Verunsichert bis verängstigt – so fühlen sich zwei Drittel aller Passanten am Hauptbahnhof – spätestens, wenns eindunkelt.: Dies zumindest legen die Resultate einer Online-Umfrage nahe, die diese Zeitung kürzlich durchführte. Bettler, Drogenhandel, Alkohol und Gewalt machen den Bahnhofsperimeter aus ihrer Sicht vor allem nachts zu einem unsicheren Ort. Andere Kommentare argumentieren mit dem Vergleich mit anderen regionalen, Schweizer oder gar internationalen Städten dagegen. Doch was zeigt der Blick über die Stadt- und Regionsgrenzen? Mit welchen Bahnhofsproblemen haben andere Städte zu kämpfen? Und wie gehen sie dagegen vor? Eine Auswahl.

Grenchen: «Lage überschaubar»

«Probleme wie in jeder grösseren Stadt», vermeldet Polizeikommandant Christian Ambühl. Die Bahnhofsnähe ziehe unterschiedliche Personengruppen an, darunter auch solche, die Probleme bereiten. «Solche Personen verschieben sich meist selbst mit dem Zug.» Ausserdem eigne sich ein Bahnhof generell für unbemerkten Drogenhandel oder für den Einkauf und den Verkauf von kostengünstigem Alkohol. Ob sich eine Gruppierung dort aufhalte, sei auch abhängig von der Witterung. «Aber in Grenchen ist die Lage überschaubar», sagt Ambühl.

Zu diesem Zweck pflegt die städtische Polizei auch mit der Kantonspolizei eine enge Zusammenarbeit: «Der Informationsaustausch ist gewährleistet», sagt Ambühl, er sieht aber auch Grenzen: «Es ist gerade auch aus rechtlichen Gründen kaum möglich, entsprechende Gruppierungen von Bahnhöfen fernzuhalten.» Zwar gebe es das Mittel der Wegweisungsverfügungen, dieses könne aber nur zielgerichtet und begründet, nicht aber flächendeckend eingesetzt werden. Was man seitens Polizei tun könne: Viele Kontrollen durchführen, aber auch das Gespräch mit Einzelnen suchen. «Dies kann eine Beruhigung herbeiführen.»

Olten: Fokus auf Ländiweg

In der Dreitannenstadt stören laut Stadtschreiber Markus Dietler vor allem Personengruppen, die durch Littering, laute Musik und freilaufende Hunde auffallen – und dies vorwiegend am Ländiweg entlang der Aare. Für besagten Weg seien aber Massnahmen geplant, über die das Stadtparlament noch diesen Monat im Nachgang eines Vorstosses informiert werde. Ebenso fordert die Knappheit an Taxi-Standplätzen ihren Tribut: «So kommt es zu Streitigkeiten» – wie beispielsweise Ende Oktober, als sich zwei Taxifahrer prügelten (wir berichteten). Laut Dietler solle 2019 ein Taxi-Reglement mit schärferen Zulassungsregeln eingeführt werden. Ähnlich wie in Solothurn besteht auch in Olten ein Sicherheitszirkel, unter dessen Dach die Kantonspolizei mit den SBB, der Grenzwache, der Securitrans, der Abteilung Ordnung und Sicherheit Olten und weiteren Partnern zusammenspannt.

Die Kantonspolizei stellt bei täglich mehreren Präventionspatrouillen im Oltner Hauptbahnhof «grossmehrheitlich Delikte im niederschwelligen Bereich» fest – dies bei einer Tagesfrequenz von rund 80'000 Personen. «Wir haben aktuell eine wirklich ruhige Lage am Hauptbahnhof», meint Kapo-Mediensprecherin Astrid Bucher. Zugenommen hätten im Sommer eritreische Gruppierungen, meist verbunden mit Alkoholkonsum. Je nach Situation sei es zu Wegweisungen wegen Trunkenheit, unanständigem Benehmen oder Drogenbesitz gekommen.

