Kanton Solothurn
Auch die Jugend muss lernen: Geld zu haben, ist mit Arbeit verbunden

So viele Versuchungen, so teure Statussymbole: Immer mehr Jugendliche tappen in die Schuldenfalle. Eltern und Schule sind bei der Schuldenprävention von Schülern gefordert.

Beat Geier
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Von nichts kommt nichts: Der Zusammenhang von Soll und Haben will von Kindsbeinen an gelernt sein. az

Von nichts kommt nichts: Der Zusammenhang von Soll und Haben will von Kindsbeinen an gelernt sein. az

«Immer wenn ich mit Leuten über die Kosten von Autos spreche, sind wir uns einig, dass das etwas Teures ist. Bloss das eigene Auto ist ganz erstaunlich billig», bringt Andrea Fuchs die hohe Schmerzgrenze bei den Auslagen fürs Auto auf den Punkt. Die Präventionsfachfrau von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn plädiert dafür, mit Jugendlichen vermehrt über Lebenskosten zu sprechen. Kennen Jugendliche zum Beispiel erst einmal die Summe der Nebenkosten, so ist der Zukunftswunsch des eigenen Autos vielleicht nicht mehr so brennend.

«Wir haben ein Budget und einen Leistungsauftrag des Kantons», definiert Fuchs die institutionelle Verortung ihrer Arbeit. Die Sensibilisierung für den finanziellen Aspekt des Lebens betreibt sie auf drei Ebenen. Erstens bei den Eltern, die sie ermutigt, mit Kindern auch über das eigene Haushaltsbudget zu sprechen. Zweitens in der Schule, der sie einem offeneren Dialog über den Umgang mit Geld nahelegt – sowohl mit den Schülern wie auch unter Einbezug der Eltern. Drittens sollen die Schulbesuche von Präventionsfachleuten einen Diskurs anstossen, der später autonom fortgeführt werden kann.

«Die Debatte ums Geld lancieren»

Auf Einladung des Elternrats Biberist hat sich die Präventionsfachfrau mit gut 20 Eltern im Singsaal der Schule Bleichematt eingefunden. Eine Umfrage des Elternrates im Vorfeld bestimmt die Diskussionen der Anwesenden. Mit Fragebogen waren vorab die Höhe des Taschen- und Jugendgeldes und die monatlichen Ausgaben der Schüler in der Oberstufe erhoben worden.

Das Wichtigste ist für Andrea Fuchs, dass die Debatte ums Geld lanciert werden kann. Die Fragen lassen nicht auf sich warten: Ob Geld für gute Noten ratsam sei? Fuchs rät zu Vorsicht, weil der Ansporn zu guten Leistungen anders motiviert sein sollte. Darf man «Ämtli» im Haushalt mit Sackgeld entlohnen? Die Antwort kam aus dem Plenum selbst: «Es gibt Familien, da heisst es: ‹Wenn dieses und jenes nicht geht, dann gibt es kein Geld›, denn das ist eine Sprache, die alle Jugendlichen verstehen!»

Mit einer Kurzweiterbildung für Lehrpersonen und mit Klasseneinsätzen als Modellveranstaltungen können Schulen die nötigen Kompetenzen erwerben, mit Jugendlichen über Geld zu sprechen. «Die Schule soll ja aufs Leben vorbereiten. Wer mit Geld nicht umgehen kann, hat es schwer.» Fuchs’ Vision ist, dass die Lehrer in den einzelnen Fächern den Bogen zu Geldfragen schlagen. So böte sich zum Beispiel in der Mathematik die Gelegenheit, die Gesamtkosten eines 2-Jahres-Handyvertrags zu berechnen und in der Ethik liesse sich den Versprechungen der Kreditkartenbieter auf den Zahn fühlen.

Bedeutung des Jugendgeldes und des Lehrlingslohns

An die Eltern richtet Andrea Fuchs das Plädoyer, mit den Kindern der Herkunft des Geldes nachzugehen. Es sei wichtig, dass diese früh erkennen, dass Geld mit Arbeit zu tun habe. Positiv überrascht ist sie von den Umfrageergebnissen: «Chapeau vor den Eltern, die ihre Kinder ermuntern, Arbeiten anzunehmen, wenn sie sich Wünsche erfüllen wollen.»

Ein besonderes Gewicht legt Fuchs auf die Bedeutung des Jugendgeldes und des Lehrlingslohns. Mit Bezug auf Artikel 276 des Zivilgesetzbuches machte sie deutlich, dass es den Eltern durchaus gestattet sei, die Kinder von deren Lehrlingslohn einen Beitrag ans Haushaltsbudget leisten zu lassen. Auch Haushalte, die nicht auf das Geld angewiesen seien, täten gut daran, einen monatlichen Obolus einzuziehen. Dieser könne auch auf einem Sparkonto deponiert werden. Den Jugendlichen müsse aufgehen, dass Geld nicht primär zur Verwirklichung von Träumen da sei, sondern erst zur Bewältigung des Lebensnotwendigen. Wenn man aber sparsam mit den eigenen Mitteln umgehe, dann reiche es dereinst auch für die Erfüllung eines Wunsches.

«Sie sollen es einmal besser haben»

Andrea Fuchs greift einen populären, elterlichen Denkreflex auf: Das Ideal, den Kindern einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. «Heute ist es wichtiger, dass Kinder lernen mit dem Wohlstand umzugehen», ortet Fuchs eine der Herausforderungen der Gegenwart. «Brauche ich das wirklich?», sei eine der hilfreichsten Fragen für Eltern und Kinder, die im Begriff sind, Geld auszugeben.

Hier lässt Andrea Fuchs ihren Rat von einem durchaus visionären Moment leiten: «Vielleicht ist es nicht so schlecht, die folgende Generation auf knappere Mittel und Ressourcen vorzubereiten.»