Ausserkantonale Betreuung
«Auch wir müssen noch dazulernen»: Einblick in die Jugendpsychiatrische Klinik in Bern

Ab nächstem Jahr reisen Solothurner Kinder und Jugendliche mit psychischen Krankheiten für stationäre Aufenthalte nach Bern und Basel. Was erwartet sie da? Ein Augenschein in der Berner Einrichtung.

Vanessa Simili
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik am Rande von Bern
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Ein Augenschein in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik am Rande von Bern.
Hier werden Emotionsregulationsstörungen behandelt.
Marialuisa Cavelti (Links), Raphael Wenger und Laura Gerber betreuen die Patienten.
Blick in den grossen Garten

Die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik am Rande von Bern

zvg

Es ist kurz vor Mittag, die Aufenthaltsräume der Station Phönix sind leer, noch herrscht Ruhe. Gleich werden die sieben bis neun Jugendlichen am langen Tisch gemeinsam essen. Trotz Schulferien leben sie während der Woche in der Klinik am Rande von Bern. Denn eine psychotherapeutische Behandlung ist harte Arbeit. Und sie dauert hier im Durchschnitt drei Monate.

Die Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren haben sich freiwillig zum Therapieprogramm entschlossen. «Man kann nicht psychotherapeutisch gegen den Willen einer Person arbeiten», erklärt Oberpsychologin Marialuisa Cavelti, die seit 2018 bei der KJP arbeitet und seit März die Station führt. «Es braucht ein explizites Commitment.» Deshalb seien vor einem stationären Aufenthalt die Vorgespräche wichtig, auch mit den Erziehungsberechtigten. «Wir haben einen hohen Bedarf an Kontakt und Mitarbeit der Eltern», unterstreicht Klinikdirektor Michael Kaess.

Der Weg nach Bern ist für die Solothurner Kinder und Jugendlichen, die eine stationäre Behandlung benötigen, ab Januar 2021 ein Fakt. Per Ende Jahr wird die stationäre Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung in Kanton Solothurn geschlossen, die kranken Kinder und Jugendlichen werden ausserkantonal betreut. Doch aus dem Gespräch wird schnell klar: In Relation gesetzt schwindet die vermeintliche Hürde. Für Eltern aus dem Berner Oberland oder dem Seeland sei die Fahrzeit unter Umständen nicht kürzer, so Kaess. Und verglichen mit einem Arbeitsweg, wie er in Deutschland, den USA oder in Australien normal ist, sei eine Dreiviertelstunde für eine hochspezialisierte Therapie des eigenen Kindes letztlich doch keine grosse Distanz.

Verschiedene Ansätze unter einem Dach

Die Station Phönix befindet sich im ersten Stock des sogenannten Althauses, auf dem Gelände der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern. Hier werden Emotionsregulationsstörungen behandelt. Dazu gehören selbstverletzendes Verhalten, Suizidgedanken oder –versuche, impulsives Verhalten in Form von Essanfällen, Alkohol- oder Drogenkonsum und exzessiver Medien- oder Internetkonsum.

Sie ist nur eine von neun Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern, die mit 340 Mitarbeitenden, 61 Betten und mehr als 200 stationären Patienten jährlich die grösste schweizweit ist. Zum Aufenthalt in der KJP gehören neben der Einzelpsychotherapie auch Gruppentherapien, Familiengespräche, ergänzende Angebote wie Reit- oder Musiktherapie sowie die klinikinterne Schule.

Das Programm gibt Strukturen vor, die Ausgestaltung aber findet individuell statt

, so Oberpsychologin Cavelti. Auch die medikamentöse Therapie kann Teil der Behandlung sein, muss aber nicht. «Dafür braucht es eine individuelle Abklärung durch einen Facharzt», sagt sie. Die Wünsche der Patienten finden dabei aber Gehör. «Die Station Phönix ist offen, die Jugendlichen gehen in der Regel am Wochenende nach Hause», fährt Cavelti fort. «Wir bieten ein Telefon-Coaching für die Jugendlichen und Familien, damit wir sie bei Bedarf auch zu Hause unterstützen können.» Offen bedeutet auch, dass die Jugendlichen Besuch empfangen dürfen, auch von Freunden.

