Auf Patrouille im Schwarzbubenland

Angst vor Einbrüchen im Leimental: «Wir wollen die Grenze zurück»

Blick von Rodersdorf auf das französische Leymen. Am Boden zeigt der unterschiedliche Strassenbelag den Grenzwechsel an.

Blick von Rodersdorf auf das französische Leymen. Am Boden zeigt der unterschiedliche Strassenbelag den Grenzwechsel an.

20 Kilometer Grenze teilt der Kanton Solothurn mit Frankreich. Grenzposten gibt es nicht mehr. Ein Augenschein im Leimental, wo Gemeinden aus Furcht vor Einbrüchen Sicherheitsdienste engagieren.

Beim letzten Einbruch, von dem Fabian Maissen weiss, kamen die Einbrecher mit dem Velo über die Grenze nach Hofstetten-Flüh. Und so verschwanden sie auch wieder, nachdem sie eine Frau überfallen hatten.

Es ist 21 Uhr, dunkel. Maissen steigt in seinen schwarzen Passat-Kombi. Regentropfen perlen an der Autoscheibe ab. Am Rückspiegel baumeln kleine Boxhandschuhe, im Heck des Autos atmet Rottweiler Darac hörbar. Drei Stunden wird Maissen im Auto sitzen, enge Quartiersträsslein abfahren, Sportplätze und Gemeindebauten kontrollieren, jugendliche Nachtruhe-Störer ermahnen und immer die Augen offen halten, ob sich Einbrecher finden. Jeden Abend ist er unterwegs. «Seit wir patrouillieren, ist die Zahl der Einbrüche massiv zurückgegangen», sagt der 23-Jährige. Das Geschäft mit der Sicherheit läuft gut, er denkt über eine Personalaufstockung nach.

Das Gefühl, verletzlich zu sein

Kleinlützel, Metzerlen-Mariastein, Rodersdorf, Hofstetten-Flüh, Bättwil und Witterswil. Bildhübsche Ortskerne, Kirschbäume und grüne Hügel. Jederzeit könnte im Ortskern von Rodersdorf die Klappe für einen Heimatfilm fallen. Pfarrer, Lehrer und Dorfpolizist könnten die prägenden Figuren spielen. «Es gibt Einwohner, die haben ihr Haus 40 Jahre lang nicht abgeschlossen», sagt Gemeindepräsidentin Karin Kälin Neuner-Jehle.

Düstere Wolken liegen über der Idylle. Hier, wo die 20 Kilometer Landesgrenze liegen, die der Kanton Solothurn mit Frankreich teilt, ist die Zahl der Einbrüche auch in den ersten Monaten dieses Jahres gestiegen, während sie im Kanton insgesamt zurückging. Neu gebaute Einfamilienhäuser sind der Speckgürtel, der Kriminelle anlockt. Unkontrollierte Grenzübergänge, abgeschiedene Lage und gute Fluchtmöglichkeiten verheissen Einbrechern den Erfolg. «Seit die Grenze nicht mehr geschützt ist, fühlen sich die Leute verletzlicher», sagt die Rodersdorfer Gemeindepräsidentin Kälin Neuner. Einwohner lassen Alarmanlagen einbauen. In den Gemeindeblättern wird regelmässig auf Einbruchspräventionen hingewiesen. Jeder im Leimental kenne jemanden, bei dem eingebrochen wurde, heisst es. «Das stimmt. Aber wir sind ein kleines Dorf, und die Leute sprechen noch miteinander», relativiert die Gemeindepräsidentin des 1300-Seelen-Dorfes.

