Das Thema bewegt die Schweiz: Unter dem Stichwort Abzocker-Initiative spuckt die Schweizerische Mediendatenbank allein für die vergangenen vier Wochen rund 800 Artikel aus. Grund genug, drei Wochen vor der Abstimmung, den Vertretern der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber in der Region Solothurn-Oberaargau in einer Kurzumfrage auf den Zahn zu fühlen.

Auf die Seite des Initianten Thomas Minder schlägt sich ohne Wenn und Aber Markus Baumann. «Wir werden der Initiative zustimmen», sagt der Präsident des Gewerkschaftsbundes Kanton Solothurn. Dieselbe Antwort gelte auch für ihn als Leiter der Sektion Solothurn der Gewerkschaft Unia. Das Volksbegehren sei ein erster wichtiger Schritt im Kampf gegen Lohnexzesse auf den Teppichetagen von börsenkotierten Firmen. «Topmanager, die die Firmenkassen plündern, ohne dass dies von den Aktionären beschlossen ist, gehören bestraft.» Den Gegenvorschlag unterstützt Baumann nicht, weil er den Abzockern zu viel Spielraum lässt und die Sanktionen zu schwach seien. Der Solothurner Gewerkschafter ist damit nicht auf der Linie des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Dieser empfiehlt nämlich, leere Stimmzettel einzulegen. Zur Verhinderung von exzessiven Boni müsse zu anderen Mitteln gegriffen werden, wie etwa die 1:12-Initiative der Juso.

Liberale Lohnstruktur einschränken

Auf der Arbeitgeberseite herrscht dagegen Unité de doctrine, wenn auch mit Zwischentönen. Alle angefragten Unternehmer lehnen die Initiative ab, befürworten aber den Gegenvorschlag. «Obwohl ich diese Lohn- und Boni-Exzesse keinesfalls gutheisse, kann es nicht sein, dass wir unsere liberale Lohnstruktur nun durch Gesetze einschränken müssen», antwortet etwa Peter Ruckstuhl, Chef und Inhaber der gleichnamigen Teppichherstellerin in Langenthal. Es wäre falsch, eine solche minoritäre Entwicklung durch Gesetze einzudämmen. «Ich habe keinen Stress, wenn sich nun dieser Boniclub Vasella und Co. solche völlig falsche Löhne und Boni zugesteht, wie zuletzt das Beispiel der Konkurrenzklausel zeigt. Wenn das die Aktionäre tolerieren, so what.»

Auch für Edi Fischer, CEO der Bucher-Motorex Group in Langenthal, sind exorbitante Löhne von Führungskräften der börsenkotierten Firmen «wirklich störend und bringen Führungskräfte auch von Firmen mit vernünftigem Verhalten in Verruf». Und diese seien doch mit Abstand in der Mehrheit, nur spreche niemand davon. Fischer wird aber der Minder-Initiative nicht zustimmen. Denn die Entlöhnung von Spitzenkräften sei nicht Aufgabe der Politik, sondern der Aktionäre und des Verwaltungsrates.

Anliegen Rechnung tragen

Als gangbaren Weg bezeichnet Adrian Flury, Chef und Inhaber der Arthur Flury AG in Deitingen, den Gegenvorschlag zur Initiative. «Dieser schadet unserem Industriestandort nicht und trägt dem berechtigten Anliegen einer breiten Bevölkerung gegen überrissene Managerlöhne Rechnung.» Die Initiative dagegen gehe eindeutig zu weit. Flury: «Es muss einer Aktiengesellschaft frei zustehen, wie sie die Kompetenzen innerhalb einer Firma regelt. Eine allzu ausgeweitete Aktionärsdemokratie verhindert eine langfristige strategische Ausrichtung einer Firma.» Zudem würde die Initiative zu einem sehr restriktiven Aktienrecht führen; damit wäre auch die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Schweizer Wirtschaft tangiert.

Das will auch Unternehmer Daniel Arn mit seinem Nein zur Initiative verhindern. «Um die Lohnexzesse einiger Grossunternehmungen zu bekämpfen, darf nicht der gesamte Wirtschaftsplatz Schweiz und das Unternehmertum bestraft werden», sagt der Chef und Inhaber der Hans Christen AG in Herzogenbuchsee. Er unterstütze aber den Gegenvorschlag, damit «gegen die gröbsten Auswüchse der Abzockerei vorgegangen werden kann».

Bogen überspannt

Noch nicht entschieden hat sich Daniel Müller, CEO der Bellacher Medtechfirma Rotomed AG. «Ich glaube, dass die sogenannten Abzocker den Bogen über die Jahre so überspannt haben, dass es tatsächlich an der Urne zu einer Annahme der Minder-Initiative kommen könnte.» Das damit verbundene komplizierte Aktienrecht wäre für die Schweiz allerdings nicht sehr vorteilhaft. Für ihn ist aber der Grund der Initiative klar: «Die grenzenlose Gier einzelner weniger Manager bei den Bezügen verstehen die meisten Menschen nicht – ich auch nicht. Sie hat nichts mit dem realen Arbeitsmarkt zu tun.» Solche Exzesse gelte es einzudämmen, ob allerdings die Initiative das richtige Instrument sei, «versuche ich noch herauszufinden».

Nein zur Initiative sagt Jürg Ritz, Chef der Baloise Bank SoBa. Das Schweizer Aktienrecht würde zum unflexibelsten der Welt und durch die Verlegung von Aktiengesellschaften ins Ausland stünden Arbeitsplätze auf dem Spiel. Ja sagt er dagegen zum Gegenvorschlag, weil dieser die zentralen Forderungen der Initiative übernimmt. «Er lässt aber den Aktionären die Freiheit, ihre Unternehmung nach ihren konkreten Bedürfnissen zu organisieren.» Gleich abstimmen wird Markus Boss, Leiter der Regiobank Solothurn. «Die Initiative wäre ein zu enges Korsett und ein zu grosser Eingriff in die unternehmerischen Freiheiten.» Für Marianne Wüthrich, Chefin der Biscuitherstellerin Wernli AG in Trimbach, «schränkt der Gegenvorschlag Exzesse ein, lässt der Wirtschaft aber da Spielraum, wo Einschränkungen nicht nötig sind».

Die Umfrage zeigt, dass die Salär-Auswüchse trotz Nein zur Initiative auch bei den Patrons nicht auf Zustimmung stossen. Philippe Baumann, der CEO der Textilfirma Création Baumann in Langenthal, sagt Ja zum Gegenvorschlag – bringt es auf den Punkt. «Viele Menschen stören sich an den Machenschaften einiger weniger Manager. Auch ich finde diese absolut übertriebenen Löhne störend. Sie belasten die gute Partnerschaft zwischen den Sozialpartnern in der Schweiz.»