Damit die Zuweisungen aus den Solothurner Ambulatorien gut verlaufen wird, bedarf es einiger Vorbereitung: «Nach den Sommerferien beginnen wir mit der Trainingsphase in Solothurn», ist von Kaess zu erfahren. «Wir werden mit unserem leitenden Personal die Fachleute aus den Ambulatorien informieren, denn jedes triagierende Ambulatorium, dazu gehört auch die Notfallaufnahme in Solothurn, muss die stationären Abteilungen kennen, um die Zuweisung eines Patienten vornehmen zu können.» Das sei notwendig und zentral für ein funktionierendes Zuweisungsprozedere. «Spätestens ab November sind wir bereit», so Kaess.

Fünf Betten kommen in Zukunft dazu

Für die Übernahme der Solothurner Patientinnen wird die KJP zudem fünf Betten aufstocken, was auch ein Lichtblick für die Kinder und Jugendlichen auf den Wartelisten bedeutet, die sich zeitweise bis zu mehreren Wochen für eine stationäre Aufnahme gedulden müssen. Dass der Fachkräftemangel in der Branche auch die KJP trifft, ist kein Geheimnis: «Wir haben offene Stellen im Ärztebereich und deshalb Ärztestellen mit psychologischen Psychotherapeuten besetzt», gibt Kaess Einblick.

Als Uniklinik aber gelange die KJP leichter an Nachwuchs. «Wir sind ein Aus- und Weiterbildungsbetrieb und deshalb kommen Patienten auch in Kontakt mit auszubildendem Personal.» Zudem wird Forschung betrieben, selbstverständlich nur mit ausdrücklicher Einwilligung der Patienten und Eltern. Dies führe zu viel Wissen, was zusammen mit dem erfahrenen Fachpersonal schliesslich wiederum den Patienten zugute kommt. Ob eine Patientin bei der Aufnahme in die Station Phönix in ein Einzel- oder ein Doppelzimmer kommt, ist allein davon abhängig, welches Bett gerade frei geworden ist.

Vertrauen gewinnen

«Am Anfang geht es darum, eine Beziehung aufzubauen», sagt Sozialpädagogin Laura Gerber. «Dann erst kann man beginnen zu arbeiten.» Letztlich gehe es darum, Vertrauen zu gewinnen und den Jugendlichen zu vermitteln, «dass wir mit ihnen zusammen arbeiten und nicht gegen sie.» Weiter stehe das Fördern von bereits vorhandenen Ressourcen im Vordergrund, fügt Teamkollege Raphael Wenger, ebenfalls Sozialpädagoge, an. «Wir begleiten sie in ihrem strukturierten individuellen Tagesablauf, vom Morgenessen bis hin zu einem Tagesrückblick am Abend.» Und: «Wir geben ihnen Instrumente an die Hand, wie sie niederschwellig Hilfe erfragen können. Zum Beispiel in Form einer roten Karte, die sie abgeben können. So können wir den ersten Schritt auf sie zu machen.»

Die Sozialpädagogen bilden zusammen mit klinischen PsychologInnen, Fachärztinnen, Psychiatriepflegenden und Lehrpersonen an der Schule ein interdisziplinäres Behandlungsteam, das in engem Austausch steht. Neben Gesprächen und psychologischen Tests werden im Verlauf einer Behandlung auch Bluttest im Labor oder andere weiterführende somatische Untersuchungen gemacht. «Einerseits kann es somatische Gründe für psychische Symptome geben, anderseits können Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen, die medizinisch beobachtet werden müssen», begründet Cavelti die fachliche Besetzung.