Die verschwundene Grenze

Heinz Leuenberger ist kein Mann, der verschnörkelte Worte mag. Der Emmentaler redet direkt. 34 Jahre ist er jetzt bei der Grenzwache dabei, er weiss, was es heisst, an der Grenze zu stehen. Monatelang harrte er zu Beginn seiner Karriere an abgelegen Grenzposten im Jura aus, um landwirtschaftliche Transporte zu kontrollieren, später war er für die Grenzwache im Ausland. «Ich bin stolz auf meinen Beruf», sagt der Chef des Grenzwachtpostens Basel-Süd der Grenzwachtregion I. Mit «Schengen» hat sich in seinem Beruf vieles grundlegend geändert. Die Grenzposten sind nicht mehr besetzt. Trotzdem: Wehmut spürt man beim Grenzer mit Leib und Seele auch im Jahr sechs nach der Einführung von Schengen nicht.

Es ist Mittwochnachmittag, 14 Uhr. Postenchef Leuenberger ist allein im Posten, ein grauer Zweckbau im Arlesheimer Industriegebiet; Kilometer hinter der Grenze. «Schengen funktioniert rein mobil», sagt er. Mehrere Männer und Frauen sind ständig auf Achse im Grenzgebiet. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Zurück in den Posten kommen sie nur, wenn sie einen «Fang» gemacht haben. «Unser Gebiet beginnt in Moulin Neuf im Jura und endet im Aargau», sagt Leuenberger.

Wir steigen in den dunkelgrünen Dienstwagen ein. Das Ziel der Fahrt: Rodersdorf, wo Kantonspolizei und Grenzwacht eine gemeinsame Kontrolle durchführen. Am Steuer sitzt Patrick Gantenbein, ehemaliger Wirtschaftsstudent, ausgebildeter Grenzwächter und heute Mediensprecher der Grenzwachtregion I. Die Dienstwaffe trägt er noch immer.

Kriminelle gehen mit der Zeit

Die Agglomeration Basel ist schnell verlassen. Einfamilienhausquartiere prägen die sanften Hügel. Pferde grasen. Aus dem dunkelgrünen Dienstwagen scannen die Augen von Patrick Gantenbein und Heinz Leuenberger jedes entgegenkommende Fahrzeug. Da ein Kombi mit schwedischen Kennzeichen, dort ein Opel aus Berlin, dann ein estnischer Lieferwagen. Drei Autos aus drei Nationen in fünf Minuten Autofahrt. Nicht der Wegfall der Grenze an sich macht den Grenzwächtern Mühe: «Einbrüche gibt es nicht erst seit Schengen», sagt Patrick Gantenbein. «Das Problem liegt woanders: Heute beschäftigen uns Tätergruppen aus Rumänien, Bulgarien und der Mongolei.» Es ist die Mobilität, die ihren Preis hat. Mit dem TGV erreichen die Basler in drei Stunden Paris, Linienbusse verkehren zwischen Basel, Bukarest und Albanien und Billig-Airlines verbinden das Dreiländereck mit ganz Europa. GPS und Navigationssysteme bringen auch Mongolen ins Leimental.

«Fotografieren Sie mein Haus?»

Wir wechseln die Seite ins Département du Haut Rhin. Leymen, ebenso hübsch wie seine Schweizer Nachbarn, grenzt an vier Solothurner Gemeinden. Gleich im ersten Haus hinter der Grenze wohnt Christophe Koehl, ein Steinwurf entfernt vom kleinen, verlassenen Grenzhäuschen, das aussieht, als ob der Gendarme nur kurz zur Pause weg wäre. Noch immer liegt eine Brille auf dem Tisch im ehemaligen Posten, vor der Glasfassade ragt noch immer der Gitterständer mit dem rot-weissen Stoppschild «Halte-Douane» gegen die Strasse.

Den Elektrounternehmer Christophe Koehl lernen wir per Zufall kennen. Energisch schreitet der sportliche Franzose mit Kurzhaarschnitt auf uns zu, als wir das Grenzhäuschen fotografieren. «Fotografieren Sie mein Haus?», fragt er in Sorge, die Gegend könnte ausspioniert werden. «49 Einbrüche hat es in Leymen im letzten Jahr gegeben», sagt er. Für ihn ist klar: «Die Grenzen müssen zurück. Der Übergang muss nachts bewacht sein», sagt Koehl entschieden und zeigt auf den kleinen schmiedeisernen Zierzaun, über den Koehl wohl aus dem Stand springen könnte. «Früher hatten wir solche Zäune», sagt Koehl. Hinter dem Haus, gegen die Grenze hin, sind Bäume und Büsche abgeholzt. Unternehmer Koehl hat einen mannshohen und kaum überwindbaren Gitterzaun aus Stahl aufgestellt, der Anwesen und Unternehmen schützen soll. Alarmanlagen und Bewegungsmelder hätten Hochkonjunktur, weiss der Elektrounternehmer.

