Sportförderpreise
«Athleten im Rollstuhl sind für viele keine Spitzensportler»

Zwei Sportlerinnen aus der Region sind international höchst erfolgreich, haben aber noch nie kantonale Fördergelder erhalten. Die Leistungen der beiden jungen Frauen im Rollstuhl würden nicht nur von Behörden zu wenig gewürdigt, sagt ihr Betreuer.

Noëlle Karpf
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Licia Mussinelli (l.) und Lisa Schultis: Die beiden jungen Frauen betreiben erfolgreich Rollstuhlsport. Michel Lüthi

Licia Mussinelli (l.) und Lisa Schultis: Die beiden jungen Frauen betreiben erfolgreich Rollstuhlsport. Michel Lüthi

Michel Luethi

Im Kanton Solothurn leben nicht nur bekannte Spitzensportler wie die Triathletin Daniela Ryf. Auch Nachwuchstalente gibt es in der Region so einige. Die erfolgreichsten unter ihnen werden vom Regierungsrat mit dem Sportförderpreis ausgezeichnet. Für den Preis können Talente oder Vereine aus dem ganzen Kanton vorgeschlagen werden.

Rolf Rytz reichte im vergangenen Oktober Bewerbungen für zwei Rollstuhlsportlerinnen ein. Seit einigen Jahren betreut er die 15-jährige Licia Mussinelli und die 19-jährige Lisa Schultis. Die jungen Frauen sind beide mehrfache Junior-Weltmeisterinnen und haben an verschiedenen internationalen Wettkämpfen Medaillen gewonnen.

Rytz dokumentierte die Leistungen der beiden Nachwuchstalente und übergab diese zusammen mit den nötigen Formularen dem Kanton. Vor rund drei Wochen erhielt er die Antwort des Regierungsrates per Mail. Man habe die Bewerbung zur Kenntnis genommen.

Einen Preis erhielten die beiden Sportlerinnen aber nicht. Die Absage löste bei Rolf Rytz grosse Enttäuschung aus. Schon in vergangenen Jahren hätten die beiden Sportlerinnen viel zu wenig Anerkennung erhalten, meint ihr Begleiter.

«Es kommt doch nicht alle Tage eine Junioren-Weltmeisterin nach Hause», sagt Rytz. «Licia und Lisa sind weltweit unter den ersten fünfzehn Plätzen. Von diesem Erfolg können andere nur träumen!»

«Nie ein Dankeschön gekriegt»

Rytz erklärt, es gehe ihm nicht darum, dass der Kanton Licia und Lisa mit einem Preis auszeichne. Er wolle niemandem zu nahe treten und gönne jedem Nachwuchstalent das Fördergeld. Aber dass zwei solch erfolgreiche Sportlerinnen nie ein «Dankeschön» oder etwas Anerkennung erhielten, sei frustrierend.

«Abgesehen von Rollstuhlsport Schweiz und der Sporthilfe haben sie keine Unterstützung oder jemanden, der ihnen unter die Arme greift.» Dabei sei der Einsatz der beiden Nachwuchstalente immens. Ganz zu schweigen von den finanziellen Kosten.

Die beiden Sportlerinnen trainieren mehrmals die Woche. Hinzu kommt die Schule oder die Ausbildung. Und die Kosten für ein Trainingslager oder einen neuen Rennrollstuhl. «Licia und Lisa weisen richtiges Potenzial auf», so Rytz. «Jetzt ist die Zeit, sie zu fördern, und nicht erst in ein paar Jahren.»

In der Schweiz ein Randsport

Der Unterstützer von Licia und Lisa ist seit rund 15 Jahren in der Rollstuhlsportszene tätig. «Es ist allgemein schade, dass Behinderte meist keine Chancen auf Förderung haben», berichtet er. Einerseits läge das wohl daran, dass die Bevölkerung Athleten im Rollstuhl häufig nicht als Spitzensportler wahrnehme. «Es ist ein Rand- und ein Insidersport», erklärt er. «Die Chancen auf einen Sponsor sind deshalb sehr gering.»

