Krankheit und Unfall
Arbeitgeber und Ärzte kämpfen gemeinsam gegen (zu) lange Absenzen

Wirtschaftsverbände, Ärztegesellschaften, IV und Suva engagieren sich gemeinsam für eine rasche Wiedereingliederung am Arbeitsplatz nach einem Unfall.

Elisabeth Seifert
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Die Ärzte wissen oft nicht, ob Teilarbeitsfähigkeit an einem bestimmten Arbeitsplatz möglich wäre. Und für die Arbeitgeber ist beispielsweise unklar, ob sie den Arzt anrufen dürfen, wenn ein Mitarbeiter krank geschrieben ist. (Themenbild)

Die Ärzte wissen oft nicht, ob Teilarbeitsfähigkeit an einem bestimmten Arbeitsplatz möglich wäre. Und für die Arbeitgeber ist beispielsweise unklar, ob sie den Arzt anrufen dürfen, wenn ein Mitarbeiter krank geschrieben ist. (Themenbild)

Keystone

In der Schweiz und auch im Kanton Solothurn fehlt jeder Mitarbeitende durchschnittlich gut fünf Tage pro Jahr wegen Krankheit oder Unfall an seinem Arbeitsplatz. Sorgen bereits Kurzzeitabsenzen für rote Köpfe bei Chefs und Arbeitskollegen (siehe Kasten), trifft das erst recht zu, wenn ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gleich für mehrere Monate oder gar für unbestimmte Zeit ausfällt.

Und das Arztzeugnis, das er oder sie wie vorgeschrieben in der Personalabteilung deponiert, trägt meist wenig zur Entspannung bei. Kurz und knapp hält der Arzt darauf die voraussichtliche Dauer der – oft 100-prozentigen – Arbeitsunfähigkeit fest.

Bei Verdacht auf ein ärztliches Gefälligkeitszeugnis

Fokussiert die neue Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Arbeitgebern auf lang andauernde Arbeitsausfälle, so bleiben auch die Kurzzeitabsenzen nicht unerwähnt. Die Frage, die viele Chefs beschäftigt, lautet hier: Ist mein Mitarbeiter wirklich krank – oder macht er auf Kosten der Firma einfach blau? Unter Verdacht geraten dabei mitunter auch die Ärzte. Der Vorwurf: Diese stellen ihren Klienten gegen besseres Wissen ein Gefälligkeitszeugnis aus.

«Damit würde sich ein Arzt oder eine Ärztin strafbar machen und Gefahr laufen, ihre Zulassung zu verlieren», entgegnet Gabriela Kissling, Co-Präsidentin der Hausärzte Kanton Solothurn. Zudem hätten Hausärzte heutzutage mehr als genügend Patienten und seien nicht darauf angewiesen, diese mit solchen Gefälligkeiten an sich zu binden. Andreas Gasche, Geschäftsführer des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands (KGV) ist sich da allerdings nicht ganz so sicher: «Zwischen dem Arzt und seinem Patienten besteht immer ein bestimmtes Kundenverhältnis.» Für die Wirtschaftsverbände mache es deshalb sehr viel Sinn, dass sich Arbeitgeber bei einem Verdacht neu an die Ombudsstelle der Solothurner Ärztegesellschaft wenden können. Schlichtete diese bis jetzt bei Unstimmigkeiten zwischen Patienten und Ärzten, können neu auch Arbeitgeber dort vorstellig werden. Andreas Gasche: «Auf diese Weise nimmt sich die eigene Standesorganisation der Sache an, die grosses Interesse daran haben muss, dass die Ärzteschaft nicht in Verruf gerät.»

