Kanton Solothun
Angst und Frust im Klassenzimmer: Schulsozialarbeit muss mehr Kinder unterstützen als in anderen Jahren

Die Schulsozialarbeit ist auch Monate nach der Schulschliessung im Frühling gefordert. Der Stress, der durch die Pandemie verursacht wird, wirkt sich auf die Psyche und das soziale Verhalten von Kindern und Jugendlichen aus.

Rebekka Balzarini
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Der neue Schulalltag macht Kindern und Jugendlichen zu schaffen. (Symbolbild)

Der neue Schulalltag macht Kindern und Jugendlichen zu schaffen. (Symbolbild)

Keystone

Seit Monaten sind die Schulen von einem neuen Alltag geprägt, der nebst Bildung die Sicherheit von Kindern und Lehrpersonen ins Zentrum stellt. Masken, Abstand und getrennte Pausen sind mittlerweile zu einer neuen Normalität geworden, am nächsten Montag werden erneut zusätzliche Schutzmassnahmen erlassen, um zu verhindern, dass sich das Coronavirus weiter ausbreitet.

Die Schulen sollen so lange wie möglich offen bleiben, betont das Volksschulamt regelmässig. Dies, weil sich der Fernunterricht im Frühling auf einige Schülerinnen und Schüler negativ ausgewirkt hätte. Vor allem diejenigen, die ohnehin schon Mühe haben mit dem Schulstoff oder aus schwierigen familiären Verhältnissen stammen, hätten darunter gelitten.

Nachdem die Schulen ihre Türen im Mai wieder öffneten, wurden die Schulsozialdienste mit Anfragen überhäuft. Das sagten verschiedene Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter bei einer Umfrage im Mai. Eine Nachfrage bei den gleichen Personen zeigt nun: Auch Monate nach der Schulschliessung sind die Schulsozialdienste ausgelastet, einige sogar noch mehr als im Frühling.

Vorhandene Probleme haben sich akzentuiert

«Seit der Schuleröffnung war – beziehungsweise ist – die Schulsozialarbeit stark gefordert. Die Komplexität der Fälle ist aufgrund der Krise angestiegen», schreibt Lea Triller, Schulsozialarbeiterin aus Grenchen. «Jugendliche und bereits Kinder sind vermehrt mit psychischen Schwierigkeiten belastet, was sich vermehrt durch auffallendes Verhalten in der Schule bemerkbar macht.» Ebenfalls stärker ausgelastet als zur gleichen Zeit im Vorjahr ist die Schulsozialarbeit in Olten, schreibt der Schulsozialarbeiter Philipp Gemperle.

Die Themen, welche die Kinder und Jugendlichen beschäftigen, sind die gleichen geblieben: Mobbing, Existenzängste aufgrund von Problemen bei der Lehrstellensuche, Stress daheim oder schlechte Noten. «In den letzten Monaten konnte auf allen Stufen jedoch beobachtet werden, dass Verhaltensauffälligkeiten und familiären Problemen durch die wegfallenden Hobbys, Freizeitaktivitäten, Quarantänen, teilweise auch durch vermehrte freiwillige Isolation durch die Eltern zugenommen haben», schreibt Triller.

«Erkennbar ist auch die sinkende Toleranzgrenze gegenüber Mitschülerinnen und Mitschülern und Spannungen im familiären Umfeld, was häusliche Gewalt zur Folge haben kann.» Das bestätigt Gemperle: «Auffallend ist, dass Themen rund um häusliche Gewalt spürbar zugenommen haben. Das kann ein Zeichen der aktuellen Krisenzeit sein, mit einer zunehmenden Sensibilisierung zum Thema zu tun haben oder eben durch beides begünstigt werden.» Auch der Schulabsentismus habe in Olten zugenommen.

In Grenchen schlage die Krise insbesondere den älteren Schülerinnen und Schülern auf die Stimmung, schreibt Triller. Vermehrt hätten auch Kinder ab der 5. Klassen mit Lustlosigkeit, Frust, und depressiven Verstimmungen zu kämpfen, bis hin zu schwere, seelischen Krisen. «Ihren Unmut bis hin zur starken Verzweiflung zeigten sich vermehrt im selbstverletzenden Verhalten wie sich Ritzen. Aber auch Kiffen und die vermehrte Ablenkung durch Gamen nahmen bei den Jugendlichen zu», schildert sie.

