Könnte ein Fall Flaach auch im Kanton Solothurn passieren?

Cornelia Dippon: Dazu kennen wir den Fall zu wenig. Von aussen erstaunt es, dass die Kinder nicht den Grosseltern in Obhut gegeben wurden – aber das wird seine Gründe haben. Die Schwierigkeit der öffentlichen Diskussion des Falls liegt darin, dass die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) sich nicht verteidigen kann, weil sie nichts zu dem Fall sagen darf. Das macht sie extrem angreifbar. Aber wenn eine Mutter in ihrer Verzweiflung dazu kommt, ihre Kinder zu töten, kann man nicht die Kesb dafür verantwortlich machen.

Die Tragödie geschah über die Festtage. Ist das eine «gefährliche» Zeit?

Über die Weihnachtstage, ebenso wie vor den Sommerferien, gibt es eine sehr grosse Anzahl Kinder, deren Aufenthalt zu regeln ist. Dazu trifft die Kesb häufig vorläufige Massnahmen als Überbrückung. Die Kesb sieht aber nicht in eine Familie hinein. Sie trifft Anordnungen aufgrund der Akten und von Gesprächen – das rechtliche Gehör der Betroffenen wird gewahrt. Auch eine vorläufige Massnahme kann beim Verwaltungsgericht angefochten werden, wenn die Betroffenen nicht einverstanden sind.

Das ist doch auch richtig: Gegen Eingriffe in ihre Familie müssen Betroffene sich wehren können.

Sicher, das ist auch meine Meinung. Aber das Verwaltungsgericht kann zu einer anderen Entscheidung kommen als die Kesb. Später liegt dann vielleicht ein psychiatrisches Gutachten vor, das die Kesb für eine definitive Lösung in Auftrag gegeben hat, und dieses kann nochmals zu einem anderen Schluss kommen. Dann liegen drei verschiedene Lösungen von drei verschiedenen Instanzen vor: Eine befürwortet – als Beispiel – die Unterbringung bei den Eltern, eine bei den Grosseltern, und eine im Heim. Das ist schwierig zu verstehen. Denn es geht immer um Menschen, häufig um Kinder.

Wo sehen Sie Schwachstellen im heutigen Kindesschutzverfahren?

Bei Gefährdungsmeldungen delegiert die Kesb viel Arbeit an die sozialen Dienste. Bis etwas entschieden und angeordnet werden kann, braucht es Zeit. Ein «Schnellverfahren» ist aber keine Alternative. Denn dann steigt das Risiko für Fehlentscheide und wenn tatsächlich Fehler passieren, fragen Politik und Medien sofort: Warum habt ihr so schnell entschieden? Sobald Probleme auftreten, ist die Kesb der Sündenbock.

Der Bund hat den Ersatz der früheren, oft nebenamtlichen kommunalen Vormundschaftsbehörden durch Stellen wie die Kesb verlangt. War diese Professionalisierung ein Fehler?

Das alte System war stark personenabhängig. Es war reiner Zufall, wie eine Vormundschaftsbehörde zusammengesetzt war, ob sie nahe am Leben war oder nicht. Sicher ist: Früher waren die Wege kürzer, es gab mehr direkte Gespräche, es wurde weniger delegiert, es gab weniger Berichte, und es kostete weniger. Oft sass ein Mitglied des Gemeinderates in der Behörde, damit war auch die Gemeinde informiert. Ich war Mitglied der Vormundschaftsbehörde in Oensingen und hatte das Gefühl, wir waren optimal zusammengesetzt und haben sehr sauber und gut gearbeitet. Wir gingen in die Wohnungen der Betroffenen, redeten mit ihnen und machten uns ein Bild. Aber die Belastung für Laien war riesig – durch den Zeitaufwand und durch die Schwere der Fälle. Diese Verantwortung können Laien heute nicht mehr tragen. An der Professionalisierung führt kein Weg vorbei.

Die Kesb sind heute für ein viel grösseres Gebiet zuständig – im Kanton für eine oder sogar zwei ganze Amteien. Die frühere Nähe zu den Fällen ging verloren.

Das ist nicht zu bestreiten. Aber es braucht auch jetzt Menschlichkeit und sehr grosse Menschenkenntnis, damit die Leute Vertrauen haben können. Das Verfahren muss persönlich und darf nicht anonym sein. Nach meinem Eindruck haben die Betroffenen heute zu viele Ansprechpersonen: Neben der Kesb auch die sozialen Dienste, die Polizei, den Beistand – und am Ende braucht es oft noch den Anwalt. Das überfordert viele in der angespannten Situation, in welcher sich die Hilfesuchenden ohnehin schon befinden.

Nach dem Fall Flaach wurde auch schon eine Abschaffung der Kesb gefordert. Ist das realistisch?

Ein Zurück gibt es nicht. Es braucht für die Anordnung der Massnahmen im Kindes- und Erwachsenenschutz professionelle Fachkräfte, es braucht Juristen, Pädagogen, Sozialarbeiter. Das wäre auf Gemeindeebene viel zu teuer. Oft geht es um komplizierte Fälle: Betroffene Eltern sind oft auch an Verfahren mit anderen Amtsstellen wie Sozialhilfe und Arbeitslosenversicherung beteiligt. Das können Laienbehörden nicht bewältigen. Die zuständigen Einheiten dürfen aber weder zu klein noch zu gross sein. Die Kesb Dorneck-Thierstein/Thal-Gäu mit den Standorten Breitenbach und Balsthal ist verzettelt, das funktioniert nicht gut. Die Politik müsste dazu stehen, dass der Kanton geografisch nicht zusammenhängt, und für Dorneck-Thierstein und für Thal-Gäu je eine eigene Kesb zulassen.

Wie könnte das Verfahren verbessert werden?

Betroffene, die Hilfe brauchen, müssen idealerweise eine einzige Ansprechperson haben, zu der sie Vertrauen haben können. Sie müssen wissen, wer für sie zuständig ist – auch wenn im Hintergrund ein ganzer Apparat nötig ist. Die Wege müssen kürzer sein. Am einfachsten wäre es, wenn die gleiche Person als Beistand wirken und die Auszahlung von Sozialhilfe veranlassen könnte. Ob ein Beistand eine positive Rolle spielt, ist heute stark von der Person abhängig. Viele Beistände sehen ihre Mandanten nur ein- oder zweimal im Jahr. Die Rechtsmittel gegen Kesb-Entscheide müssten aber gewahrt bleiben.

Rechtsmittel bedeutet: Beschwerdemöglichkeit ans Verwaltungsgericht. Wie nimmt, aus Ihrer Sicht als Anwältin, dieses Gericht seine Rolle im Kindesschutz wahr?

Nach meiner Erfahrung entscheidet das Verwaltungsgericht sehr menschlich und vernünftig. Es hat wirklich die Übersicht über die verschiedenen Konstellationen eines Falles.

Zurück zum Fall Flaach: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Berichte dazu verfolgten?

Je mehr die Kesb in den Fokus von Medien und Politik geraten, umso weniger entscheiden sie selber, um so mehr Berichte lassen sie erstellen – um sich gegen mögliche Kritik abzuschirmen. Und: Es ist immer einfach, eine Behörde anzugreifen, die sich nicht verteidigen kann. Am wichtigsten wäre eine offene Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und Behörden. Klappt diese nicht, haben Betroffene genügend Möglichkeiten, sich zu wehren, zum Beispiel eben mittels Rechtsmittel oder Anwalt.