Kommen die Ärzte mit dieser Schlichtungsstelle den Arbeitgebern entgegen, anerkennt umgekehrt auch die Arbeitgeberseite ihre Verantwortung. Weil einzelne Mitarbeiter ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben, haben verschiedene Arbeitgeber jüngst damit angefangen, bereits für den ersten Krankheitstag ein Arztzeugnis einzufordern. Das aber hält Kissling für keinen guten Weg. «Die Arbeitgeber tragen damit nur zu hohen Gesundheitskosten bei, und die Wirkung ist bescheiden.» Selbst wenn der Arzt oder die Ärztin jemanden in die Praxis aufbietet, lassen sich bei Bagatellen oft wenig objektive Befunde erheben. Wenn ein Arbeitgeber den Verdacht hat, dass sich jemand immer wieder mal Urlaub auf Kosten der Firma gönnt, sollte er diesen besser zu einem persönlichen Gespräch aufbieten, als ein Arztzeugnis zu verlangen. Kissling spricht von einer «klassischen Führungsaufgabe». Einer der Grundsätze im Zusammenarbeitsvertrag lautet denn auch: «Die Notwendigkeit eines Arbeitsunfähigkeitszeugnisses bei Kurzzeitabsenzen wird durch den Arbeitgeber kritisch hinterfragt». Sinn mache ein Zeugnis ab dem vierten Tag, sind sich Gasche und Kissling einig. (esf)

Schweizweit einzigartig

«Viele Arbeitgeber fühlen sich in solchen Situationen hilflos», sagt Andreas Gasche im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist Geschäftsführer des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands (KGV) und vertritt als solcher die vielen kleinen und mittleren Betriebe im Kanton. «Wir werden oft mit Fragen konfrontiert, gerade von kleinen Firmen, in denen der ganze Personalbereich so nebenher läuft.

«Fragen etwa wie: Kann ich als Arbeitgeber den Arzt anrufen? Oder: Wäre es nicht immerhin möglich, den Mitarbeitenden für eine gewisse Zeit pro Woche zu beschäftigen? Probleme bereite vielen Arbeitgebern vor allem die Zunahme psychischer Probleme, die oft längere Absenzen zur Folge haben. Gerade hier aber sei die Chance auf Heilung vor allem dann gegeben, wenn jemand möglichst rasch wieder in eine Tagesstruktur integriert werden kann.

«Lange Absenzen bereiten auch den betreuenden Ärzten Sorgen», hält Gabriela Kissling fest. Die Co-Präsidentin der Hausärzte Kanton Solothurn mit eigener Praxis in Olten kann die Bedenken vieler Arbeitgeber gut verstehen. Und: Eine Teilarbeitsfähigkeit wäre auch in ihren Augen, insbesondere bei psychischen Problemen, wünschenswert – sowohl für den Patienten als auch den Arbeitgeber. «Die Ärzte wissen aber oft nicht, ob eine Teilarbeitsfähigkeit an einem bestimmten Arbeitsplatz realisierbar ist.»

Das aber soll sich im Kanton Solothurn jetzt ändern. Vertreter der Wirtschaftsverbände, der Ärzteschaften sowie der Sozialversicherer IV und Suva haben Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Arbeitgebern definiert – und kürzlich in Solothurn mit ihrer Unterschrift feierlich besiegelt (siehe Kasten unten links).

Die Vereinbarung, an der unter anderem Gabriela Kissling und Andreas Gasche mitgearbeitet haben, ist dabei in dieser Form schweizweit einzigartig. Ergänzt wird die Zusammenarbeitserklärung zudem durch ein Merkblatt, das Ärzten und Arbeitgebern als Leitlinie dienen soll.

Das Misstrauen beseitigen

Im Kern geht es darum, dass Arbeitgeber und Ärzte bei Unklarheiten den Kontakt zueinander suchen und sich – unter Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht – die nötigen Informationen geben. Von Bedeutung ist diese Zusammenarbeit vor allem bei langen Absenzen.

Hier kann der Arbeitgeber vom Arzt ein detailliertes Arztzeugnis verlangen, aus dem hervorgeht, welche Arbeiten der betreffende Mitarbeiter trotz seiner reduzierten Arbeitsfähigkeit ausführen kann – und welche nicht. Zugrunde liegt diesem detaillierten Zeugnis ein Arbeitsplatzbeschrieb, den der Arbeitgeber dem Arzt zukommen lässt.

