KGV
Ärztegesellschaft verlässt den Gewerbeverband – 330 Mitglieder weg

Ein Austritt, der schmerzt: Der Kantonal-Solothurnische Gewerbeverband muss ohne den mitgliederstärksten Berufsverband auskommen – viele Ärzte bekundeten Mühe mit seinem Kurs.

Sven Altermatt
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Blick in die Gewerbeverband-Büros in Solothurn: Die Ärzteschaft geht auf Distanz zu den Gewerblern.

Blick in die Gewerbeverband-Büros in Solothurn: Die Ärzteschaft geht auf Distanz zu den Gewerblern.

Hanspeter Bärtschi

Es war gross angekündigt worden, und das nicht ohne Grund: «Ärztegesellschaft neu mit an Bord», liess der kantonale Gewerbeverband im Dezember 2010 wissen. Tatsächlich konnte der KGV nicht nur einen traditionsreichen Berufsverband in seinen Reihen begrüssen. Mit dem Beitritt der Gesellschaft der Solothurner Ärzte gewannen die Gewerbler auch hunderte zahlende Mitglieder – auf einen Schlag. Ein veritabler Coup. Viele Ärzte seien schliesslich auch Unternehmer, hiess es. Zuletzt waren es 330 Hausärzte, die via Standesorganisation beim KGV dabei waren. Kein anderer Berufsverband stellte mehr Mitglieder.

Doch nun muss von der Mitgliedschaft in der Vergangenheitsform gesprochen werden. Erst jetzt wird publik: Die Ärztegesellschaft ist beim Gewerbeverband ausgetreten. Dieser Beschluss wurde bereits im Jahr 2015 vollzogen. Die Ärztegesellschaft bestätigt entsprechende Informationen dieser Zeitung. «Eine Mehrheit unserer Ärzte hat sich an der Jahresversammlung gegen die Mitgliedschaft beim KGV ausgesprochen», sagt Co-Präsident Florian Leupold.

Kritik an der Ausrichtung

Eine Abstimmung war nötig geworden, weil mehrere Ärzte in einem Antrag gefordert hatten, die Mitgliedschaft zu sistieren. Sie hatten Mühe mit dem Kurs des Gewerbeverbandes, der pointiert bürgerlich auftritt.

Der KGV suche zu oft die Nähe von FDP und SVP: Das sagt ein Niederämter Hausarzt, der sich für den Austritt einsetzte. «Die Verantwortlichen vergessen gern, dass es Gewerbler gibt, die anders denken. Der Verband agiert zu wenig unabhängig.»

Die kritischen Ärzte stellten die Grundsatzfrage an der Mitgliederversammlung: Positioniert sich die Ärztegesellschaft mit ihrer Mitarbeit im Gewerbeverband allzu stark als Arbeitgeberverband? Sie vertritt nämlich auch viele angestellte Ärzte; heute halten sich Selbstständige und Angestellte in etwa die Waage. Schliesslich folgte eine Mehrheit dem Antrag und votierte für den Austritt.

Der Vorstand der Ärztegesellschaft hatte sich zuvor für den Verbleib ausgesprochen. «Wir akzeptieren den Entscheid und stellen uns hinter ihn», sagt Co-Präsident Leupold. Es gebe auch andere Allianzen, um die Interessen in der Gesundheitspolitik wahrzunehmen.

Austritt erfolgte still und leise

Der Gewerbeverband bedauert den Austritt der Ärzte. «Ein Verlust von Mitgliedern ist immer ein herber Schlag», sagt Geschäftsführer Andreas Gasche auf Anfrage. Man habe die Zusammenarbeit mit der Ärztegesellschaft immer geschätzt.

Nicht gelten lassen will er die Kritik an der Ausrichtung seines Verbandes. Gasche betont, man stehe den Bürgerlichen seit je näher. «Wir vertreten die wirtschaftspolitischen Interessen unserer Mitglieder. Da ist die Schnittmenge mit gewissen Parteien nun mal grösser als mit anderen.»

Für den KGV hat der Austritt von 330 zahlenden Mitgliedern auch finanzielle Folgen. Denn dem Verband entgeht damit ein fünfstelliger Betrag. Geschäftsführer Gasche mag diesen nicht näher beziffern. Bei der Budgetplanung habe man sich jedoch frühzeitig darauf einstellen können.

Für Verwunderung sorgen da schon eher die Umstände, wie das Ausscheiden des bisher mitgliederstärksten Berufsverbandes kommuniziert wurde – nämlich gar nicht. Die Ärztegesellschaft beschloss ihren Austritt vor über einem Jahr, ihre Mitgliedschaft beim KGV ruht seit Anfang 2016. Doch während der Beitritt der Ärzte noch öffentlich verkündet wurde, verzichtete der Gewerbeverband nun darauf, über den Austritt zu informieren.

In seinem Jahresbericht findet sich diesbezüglich kein Wort, ein Communiqué gab es nicht. «Alle involvierten Stellen wurden über das Ausscheiden informiert», sagt Gasche dazu.
Immerhin, Funkstille sollte zwischen den beiden Organisationen fortan nicht herrschen. Mit weiteren Verbänden und Sozialversicherungen wollen sie sich für die rasche Wiedereingliederung von erkrankten Menschen in den Arbeitsmarkt einsetzen. Seit diesem Jahr läuft eine entsprechende Zusammenarbeit.

Als Trostpflaster bleibt dem KGV zudem ein Neubeitritt: Seit Kurzem zählt der Verband der Solothurner Zahnärzte zu seinen Mitgliedern. Die Hausärzte dürften sich derweil aber nicht so rasch wieder auf der Mitgliederliste finden. Der unabhängige Verband der Solothurner Hausärzte entschied sich gegen einen Beitritt zum Gewerbeverband – auch wegen politischer Bedenken.

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