Sowohl flächendeckend als auch spezialisiert

Bevor Kinder und Jugendliche stationär aufgenommen werden, hat man meist das ambulante Angebot bereits ausgeschöpft. «Wo immer möglich behandeln wir ambulant. Zusätzlich ist die Stärkung der sogenannten Intermediär-Angebote wichtig», betont Kaess, «und diese werden in Solothurn vor Ort ausgebaut werden müssen». Das Potenzial des Modells Bern-Basel-Solothurn liege darin, dass es flächendeckend und gleichzeitig spezialisiert arbeite. «Für schwere, komplexe Fälle ist die Versorgung durch die Unikliniken Basel und Bern gegeben», versichert er, leichte und mittelschwere aber sollen möglichst wohnortsnah behandelt werden. Ein Modell, das in der Pädiatrie seit langem so funktioniere.

Fest steht: Je früher Kinder und Jugendliche bei psychischen Beschwerden behandelt werden, desto besser sind die Therapieverläufe. Ziel eines stationären Aufenthaltes sei die Symptomatik zu reduzieren und «die Patienten so rasch wie möglich in ihr eigenes Umfeld zu reintegrieren», so Kaess.

Der Übergang zurück nach Hause, in den Alltag und in die Familie, ist eine vulnerable Phase.

Ein Probetag in der Schule oder ein Treffen mit der Schulleitung des Patienten für die Entlassplanung sei bei grösseren Distanzen zwar mit erhöhtem Aufwand verbunden, aber dennoch möglich. Die Zusammenarbeit mit Solothurn bringt auch für Bern Neues mit sich: «Wir werden mit anderen Behörden und anderen Systemen zusammenarbeiten als bisher, in dieser Hinsicht müssen auch wir noch dazulernen», so Kaess.

Basel hat bereits Erfahrung

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland und die psychiatrische Universitätsklinik Basel übernehmen ab nächstem Jahr ebenfalls Solothurner Kinder und Jugendliche für stationäre therapeutische Aufenthalte. «Kinder und Jugendliche aus den Bezirken Dorneck und Thierstein werden uns bereits heute zugewiesen», ist von Alain di Gallo, Direktor der UPK Klinik für Kinder und Jugendliche, zu erfahren.

Auch darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit anderen Kantonen für Basel kein Novum: «Wir verfügen über langjährige Erfahrung mit Patientinnen und Patienten beispielsweise aus dem Aargau oder aus Luzern.» Insofern ist Basel gewappnet. «Gestützt auf den gemeinsamen Behandlungsraum haben wir mit der Solothurner Spitäler AG evaluiert, wie viele Patienten und Patientinnen aus dem Kanton Solothurn und mit welchem Behandlungsbedarf wir erwarten können», so di Gallo. Auch die Zuweisungswege seien geklärt.

«Wir bieten in einem sehr kindergerechten Neubau eine optimale Versorgung für die jungen und jüngsten Patientinnen und Patienten an. Das Gebäude bietet Platz für die stationäre Behandlung und Beschulung von zehn Kindern und zwölf Jugendlichen», ist weiter zu erfahren. «Wir arbeiten interprofessionell und milieutherapeutisch, also unter Einbezug des ganzen Umfeldes der Kinder und Jugendlichen.»

Auch hier steht die Reintegration der Patienten im Fokus. «Ab dem ersten Tag stehen die Lehrerinnen und Lehrer der Klinikschule in Kontakt mit der Schule der Kinder und Jugendlichen, um den Schulstoff abzugleichen.» Der Kanton Solothurn verfüge zudem über die nötigen Strukturen für die Nachbetreuung und werde neu auch aufsuchende Hilfen zu Hause aufbauen. «Die Patienten bleiben nur so lange stationär bei uns, wie es absolut notwendig ist. Zu Hause brauchen sie aber weiterhin ambulante Unterstützung, etwa in Form von Familienbegleitung oder Therapie.»

Vanessa Simili

Kinderklinik an der Wilhelm-Klein-Strasse
13 Bilder
Die Architektur eines Zimmer
Der Klinikdirektor Alain Di Gallo vor dem Helligkeit spendenden, unbegehbaren Innenhof.
Das Treppenhaus

Kinderklinik an der Wilhelm-Klein-Strasse

Kenneth Nars