Diese Woche hatte es in sich. Erstmals in der Geschichte der modernen Schweiz wurden gleichentags zwei Frauen in die Landesregierung gewählt. Und dies erst noch im ersten Wahlgang. Wer hätte das angesichts der leidenschaftlichen Diskussionen der letzten Wochen in dieser Klarheit für möglich gehalten? Auch wenn der Kopf immer sagte: Eigentlich ist der Fall klar. Und trotzdem: Einen Moment lang, einen kurzen nur, machte auch die Fantasie einen Sprung, die solothurnische zumal. Noch vor kurzer Zeit schien es nicht ausgeschlossen, dass der Sitz von Doris Leuthard nach Solothurn gehen könnte. Bis zuletzt hielt sich Pirmin Bischof die Option einer Kandidatur offen, ehe er allfälligen Bundesratsweihen aus familiären Gründen eine Absage erteilte. Wohlwissend zudem, dass seine Wahlchancen aufgrund der (Frauen-)Konstellation und des Bewerberinnenfeldes klein, sehr klein waren. Die Vorstellung über den Einzug eines Solothurner Bundesrats hatte dennoch Charme.

Grämen sollte sich Solothurn allerdings nicht. Dies umso weniger, als es Landesgegenden gibt, die länger auf einen Bundesrat gewartet haben als unsere. Die Zentralschweiz zum Beispiel fühlt sich nach der jüngsten Wahl zwischen notorisch übergangen und gezielt vernachlässigt. Auch wenn die Gefühlslage nachvollziehbar ist: Erstens hängen Wohl und Weh einer Region nicht vom Vorhandensein eines «eigenen» Bundesrats ab. Und zweitens kann nicht behauptet werden, die neue Landesregierung sei unausgewogen zusammengesetzt. Ganz abgesehen davon, dass alle «Übergangenen» stets den Eindruck haben, in diesem Fall ganz besonders «ungerecht» behandelt worden zu sein. Aus welchem Grund, bleibt ihr Geheimnis.

Entscheidend ist etwas anderes: Die Interessenvertretung von Kantonen und Regionen hängt nicht davon ab, sich auf den «Bundesratsbonus» verlassen zu können, wie dies die Aargauer mit CVP-Magistratin Leuthard zu Recht oder zu Unrecht immer wieder gerne taten. Entscheidend ist vielmehr, was die eidgenössischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier unter der Bundeshauskuppel (und mit ihren Kontakten in die Verwaltung) erreichen. Und ebenso entscheidend ist, wie sich die Exekutive des Kantons in den Regierungskonferenzen manifestiert. Das sind dann weniger die spektakulären Dinge und jene, die auf der Galerie für Applaus sorgen. Vielmehr geht es da um Präsenz und Knochenarbeit. Zum Beispiel wenn es um Autobahnausbauten geht. Zum Beispiel wenn es um Bahninfrastrukturen geht. Zum Beispiel wenn es um Raumplanung geht. Zum Beispiel wenn es um die Gesundheitskostenentwicklung geht. Einig sein muss man sich dabei nicht immer. Aber es gibt Verbindendes über die Parteigräben hinweg.

Ohne einzelnen Parlamentsmitgliedern aus dem Kanton zu nahe treten zu wollen: Beim Messen des nationalen Einflusses beanspruchen Ständerat Pirmin Bischof (CVP) und Nationalrat Kurt Fluri (FDP) einen Sonderstatus. Etwas zynisch könnte man sogar behaupten, die beiden nützten dem Kanton in ihren derzeitigen Chargen mehr, als wenn sie je in den Bundesrat eingezogen wären. Ist es bei Bischof die Finanz- und Wirtschaftspolitik, ist es bei Fluri das Staats-, Rechts- und Demokratiepolitische, das hervorsticht. Mehr als Akzente setzen zudem Philipp Hadorn (SP) in der Energie- und Verkehrspolitik sowie Stefan Müller-Altermatt (CVP) in der Umwelt- und Energiepolitik. Als eigentliche Speerspitzen für parteipolitische Anliegen in Initiativ- und Referendumsfragen treten dagegen Walter Wobmann und Christian Imark (beide SVP) in Erscheinung. Derweil Ständerat Roberto Zanetti und Bea Heim (beide SP) in klassischen Domänen der Sozialdemokratie zuhause sind, Ersterer mit Schwerpunkt in Finanzen und Sicherheit, Letztere in Gesundheit und Sozialem. Einigkeit – auch parteiintern: Die absehbare Blutauffrischung tut dringend not.

Mit Blick auf die eidgenössischen Wahlen im kommenden Jahr scheint gleichwohl viel Kontinuität angesagt. Nach heutigem Stand der Dinge steht nur der Sitz von Heim zur Disposition, nachdem die Amtsinhaberin auf eine neuerliche Kandidatur verzichtet. Ein Rückzug von Zanetti dagegen wäre mittlerweile eine ziemliche Überraschung – auch wenn es sich der frühere Regierungsrat mit dem Entscheid über seine politische Zukunft wohl in der Tat nicht leicht macht. Dabei sei in Erinnerung gerufen: Klar, die Köpfe, welche die Politik ihrer Partei repräsentieren, sind wichtig. Die Wählerinnen und Wähler haben bei ihrem Entscheid nie nur das Parteibuch in Händen oder das Parteiprogramm vor Augen. Fakt ist aber auch, dass die Köpfe, so wichtig sie sind, in Bundesbern häufig (und wenig überraschend) ihren Fraktionen folgen. Das hat dann mit Provenienz und Regionalvertretung – so weit sich solche Fragen überhaupt stellen – weniger zu tun als mit schierer Realpolitik.

Und damit zurück zu dem, was diese Woche passierte. Gewiss, der Bundesrat wird bald in neuer Besetzung tagen. Gewiss, es wird Verschiebungen bei der Departementsverteilung geben. Gewiss, das Kollegium wird aufgrund der neuen Zusammensetzung eine eigene Diskussionskultur finden. Was sich allerdings tatsächlich ändern wird, muss sich erst weisen. Nicht anhand von Fragebögen in Hearings vor der Wahl, sondern anhand von konkreten Entscheiden in konkreten Dossiers. Solchen, die hoffentlich von weitsichtigen Parlamentariern, die über die Legislaturgrenzen hinausdenken können, beeinflusst werden. Wenn Abgeordnete aus dem Kanton Solothurn dabei eine wichtige Rolle spielen – nur zu. Im besten Fall unterstützt von einer Kantonsregierung, die weiss, was sie will und sich auf den Kanälen, die ihr zur Verfügung stehen, bemerkbar macht. Die Arbeit darf durchaus still sein. Aber sie muss wirken. Und am Ende wollen auch wir wissen, wer sie gemacht hat. Und wofür. Zum Beispiel für den Erhalt und die Mehrung der Standortgunst dieses faszinierend fragmentierten Kantons, der bei guter Politik mehr als die Summe seiner Einzelteile ist.

Übrigens: Veränderungen kündigen sich oft im Kleinen an. Ebenfalls diese Woche erhielt die FDP-Fraktion im Kantonsrat Zuwachs von zwei BDPlern. Die einen gehen, die andern kommen. Oder umgekehrt. Das ist nicht nur im Bundesrat so. Und die Folgen erahnen wir vielleicht, aber wissen tun wir es erst später. Zum Beispiel bei den nächsten Wahlen.

balz.bruder@schweizamwochenende.ch