Helene Huldi führt Schwangerschaftsabbrüche durch. In der Frauenpraxis Runa in Solothurn und im Bürgerspital. Auch politisch ist die 61-Jährige in diesem Bereich aktiv – seit sie 17 Jahre alt ist. Damals war sie im Komitee für den 14-wöchigen Mutterschutz nach der Geburt, später in jenem für straflose Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz. Dann war sie an der Ausarbeitung des Textes für die Fristenregelung dabei, welcher besagt, dass jeder Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Woche straflos ist – ist die Schwangerschaft weiter fortgerschritten, braucht es eine ärztliche Bescheinigung. «Die Selbstbestimmung der Frau - das ist mein Thema», sagt die Ärztin. Sie ist denn auch die Ansprechperson, wenn es um die Hintergründe zu den Statistiken zu Schwangerschaftsabbrüchen geht, die das Bundesamt für Statistik führt.

226 Frauen aus dem Kanton liessen 2017 abtreiben. «Das sind nicht viele», kommentiert Huldi. So verhalte es sich in der ganzen Schweiz – sie verweist auf andere Länder: So sind es in Schweden knapp 20 Frauen auf 1000 gesehen – in der Schweiz 6. Trotzdem: Im Kanton kommen auf 1000 Geburten 88.5 Abtreibungen. Das ist deutlich mehr als in «konservativen Kantonen» – wie sie Huldi nennt – wie Appenzell Innerrhoden, wo die Rate bei knapp 22 liegt. Und gleichzeitig deutlich weniger als in «fortschrittlicheren Kantonen» wie Zürich. Dort liegt die Rate bei knapp 122.

«Liberaler» Kanton Solothurn

Solothurn bezeichnet die Ärztin als «liberalen» Kanton, aufgrund der Haltung verschiedener Ärzte in Spitälern und Kliniken. Das fördere «Abbruchstourismus». 2017 liessen knapp 30 Frauen aus anderen Kantonen im Solothurnischen abtreiben. 3 kamen auch aus dem Ausland hierhin. Im Gegenzug gingen knapp 60 Solothurnerinnen anderswo abtreiben. Huldi nennt die geografische «Verschachtelung» als Grund dafür. Huldi kennt auch andere Eigenheiten des Kantons – wie die «Hotspots» von Bordellen im östlichen Kantonsteil. Deshalb gebe es manchmal auch osteuropäische Sexarbeiterinnen, die abtreiben liessen. Frauen, welche von ihrer Kultur her eher Abbruch als Verhütung kennen.

Vor allem kennt Huldi aber die Geschichten, die hinter den Statistiken stecken: Alleingelassene Mütter, die überfordert sind, Asylsuchende, die keine Verhütungsmittel kennen, mehrfache Mütter, die «keine Kapazität» für weitere Kinder haben. «In den meisten Fällen versagen die Verhütungsmittel», sagt die 61-Jährige. Das Kondom platzt oder die Spirale verrutscht. Deswegen treiben einige Frauen auch nach der Frist von 12 Wochen noch ab - weil sie die Schwangerschaft zuvor nicht bemerkt haben. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Abbruch aber nur noch mit ärztlicher Verfügung erlaubt. Ein Teil der späten Abbrüche werde aber auch aufgrund einer Behinderung beim ungeborenen Kind gewünscht, sagt die Ärztin. Sie stelle fest, dass sich diese Fälle in den letzten Jahren gemehrt haben. Sie betont dann aber gleich, dass in allen Fällen gelte: «Nie, nie, nie entscheidet sich eine Frau leichtsinnig für den Abbruch. Eine Abtreibung begleitet eine Frau ein Leben lang.»

Vereinzelt «konservative» Ärzte

Das Vorurteil, vor allem knapp Minderjährige würden abtreiben, widerlegt Huldi: «Die Jungen verhüten oft viel bewusster, weil sie in ihrem Alter viel mehr Angst vor einer Schwangerschaft haben.» Sie habe auch schon Fälle von 14-Jährigen gehabt – diese bildeten aber wirklich die Ausnahmen. Das sagt auch die Statistik: 2016 gab es einen, 2017 gar keinen solchen Fall. Eher selten seien auch die Fälle der Frauen, die nicht wollen, dass jemand aus dem Umfeld vom Abbruch erfährt. Wegen des Alters oder der Religion, die Sex vor der Ehe verbietet. Auch in solchen Fällen zahlt die Krankenkasse für die Abtreibung – oder es gibt den schweizerischen Anne-Marie Rey Fonds, der Frauen bei Schwangerschaftsabbrüchen finanziell unterstützt. Viele Frauen würden zwar eine Abtreibung in Betracht ziehen – «sie haben kein inneres Tabu», sagt Huldi. Aber: «Offen im Umfeld wird trotzdem nicht darüber geredet.»

Dieses Tabu und andere Vorurteile kritisiert Huldi, die ansonsten mit der heutigen rechtlichen Grundlage sehr zufrieden ist. Und: «Auch in Winkeln des Kantons Solothurn gibt es Ärzte, die den Frauen vorgaukeln, Schwangerschaftsabbrüche seien illegal.» So habe sie ab und zu auch Fälle von Frauen, die spät zum Abtreiben kommen - weil sie vorher schlicht nicht wussten, dass sie das überhaupt dürfen. Von Abtreibungsgegnern erhält Huldi auch Drohbriefe – «aber nichts, was ernst zu nehmen wäre» - aufgrund ihrer Überzeugung: «Jede Frau darf selbst entscheiden.»