In allen Altersklassen habe man dagegen festgestellt, dass sich die andauernde Belastungssituation in den Familien und der Schule auf das soziale Verhalten der Kinder ausgewirkt habe. «Das äussert sich etwa in einem groben Umgangston und aggressiverem Verhalten auf dem Schulweg, dem Pausenplatz und im Klassenzimmer – was letztlich ein Spiegel als auch ein Ventil der andauernden Krise ist», schreibt die Schulsozialarbeiterin aus Grenchen.

Schulsozialarbeiter Gemperle verortet in der «allgegenwärtigen» Unsicherheit eines der grössten Probleme: «Das können existenzielle Verunsicherungen sein, oder dass an jeder Ecke jemand zu finden ist, der eigentlich viel besser wüsste, wie man in dieser Krise reagieren sollte,», schreibt er.

Auch die Masken im Alltag würden zu dieser Unsicherheit beitragen: «Da schwingt doch automatisch auch immer der Gedanke mit, dass mein Gegenüber eine mögliche Bedrohung sein könnte», schreibt er. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche Kultur auf die Dauer guttun kann. Und damit meine ich nicht das Tragen der Maske, sondern den damit verbundenen Microstress dieser unterschwelligen Gedanken.»

Weiter glaube er, dass zwei Kräfte im Schulalltag ausser Balance geraten seien: «Das eine Feld, ist das des Lernens, also quasi das Arbeitsfeld. Dieses wird mit Wörtern wie Aufwand, Leistung, Prüfungen, und konnotiert», schreibt er.

Das zweite Feld sei Schule also Ort der Begegnung. «Dieses Feld ist Quelle unterschiedlichster sozialer Kontakte, die mehr oder weniger spontan passieren können und unser Leben bereichern, wie Salz in der Suppe». Mit den Schutzkonzepten würde ein grosser Teil der Kontakte wegfallen, und damit würden die Orte fehlen, wo der «innere Freude-Akku einfach so nebenbei aufgeladen werden kann.» Das könnte laut mitunter eine Erklärung für zunehmenden Schulabsentismus sein, oder diesen zumindest begünstigen.

Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste ausgelastet

Im Raum Solothurn ist die Fachstelle Perspektive für die Schulsozialarbeit an verschiedenen Schulen verantwortlich. Man habe nicht überall mehr Arbeit als in anderen Jahren, so Marianne Röser, die Bereichsleiterin Schulsozialarbeit. Viele Themen würden sich aber erst indirekt äussern, betont sie. Das könne erklären, warum die Schulsozialarbeit nicht überall gleich stark ausgelastet sei.

Wenn die Schulsozialarbeit gefragt ist, dann aber aus ähnlichen Gründen wie in Olten oder Grenchen. Vor allem sozial schwächere Familien würden unter dem Druck leiden, erklärt Röser. Die Verunsicherung der Eltern, etwa wegen einer drohenden Arbeitslosigkeit, würden an den Kindern nicht spurlos vorbeigehen. «Die Pandemiethemen sind in den Familien oft präsent und die Kinder hören mit. Die Sorgen der Eltern werden von ihnen wahrgenommen», erzählt sie.

Laut Röser kommt für die Schulsozialarbeiterinnen oder Schulsozialarbeiter erschwerend hinzu, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste im Kanton überlastet seien. «Erstgespräche finden zwar rasch statt, die Behandlungen müssen dann jedoch um Wochen verschoben werden», schreibt sie. Das würde auch die Lehrpersonen belasten, welche die Kinder und Jugendlichen im Schulalltag begleiten. Hier müsse die Schulsozialarbeit einspringen, was fachlich nur begrenzt möglich sei.

Die langen Wartezeiten bestätigt auch Lea Triller aus Grenchen. Häufig müsse man Betroffene auf die Notfallnummer der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste verweisen, damit ihnen schnell geholfen werden könne.

Auf zumindest einen positiven Aspekt der vergangenen Wochen verweist Marianne Röser: Viele Schülerinnen und Schüler würden heute lieber in die Schule gehen, weil sie ihre Klassenkameraden während der Schulschliessung vermisst hätten. Und auch das mangelnde Freizeitangebot führe wohl dazu, dass die Kinder die Zeit im Schulzimmer schätzten.

Trotzdem appelliert sie: «Die Problematik und die Kollateralschäden, welche die aktuelle Situation an den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft anrichtet, darf nicht schöngeredet werden.» Eine weitere Schulschliessung in der Volksschule, so Röser, wäre «wirklich problematisch. Ich bin glücklich darüber, dass sich die Schweiz hier so lange wie möglich zurückhält.»

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