Kanton Solothurn

Anzeigen zu Menschenhandel nahmen markant ab – über die Realität sagt das wenig aus

2015 und 2016 konnte die Polizei mehrere Bordell-Betreiberinnen, welche Sexarbeiterinnen ausnutzten, zur Strecke bringen.

2015 und 2016 konnte die Polizei mehrere Bordell-Betreiberinnen, welche Sexarbeiterinnen ausnutzten, zur Strecke bringen.

2015 und 2016 ermittelte die Solothurner Kantonspolizei verstärkt im Bereich Menschenhandel, das führte auch zu mehr Anzeigen. 2019 gibt es offiziell fast keine Fälle mehr.

Die Zahlen lassen aufhorchen: In vier Jahren hat die Anzahl der Fälle von Menschenhandel in den Mitgliedsstaaten des Europarats um fast die Hälfte zugenommen. Über 15'300 Fälle sind bekannt. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass es in dieser Zeit zu so viel mehr Verbrechen kam; sondern vor allem, dass die einzelnen Staaten genauer hingeschaut und deshalb auch mehr Verbrechen registriert haben.

Ähnlich ist die Situation auch im Kanton Solothurn. Zwar hat sich die Anzahl Fälle wegen Menschenhandel nicht beinahe verdoppelt – im Gegenteil, die Zahlen sind seit 2016 rückläufig. Aber auch in der kantonalen Statistik zeigt sich, wie stark die Anzahl registrierter Verbrechen von den Ermittlungen der Polizei abhängen. So gab es im Jahr 2016 50 Anzeigen wegen Menschenhandel im Kanton. Das waren ganze 40 Prozent der Anzeigen schweizweit in diesem Bereich. Ganz anders dann die Situation im Jahr 2019: Es gab 1 Anzeige.

Weniger Ressourcen gleich weniger Anzeigen

Das heisst aber eben nicht, dass es 2016 wahnsinnig viele, 2019 kaum Verbrechen gab, wie auch die Chefin der Kriminalpolizei Fabienne Holland bestätigt. Die Dunkelziffer in diesem Bereich dürfte hoch sein. Fälle, die nicht aufgedeckt werden, landen auch in keiner Statistik. Deshalb: «Über die Entwicklung der tatsächlichen Zahlen können wir nur spekulieren und daher keine Aussage machen», so die Kripo-Chefin.

Eine grosse Rolle spielen die Ressourcen. Diese sind beschränkt, die Polizei muss Prioritäten setzen. Das war im Jahr 2015 und 2016 der Fall; die Polizei ermittelte gezielt gegen Bordelle im Thai-Milieu, wo Sexarbeiterinnen ausgenutzt wurden. Später wurden laut Holland die Ressourcen für Verfahren im Bereich der «strukturierten Betäubungsmittelkriminalität» eingesetzt. «Wir können immer seltener mehrere Deliktfelder gleichzeitig bekämpfen», so Holland. Das bedeutet auch, dass man Hinweisen betreffend schwerer Betäubungsmitteldelikte oder Menschenhandel nicht «im erforderlichen Mass» nachgehen kann; was zu weniger aufgedeckten Fällen, auch in der Statistik, führt.

Immerhin: «Im Bereich der damals im Fokus stehenden Thai-Prostitution kann erfreulicherweise festgestellt werden, dass die Zerschlagung der illegalen Struktur im Kanton Solothurn bislang nachhaltig war», berichtet die Kripo-Chefin. Bordelle, die geschlossen wurden, haben seither nicht wieder eröffnet. Geöffnete Betriebe in diesem Sektor ­würden heute regelmässig kontrolliert.

In den eingangs erwähnten Fällen in ganz Europa geht es aber nicht mehr nur um Prostitution, sondern auch um andere Fälle von Ausbeutung bis hin zum Organhandel. Wie ist das im Kanton Solothurn? Der Organhandel sei bisher kein Thema, heisst es. Aufs Tapet gekommen ist auch hier dafür die «Loverboy Thematik». Kurz: Frauen werden vom vermeintlichen Liebhabern ausgenutzt und manipuliert, zur Prostitution genötigt.

Auch hier gilt aber: In der Statistik erfasst wird nur, was auch aufgedeckt wird. «Im Kanton Solothurn wurde bisher kein Fall mit der Loverboy-Masche vor Gericht gebracht», erklärt Holland.

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