Ein weiteres Problem sei, dass der Rollstuhlsport für Schweizer Medien wohl nicht interessant genug sei. «Während der Meisterschaften haben wir vier Tage lang über 250 Athleten aus mehr als 30 Nationen am Start.» Letztes Mal hätte es innert fünf Tagen 30 Weltrekorde auf einer Schweizer Bahn gegeben.

Bei einer anderen Sportart hätte das den totalen Rummel ausgelöst. Das Publikum an den Rollstuhl-Meisterschaften bestehe jeweils aber nur aus Familienangehörigen und Bekannten oder einzelnen eingeladenen Sponsoren. «Ginge es um eine andere Sportart, wäre dieser Anlass doch viel populärer.»

Die Würdigung des Rollstuhlsports sei je nach Land unterschiedlich gross. Aus Japan beispielsweise würden jeweils komplette Fernsehteams anreisen, um über die Wettkämpfe in der Schweiz zu berichten. Da frage er sich: Was machen die Schweizer? «Es gibt schon auch Schweizer Unterstützer, aber es dürften noch einige mehr sein.»

Wettkämpfe als Augenöffner

Was kann Rolf Rytz tun, damit der Rollstuhlsport mehr Anerkennung gewinnt? «Die Zusammenarbeit mit Medien ist wichtig», erklärt er. «Die Behörden und Bevölkerung müssen aufmerksam auf die Leistungen der Spitzensportler werden.»

Bis dahin heisst es für den Frührentner: Werbung machen, immer wieder. «Vielleicht klappt es irgendwann ja.» Denn wenn jemand einen Anlass besuche, habe er schliesslich immer ein «Aha-Erlebnis». «Das habe ich ja gar nicht gewusst, was die alles leisten», hiesse es dann.

Eigentlich könne erst der Besuch eines Wettkampfs oder einer Trainingseinheit einem Aussenstehenden klarmachen, was Rollstuhlsportler leisten, so Rytz. «Erst wenn wir selbst genau sehen, erkennen wir, was hinter einer Sache steckt.»

Kantonale Sportkommission

«Wir behandeln Rollstuhlsportler genau so wie die Talente anderer Sportarten»

Welche Talente einen Sportpreis erhalten, darüber entscheidet der Regierungsrat auf Vorschlag der kantonalen Sportkommission. Präsident Reto Schläppi betont auf Anfrage, dass der Rollstuhlsport dabei genau so berücksichtigt werde wie alle anderen Sportarten. «Wir machen hier keinen Unterschied», sagt er. «Und wir haben auch schon Sportpreise an Rollstuhlsportler vergeben wie beispielsweise an Heinz Frei.» Dieser sei Mitglied der Sportkommission und insbesondere für den Bereich Behindertensport zuständig. Der Kanton behandle alle Talente gleich – dafür müssen aber auch alle Sportler Leistungen zeigen, die für den Förderpreis erforderlich sind. «Die Sportkommission beobachtet und sammelt Talente, die während des Jahres ausserordentliche Leistungen vollbringen», erklärt der Kommissionspräsident. «Die kantonale Sportfachstelle führt eine Liste mit allen Talenten, die speziell auffallen.» Dazu würden auch Rollstuhlsportler gehören. «Wir sind ein zehnköpfiges Gremium aus allen Regionen und Sportarten. Ich denke, wir haben eine gute Trefferquote, was die Talente angeht.» Dass die Entscheide des Gremiums vielleicht nicht mit der Einschätzung aller Zuschauer übereinstimme, könne passieren. Dazu kommt: Die Sportkommission fällt die Entscheide, wer einen Preis erhält jeweils im November und Dezember. Die Gewinner werden aber erst im März bekannt gegeben. Die Leistungen und Wettkämpfe, die sich in der Zwischenzeit abspielen, würden dann für die Preisverleihung im Mai nicht mehr
berücksichtigt. (nka)

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