Aufgrund einer Arbeitsplatzbeschreibung lasse sich dann für den Arzt abklären, ob eine Teilarbeitsfähigkeit möglich ist, hält Gabriela Kissling fest. Dazu gehöre etwa auch, ergänzt Gasche, zwischen der Präsenz und der Arbeitsleistung zu unterscheiden. Im Normalfall bedeutet eine Arbeitsfähigkeit von 50 Prozent, dass jemand die halbe Leistung den ganzen Tag über erbringt.

Für solche Abklärungen braucht es eine gute Kommunikation zwischen dem Arzt und dem Arbeitgeber. Gabriela Kissling: «Mit der unterzeichneten Vereinbarung wird der Austausch klar definiert und damit auch gut handhabbar.» Bis jetzt habe eine solche Kommunikation zwischen dem behandelnden Arzt und dem Arbeitgeber nämlich kaum stattgefunden – obwohl dies grundsätzlich durchaus möglich gewesen wäre. Viele Ärzte hätten den dafür nötigen Aufwand aber vermieden, geht Kissling mit ihrer Zunft kritisch ins Gericht.

Gemeinsame Grundsätze

Vertreter von sechs Organisationen auf der Seite der Arbeitgeber, der Ärzte und der Sozialversicherungen haben im letzten Jahr «Grundsätze der Zusammenarbeit» bei Krankheit und Unfall vereinbart: Andreas Gasche (Geschäftsführer des Kantonal-Solothurnische Gewerbeverbands), Daniel Probst (Direktor der Solothurner Handelskammer), Lukas Meier (Präsident der Ärztegesellschaft Kanton Solothurn), Gabriela Kissling (Co-Präsidentin der Hausärzte Kanton Solothurn), Martin Gabl (Geschäftsleiter der IV-Stelle Kanton Solothurn) und Kilian Bärtschi (Agenturleiter Suva Solothurn). Im Rahmen einer kleinen Feier im Februar in Solothurn haben sie die neue Zusammenarbeit mit ihrer Unterschrift besiegelt. Ziel der Vereinbarung sind eine «optimale Genesung» der Arbeitnehmenden sowie die «rasche und gesicherte Wiedereingliederung» in den Arbeitsprozess. (esf)

Weitere Infos: www.suva.ch oder www.ivso.ch.

Fehler hätten aber auch die Arbeitgeber gemacht, stellt KGV-Geschäftsführer Andreas Gasche klar: «Es geht natürlich definitiv nicht, den Arzt einfach anzurufen und zu fragen, welche Krankheit der Mitarbeiter hat.» An mehreren gemeinsamen Treffen im letzten Jahr haben Arbeitgeber und Ärzte deshalb die Bedingungen ihrer Kommunikation ausgehandelt. Die ärztliche Schweigepflicht bleibt dabei unangetastet. Berücksichtigt werden muss immer das Wohl des Patienten respektive des Mitarbeiters. Konkret bedeutet das: Der Arbeitgeber kann nur im Einverständnis mit dem Mitarbeiter ein detailliertes Arztzeugnis beim Arzt anfordern. Und der Arzt muss ebenfalls grünes Licht von seinem Patienten haben, damit er sich hinsichtlich einer möglichen Teilarbeitsfähigkeit mit dem Arbeitgeber austauschen kann.

Nur ein Papiertiger?

Mit der Vereinbarung zwischen den einzelnen Partnern ist die Arbeit noch nicht getan. Wirklich gut funktioniert die Zusammenarbeit nämlich erst auf der Ebene der Verbandsspitzen. Diese soll in den nächsten Monaten auch mit regelmässigen Treffen, die dem Austausch von Erfahrungen dienen, fortgeführt werden. Der Erfolg der ganzen Übung hängt aber davon ab, ob die Hausärzte und Arbeitgeber im Kanton die Grundsätze kennen und nach ihnen leben.

Wirtschaftsverbände und Ärztegesellschaften werden zu diesem Zweck an ihren Veranstaltungen die neue Kommunikationskultur zum Thema machen. Der kantonale Gewerbeverband plant etwa die Einladung von Hausärzten zu den Generalversammlungen. Zudem sind sämtliche Papiere auf den Online-Portalen der beteiligten Verbände aufgeschaltet.