Die Taktik ist geheim

Es ist eine emotionsgeladene Angelegenheit. «Die Leute sind sehr verunsichert», sagt Richard Gschwind, Gemeindepräsident von Hofstetten-Flüh. Drei bis vier Einbrüche hat der Gemeindepräsident dieses Jahr gezählt.

Mehrere Gemeinden setzen nun auf private Sicherheitsdienste: Hofstetten-Flüh hat einen engagiert, ebenso wie Rodersdorf. Und Witterswil wird für das Winterhalbjahr mit ziemlicher Sicherheit wieder einen Dienst aufbieten. «Seit Frühling ist es ruhig, aber wir befürchten, dass es zunehmen wird», sagt Gemeindepräsident Mark Seelig. «Immer in der Winterzeit spüren wir mehr Einbrüche.»

Zurück zur Grenzwache: Nach einigen Minuten Fahrt stoppt Grenzwacht-Medienchef Gantenbein den Wagen in Rodersdorf. 500 Meter hinter der Grenze stehen die Grenzwächter gemeinsam mit einer Patrouille der Kantonspolizei Solothurn. Es ist 14.30 Uhr nachmittags. Kommen die Einbrecher nicht nachts wie im Krimi? «Sie kommen jederzeit und überall. Es gibt keine Ruhepause mehr», sagt Gantenbein.

Wann und wo kontrolliert wird, das entscheidet Postenchef Leuenberger. Seine Taktik behält er so geheim wie Spitzenköche ihre Rezepte. Ein gesundes Misstrauen und Erfahrung seien aber wichtige Zutaten. «Mit den Jahren ergibt sich ein Raster», sagt Leuenberger.

Keine natürliche Grenze

Nur wenige Meter entfernt vom mobilen Kontrollposten steht auf französischem Boden eine Kleingartensiedlung, die Einbrecher regelmässig als Logistikdepot nutzen. Übers Feld sind sie schnell in der Schweiz. – Während östlich von Basel der Rhein die natürliche Grenze zu Deutschland ist, gibt es an der westlichen Grenze zu Frankreich kaum natürliche Hindernisse. Wo Frankreich beginnt und wo die Schweiz aufhört, ist auf den ersten Blick nicht klar. Nur ab und zu verrät es der unterschiedliche Strassenbelag. Und so wenig Hindernisse erleichtern die grenzüberschreitende Kriminalität. Gerüchteweise sind auch die französischen Behörden weniger präsent als die Deutschen. «Über Gerüchte können wir uns nicht äussern», sagt Grenzwachtsprecher Patrick Gantenbein nur. Deutlicher wird Thomas Zuber, der Kommandant der Kantonspolizei Solothurn: «Ein Optimierungspotenzial sehen wir in der Zusammenarbeit mit Frankreich.» Unternehmer Christophe Koehl, der gleich im ersten Haus hinter der französischen Grenze wohnt, weiss: «Aus der Schweiz kommen Einbrecher nach Frankreich, aus Frankreich gehen Einbrecher in die Schweiz.» Aus Sicht des Unternehmers nutzen die Einbrecher die Schnittstelle zweier Länder mit mehreren kantonalen und nationalen Sicherheitsbehörden aus.

Klar sprechen die Grenzwächter aus, dass sie mehr Personal benötigen würden. Bei der letzten Korps-Aufstockung, die der Bund beschloss, landeten am Ende kaum zusätzliche Stellen in der Nordwestschweiz. Trotzdem muss die Grenzwachtregion ständig Personal zur Verstärkung an die Südgrenze delegieren. «Die fehlen uns», sagt Heinz Leuenberger.

