden. Dann ging gar nichts mehr.» Sein Darm, sagte S., sei empfindlich, vor Jahren habe er diesbezüglich ein schlechtes Erlebnis gehabt. Just in der Autokolonne habe sein Bauch zu rumoren begonnen. «Ich habe es schlichtweg nicht mehr ausgehalten.»

Um schneller zur Toilette zu gelangen, verliess S. die Autokolonne und fuhr auf einer Strecke von 200 Metern auf dem Pannenstreifen an den stehenden Autos vorbei zur Ausfahrt. «Da ich ja weiss, wie gefährlich das ist, war ich sehr vorsichtig», so S. «Ich bin bewusst sorgfältig gefahren, im Schritttempo, und ich habe die Rück- und Seitenspiegel benutzt.»

Nur eine Ausrede?

Andere Autofahrer seien zuvor deutlich schneller an der Kolonne vorbei zur Ausfahrt gefahren. Kaum hatte er die Autobahn verlassen, wurde er von einem Polizisten angehalten. «Als der Polizist meine Papiere kontrolliert hat und mir bewusst wurde, was nun auf mich zukommen könnte, hat sich etwas in mir blockiert», so S. In dieser Situation sei es nicht mehr das Wichtigste gewesen, die Toilette aufzusuchen. «Wie die Psyche halt so spielt.» Verteidigerin Manuela Zimmermann wollte von ihrem Mandanten wissen, ob der Toiletten-Drang bloss eine Ausrede gewesen sei. «Nein, keineswegs», beteuerte S.

Amtsgerichtspräsident Kölliker erklärte, dass der Drang, auf die Toilette zu gehen, das Verhalten von S. nicht rechtfertige. Oder anders gesagt: «Auf den Punkt gebracht: Man macht in einem solchen Fall besser in die Hosen.»

Strafe gemildert

Weil S. langsam an einer stehenden Kolonne vorbeigefahren sei, wandelte das Gericht die «grobe Verletzung» der Verkehrsregeln zu einer «einfachen Verletzung». S. wurde eine Busse von 1150 Franken oder ersatzweise fünf Tage Gefängnis auferlegt. Zudem muss er für die Verfahrenskosten aufkommen.

«Es ist jedoch möglich, dass die Staatsanwaltschaft in Berufung geht», gab der Gerichtspräsident zum Schluss zu Bedenken. Die Ankläger werten Rechtsüberholen nämlich als grobe Verletzung.

* Name von der Redaktion geändert.