Aarau: Probleme stark rückläufig

Laut der Stadtpolizei Aarau seien Probleme in der Vergangenheit vor allem im Zusammenhang mit Asylsuchenden und Randständigen aufgetreten. Toni von Däniken, stellvertretender Polizeichef, erläutert: «Diese hielten sich neben den Passanten auf dem Bahnhof auf.» Ein kostenfreier WLAN-Zugang habe als Magnet für entsprechende Gruppierungen gewirkt, ebenso billiger Alkohol. «Durch vermehrtes Patrouillieren, Personenkontrollen und eine privat beauftragte Sicherheitsfirma für Freitag- und Samstagabende» habe man dem Problem entgegengewirkt. Auch in Aarau arbeiten Stadt- und Kantonspolizei sowie die Transportpolizei der SBB zusammen. Mit der Schliessung einer grossen Asylunterkunft in der Nähe des Bahnhofs habe sich auch die Zahl der Asylsuchenden verringert und damit auch die Reklamationen von Reisenden und Passanten. «Auch Ladendiebstähle und Belästigungen sind in den vergangenen Monaten massiv zurückgegangen.»

Baden: Hütte für Randständige

«Das einzige ‹Problem›, das wir hatten und teilweise noch haben, sind die Randständigen, die sich täglich auf dem Bahnhofplatz aufhalten», sagt Max Romann, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei: «Andere Probleme krimineller Art haben wir keine.» Dabei sei die Rede von betrunkenen und pöbelnden Randständigen, die teilweise auch ihre Hunde frei laufen liessen. Angesprochen auf die Ursachen nennt Romann die Badener Zentrumswirkung: «Die Randständigen kamen resp. kommen aus der nahen Region und treffen sich hier.»

Für dieses spezifische Problem könne man seit nun sieben Jahren eine wirksame Abhilfe schaffen: «Jeweils ab Ende Oktober bis Ende April steht eine Holzhütte auf dem Bahnhofplatz, in der sich Randständige aufhalten können.» Aufgestellt wird die Hütte durch die Stadtpolizei und betreut durch die städtischen sozialen Dienste und das christliche Hilfswerk «Hope». «Dies hat eine merkliche Verbesserung geschaffen: Die Randständigen bewirtschaften die Hütte selber.» Während in Baden der Bahnhof und die Unterführungen der Bahnpolizei unterstehen, hat über den Bahnhofplatz die Stadt Baden selbst die Hoheit inne.

Winterthur: Probleme gemeistert

Obwohl um einiges grösser als Solothurn, hat man durch einen ähnlichen Zusammenschluss wie die hiesigen Sicherheitszirkel eine griffige Lösung gefunden, wie Michael Wirz, Kommunikationsverantwortlicher der Stadtpolizei Winterthur, ausführt. «Wir waren und sind mit einer besonderen Situation konfrontiert: Die Ausgehmeile liegt beim Bahnhof.» Womit hier zwei Problemquellen eine Schnittstelle bilden: Bahnhofsgeschäfte als billige Bezugsquelle für Alkohol auf der einen, Clubs, die zum Teil rund um die Uhr geöffnet sind, auf der anderen Seite. «So waren wir vor allem ums Jahr 2007 mit ausgeprägten Problemen wie Alkohol, Littering, Szenenbildung und Gewalt konfrontiert.»

Sowohl von politischer wie auch polizeilicher Seite sei der Schluss nahegelegen, konkrete Massnahmen einzuleiten. So entstand 2011 der Aktionsplan Hauptbahnhof «AHAB». Es handelt sich dabei um eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der polizeilichen Partner wie Stadt- und Kantonspolizei sowie der Transportpolizei der SBB. Andere Instanzen wie das Strasseninspektorat, die Suchtprävention, sogar auch die Clubs und Restaurants selbst wurden eingebunden. Auch dem Thema Littering wurde besondere Beachtung geschenkt. Wo nämlich Unrat liegt, ist gemäss der sogenannten Broken-Windows-Theorie auch die Sachbeschädigung durch Nachahmer nicht weit. «Insgesamt sprechen wir heute von einer guten, allgemein verträglichen Situation.»

Solothurn: Zentrumslasten

Weitere untersuchte Städte in ähnlicher Grösse wie Solothurn haben aufgrund der verkehrstechnischen Positionierung mit wenig Problemen zu kämpfen. Eine Nachfrage in Adliswil, Regensdorf und Steffisburg zeigt, dass es sich mehrheitlich um kleine respektive Agglomerationsbahnhöfe mit keiner Zentrumsfunktion handelt. Was den Sicherheitsaspekt angeht, sind sie daher eher aus der «Schusslinie.» Umgekehrt scheint es, als ob der Stadt Solothurn aufgrund ihrer Zentrumsfunktion auch diese eine zentrale Last auferlegt ist: nämlich die Frage nach der Sicherheit.