«Überall könnte jemand sein»

Zurück in Hofstetten-Flüh. Fabian Maissen fährt die Quartierstrassen ab. Er kennt jede Ecke und weiss, wo welches Auto steht. Im Heck des schwarzen Passat keucht Rottweiler Darac. An diesem Abend ist er aufgeregt. Besucher ist sich das trainierte Kraftpaket nicht gewohnt. «Ohne Kommando reagiert er nicht», beruhigt Maissen. Er trägt schwarze Kleider, ein schwarzes Baseballcap, Tattoo am Unterarm; Taschenlampe und Pfefferspray am Gürtel. Militärausbildung und Kampfsport. Auch er ein Kraftpaket. «Wenn man nur den eigenen Atem hört und weiss, überall könnte jemand sein, dann ist das schon ein spezielles Gefühl», sagt Maissen.

Vom Vorwurf «Dorframbo» hält der gross gewachsene 23-Jährige wenig. «Es geht um Prävention», sagt er. Ein Grossteil seiner Arbeitszeit ist nicht viel anders als bei anderen Sicherheitsdiensten: Schulhausplätze kontrollieren, lärmende Jugendliche ermahnen. Aufgaben, für die die Polizei nicht gerufen werden müsse. Er kenne die Grenzen privater Sicherheitsdienste, ruft die Polizei, wenn es Vorfälle gibt. In Hofstetten-Flüh lief er bisher an keinen Einbruch heran. Nur einmal hat sein Hund im Weinberg ob der Gemeinde eine Familie mit zwei kleinen Kindern aufgespürt. Asylsuchende, die Maissen an die Grenzwacht übergab.

Nachts ist die Polizei weit weg

Ob die privaten Sicherheitsdienste wirklich Einbrüche verhindern, da sind sich die Gemeindevertreter nicht sicher. Vor allem soll sie der Bevölkerung ein Sicherheitsgefühl vermitteln. «Wir werden immer wieder gefragt: Was macht ihr?», sagt Richard Gschwind, der Gemeindepräsident von Hofstetten-Flüh. «Wir haben als Gemeinde aber kein Gewaltmonopol.» Nur in Metzerlen-Mariastein gibt es einen Polizeiposten, der nachts aber nicht besetzt ist. Die Kantonspolizei Solothurn kommt dann aus Breitenbach. «Das dauert manchmal 30 bis 45 Minuten», so der Witterswiler Gemeindepräsident Mark Seelig.

Katz-und-Maus-Spiel

Lange steht die mobile Kontrolle der Grenzwacht noch nicht in Rodersdorf: Bereits nach zehn Minuten geht der erste Fang ins Netz von Polizei und Grenzwacht. Vier Männer mit osteuropäischen Pässen sitzen im silbernen VW mit Berner Kennzeichen. Der Fahrer hat einen abgelaufenen Schweizer B-Ausweis, zwei Passagiere haben spanische Arbeitsbewilligungen, der vierte Mitfahrer ist Asylbewerber und dürfte die Schweiz gar nicht verlassen. Der Verdacht ist klar: Schwarzarbeit. Der Asylsuchende muss zum blauen VW-Transporter der Grenzwächter, der ebenso viele technische Finessen hat wie ein James-Bond-Wagen der 60er-Jahre. In Echtzeit gleichen die Grenzwächter den Fingerabdruck des Asylbewerbers mit der Datenbank ab. Das Resultat: keine Vorstrafe. Die Namen der vier Männer werden weitergemeldet, mehr passiert nicht. «Wir sind ein Feststellungsorgan, kein Ermittlungsorgan», sagt Leuenberger. Wir verlassen Rodersdorf. Zu lange bleiben die Grenzwächter hier nicht stehen. «Das spricht sich rum», sagt Leuenberger. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Mal ist die Katze schneller, mal sind es die Mäuse.

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