Uhrenflaute
Auch die Zulieferindustrie kommt unter Druck

Viele unabhängige Präzisionsteilehersteller, die für die Uhrenfirmen als Zulieferer fungieren, spüren die Uhrenflaute zuerst.

Franz Schaible
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Beim Präzisionsteilehersteller Aeschlimann sieht es nicht nach einem Auftragseinbruch aus – dennoch muss die Firma Flexibilität beweisen.

Beim Präzisionsteilehersteller Aeschlimann sieht es nicht nach einem Auftragseinbruch aus – dennoch muss die Firma Flexibilität beweisen.

zvg

Wenn die Uhrenhersteller weniger Zeitmesser produzieren und verkaufen können, hat das Folgen, die über die eigentlichen Uhrenhersteller hinausgehen. Sie bestellen logischerweise bei ihren Zulieferern weniger Uhrenbestandteile. Das bekommt beispielsweise die Grenchner W. Blösch AG zu spüren, welche Zifferblätter produziert und Uhrengläser und –gehäuse sowie weitere Uhrenbestandteile veredelt. «Im Vergleich zu den ersten fünf Monaten im Vorjahr ist der Umsatz im Bereich der Uhrenindustrie um 15 Prozent eingebrochen», sagt CEO Peter Blösch. Als Zulieferant sei man stark von der Lagerbewirtschaftung, der Beschaffungs- und Modellpolitik der Kunden abhängig.

Ein Abschwung bekäme deshalb immer zuerst der Zulieferer zu spüren. Andererseits profitiere man auch jeweils zuerst bei einem Aufschwung. «Im Moment ist dieser Trend allerdings noch nicht in Sicht», so Blösch. Deshalb sei es wichtig, stetig neue innovative Produkte zu entwickeln, um den Kunden immer wieder etwas Neues bieten zu können. «Das ist unsere einzige Chance.» Bislang sei man aus rein wirtschaftlichen Gründen um einen grösseren Stellenabbau herumgekommen. Man strebe ein qualitatives Wachstum an mit Fachkräften, die derzeit auf dem Markt seien. Es sei eher ein Aufbau geplant, es sei denn, die rückläufigen Uhrenverkäufe hielten auf unbestimmte Zeit an.

Von 100 auf Null

Unten durch muss die Präzisionsdrehteileherstellerin Andres AG in Lohn-Ammannsegg. «Die Bestellungen für Uhrenbestandteile gingen um 100 Prozent zurück», erklärt Firmenchef Dominic Andres. Dadurch fielen rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes weg.

Nach einem sehr positiven Jahr 2015 könne man sich im laufenden Jahr nicht gegen den negativen Trend wehren. «Wir versuchen, das laufende Jahr ohne Stellenabbau zu bestreiten und hoffen, dass sich im Verlauf des zweiten Semesters eine Verbesserung abzeichnet», so Andres.

Auch Philip Looser, Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident der Grenchner Zeigerfabrik Estima AG, meldet eine generell tiefere Nachfrage. «Wir haben aber diverse Kunden, die erfolgreich am Markt operieren und sogar mehr bestellen als im Vorjahr.» Deshalb sei es gelungen, den Personalbestand zu halten und man plane auch für das ganze Jahr keinen Stellenabbau.

Die Estima AG, welche nach eigenen Angaben 95 Prozent ihrer Zeiger an hiesige Uhrenfirmen liefert, beschäftigt rund 45 Mitarbeitende. Looser setzt jetzt auf die anfangs 2017 in Kraft tretende neue Swissness-Verordnung, worin ein höherer schweizerischer Wertanteil vorgeschrieben ist (siehe Kasten unten).

Flexibel und kurze Lieferzeiten

Bei einem der grössten Décolletageunternehmen im Kanton Solothurn, der Aeschlimann AG in Lüsslingen, sieht es nicht nach einem Auftragseinbruch aus. «Der Uhrenschraubenumsatz ist in etwa gleichgeblieben», erläutert Firmenchef Rolf Bläsi. Man liefere in einen Nischenmarkt, welcher weniger anfällig sei auf konjunkturelle Schwankungen. Darunter befänden sich auch sehr kleine Kunden. Bläsis Rezept: «Wir müssen ganz einfach sehr flexibel sein und möglichst kurze Lieferzeiten einhalten können.» Ein Personalabbau sei kein Thema. Im Gegenteil. «Wir sehen uns nach gut qualifizierten Fachkräften um.»

verschärfte Swiss-made-Verordnung

«Wird uns in die Karten spielen»

Wird eine Uhr künftig unter «Swiss Made» verkauft, müssen die Hersteller ab Anfang 2017 höhere Hürden nehmen. Neu müssen mindestens 60 Prozent der Herstellkosten der ganzen Uhr in der Schweiz anfallen. Die Folgen werden je nach Optik unterschiedlich beurteilt. Man habe für Uhren, welche im Jahr 2017 lanciert werden, zusätzliche Komponenten bei Schweizer Zulieferern beschaffen müssen, erläutert Markus Ingold von der Solothurner Chrono AG. «Dies verteuert unsere Produkte eindeutig. Wir sind nicht der Ansicht, dass der Konsument bereit ist, für eine Schweizer Uhr zwischen 20 und 50 Prozent mehr zu bezahlen, als für eine vergleichbare Uhr nicht schweizerischer Herkunft.» Entsprechend werde man die Mehrkosten nicht vollumfänglich überwälzen können, was zu einem Margenverlust führen werde. Für André Bernheim von der Mondaine Watch ist noch unklar, welche Materalien oder Teile für Uhren im Bereich der günstigen Produkte in absehbarer Zeit wieder in der Schweiz gefertigt würden. In den letzten 20 Jahren sei diese Zulieferindustrie verschwunden, behauptet er. «Ziel bleibt, unsere Markenuhren weiterhin zu konkurrenzfähigen Preisen unter Swiss Made produzieren und verkaufen zu können.» Peter Blösch vom Zulieferer W. Blösch AG ist überzeugt, dass «die strengeren Regeln sich für die meisten Zulieferer positiv auswirken werden.» Seine Firma habe bereits Aufträge in Aussicht gestellt bekommen, die ohne diese strengere Verordnung nicht eingetroffen wären. «Die Vorlage sei aber kein Persilschein für Zulieferer.» Entscheidend bleibe die Innovationskraft bezüglich Produkte, Prozesse und Dienstleistungen. «Die neue Verordnung wird uns in die Karten spielen», doppelt Philipp Looser vom Zeigerhersteller Estima in Grenchen nach. Kalkulationen diverser Uhrenmarken, welche heute die neue Grenze nicht erreichten, zeigten, dass «der Ersatz von ausländischen Zeigern durch Zeiger, die wir zu 100 Prozent in der Schweiz herstellen, oft ausreicht, um die neue Gesetzesanforderung zu erfüllen». (FS)