Obergericht
Auch Obergericht verurteilt Mann wegen Missbrauchs seiner Stieftochter

24 Monate bekam der Mann, der seine damals 13-jährige Stieftochter während zwei Jahren sexuell missbraucht hatte, vom Obergericht aufgebrummt. Damit bestätigte das Gericht das Urteil der Vorinstanz.

Hans Peter Schläfli
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Der damals 36-jährige soll die 13-Jährige genötigt haben, als er sie beim Kiffen erwischte. Danach missbrauchte er sie während zwei Jahren sexuell.

Der damals 36-jährige soll die 13-Jährige genötigt haben, als er sie beim Kiffen erwischte. Danach missbrauchte er sie während zwei Jahren sexuell.

Solothurner Zeitung

Handelt es sich um einen schmutzigen Rosenkrieg einer hasserfüllten Ex-Frau, oder hat der damals 36-jährige Angeklagte Pierre E.* von 1998 bis 2000 tatsächlich seine damals minderjährige Stieftochter Carolina G.* sexuell belästigt, ja sogar zu sexuellen Handlungen genötigt?

Das Solothurner Obergericht glaubte an der Verhandlung dem Opfer und verurteilte den Angeklagten wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit einem Kind sowie wegen mehrfacher sexueller Nötigung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Damit bestätigte es vollumfänglich das erstinstanzliche Urteil des Amtsgerichts Dorneck-Thierstein, und auch die Prozesskosten muss Pierre E. bezahlen.

Opfer ist glaubwürdig

Laut der Anklageschrift hat Pierre E. Ende 1997 in Dornach seine damals 13-jährige Stieftochter zusammen mit der besten Freundin Vreni H.* beim Kiffen erwischt. Mit der Drohung, alles der Mutter Sandra C.* zu erzählen, hat er Caroline G. zu sexuellen Handlungen genötigt. Da das Mädchen Angst vor ihrer Mutter hatte, habe es in der Folge im Badezimmer, auf dem Sofa und dem Bett während mehr als zwei Jahren mehrmals pro Monat sexuelle Handlungen an seinem Stiefvater vorgenommen.

Frau leidet an psychischen Problemen

Während Pierre E. behauptete, dass es den Vorfall mit dem Kiffen nie gegeben habe, bestätigte die beste Freundin die Aussagen des Opfers. Vreni H. sagte aber auch, dass sie kurz darauf von ihren Eltern mit Hausarrest bestraft worden sei. Wie es sein kann, dass die Ehefrau des Angeklagten und Mutter des Opfers nichts vom Kiffer-Vorfall mitbekommen konnte, sodass Pierre E. sein Opfer zu sexuellen Handlungen nötigen konnte, blieb an der Verhandlung offen. Das Opfer war wegen eines ärztlichen Attests von der Verhandlung dispensiert. Die mittlerweile 27-jährige Frau leidet unter psychischen Problemen.

In der Anklageschrift sind aber die von Carolina G. geschilderten sexuellen Übergriffe auf ganzen zwei A4-Seiten ausführlich und detailliert beschrieben. Gerade diese minuziösen und realistischen Darstellungen sprechen laut der Urteilsbegründung für die Glaubwürdigkeit des Opfers. Ihre Mutter Sandra C. erklärte, dass Carolina G. erst 2007 bei einem Nachtessen die Vorwürfe der sexuellen Belästigung zur Sprache gebracht hatte. Bis dahin sei die Ehe mit Pierre E. mehr oder weniger gut gewesen. Doch dann sei es recht schnell zur Scheidung gekommen. Weshalb bis zur Anzeige bei der Polizei weitere zwei Jahre verstrichen, blieb ungeklärt. Laut Urteilsbegründung ist dies aber nicht ungewöhnlich. Opfer sexueller Übergriffe brauchen oft lange, bis sie sich zu einer Anzeige durchringen können.

Voller Hass gegen Ex-Mann

«Mutter und Tochter wollen sich an Pierre E. wegen der Trennung und Scheidung rächen», sagte Rechtsanwalt David Ivanov. Um diese These zu erhärten, spielte der Verteidiger Nachrichten ab, die Sandra C. in den letzten Jahren auf dem Telefonbeantworter der neuen Lebenspartnerin von Pierre E. hinterlassen hatte. Diese Aufnahmen waren voller Beschimpfungen und Drohungen; der Wortschatz stammte aus der untersten Schublade. «Er hat meine Tochter kaputt gemacht und mich», rechtfertigte Sandra C. die Belästigungen. «Und jetzt wollen sie auch ihn kaputt machen?» fragte Oberrichter Hans-Peter Marti. «Ja», antwortete Sandra C. kurz und bündig. «Sandra C. ist voller Hass gegen ihren Ex-Ehemann.

Die beiden Frauen passen nicht in das übliche Schema einer normalen Person», führte Ivanov aus. «Carolina G. ist nach vielen Jahren des Drogenkonsums psychisch krank und der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ist schwer einschätzbar.» Das von der Norm abweichende Verhalten beider Frauen sei von der Vorinstanz nicht gewürdigt worden, und ebenso nicht das Prinzip «in dubio pro reo», also im Zweifel für den Angeklagten. Der Verteidiger sprach von einem Komplott der beiden Frauen und forderte einen Freispruch: «Es existieren zu viele Widersprüche in den Aussagen von Mutter und Tochter.» Und: «Es bestehen erhebliche Zweifel daran, dass die sexuellen Übergriffe tatsächlich stattgefunden haben.»

Gericht kehrt den Spiess um

Das Obergericht kehrte den Spiess in seiner Urteilsbegründung um. Der jetzige Rachefeldzug der Ex-Frau sei eine Folge dessen, was der Verurteilte seiner Stieftochter angetan hat, und nicht etwa ein Indiz für einen Komplott.

*Namen von der Redaktion geändert.