So manche Junglehrerperson erlebt zu Beginn einen Praxisschock. Um diesen zu überwinden, geht die Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) neue Wege.

Statt der traditionellen Praktika übt man den Praxiseinsatz in enger Zusammenarbeit mit Partnerschulen ein. In den vier Kantonen Solothurn, Aargau und den beiden Basel sind Pilotprojekte am Laufen. Im Kanton Solothurn macht als erste und bisher einzige Schule das Brühl in der Stadt Solothurn mit.

Beim Elterngespräch dabei

Was ist denn anders in diesen Partnerschulen? Tobias Leonhard, Leiter des Pilotprojektes und Professor an der Pädagogischen Hochschule, hebt hervor, dass die Studierenden in die Partnerschulen voll integriert seien. Während sie im traditionellen Modell meist an verschiedenen Schulen blockweise unterrichten, verweilen sie hier fortwährend ein bis zwei Tage pro Woche am selben Ort. Sie werden Teil der Schule und erleben den ganz gewöhnlichen Schulalltag mit.

Sie sind etwa gar bei Elternkontakten dabei, in der Pausenaufsicht oder bei schulhausspezifischen Projekten. Solche «Nebenaspekte» des Schulalltags erfährt man im herkömmlichen Modell kaum, dabei machen gerade diese einen Grossteil dessen aus, was einen als Lehrperson herausfordert. Leonhard beschreibt die Partnerschule als einen «Versuch, die Studierenden frühzeitig in einen engen Kontakt zu bringen mit der Breite der Anforderungen, welche die Lehrtätigkeit mit sich bringt.»

Früher sei es bei Praktika oft nur darum gegangen, eine gute Darbietung zu liefern, sagt Leonhard. Bloss eine Art Show zu zeigen, ist eher möglich, wenn man wie bisher mal zwei Lektionen abhält, mal zwei Lektionen der Studienkollegin hospitiert und nach dem Auswertungsgespräch mit der Praxislehrperson wieder nach Hause verschwindet. In den Partnerschulen hingegen stehen zwei Studierende gemeinsam mit der Praxislehrperson im Zimmer, und es unterrichten oft alle drei zugleich. Sie planen und evaluieren, bilden Unterrichtsteams.

Da geht es nicht einfach um das Ausführen verschiedener didaktischer Formen, bei denen die Schülerinnen und Schüler quasi reine Statisten sind. Während im üblichen Praktikum «die Studierenden häufig Gäste sind, manchmal muss man fast sagen Touristen», erklärt Leonhard, seien sie hier integrierte Partner. Dies habe auch den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler besser gefördert würden. Die Studierenden können eine Beziehung zu den Kindern aufbauen, sie beobachten und somit auch individuell betreuen.

28 Wochen in der Praxis

Diese Kontinuität schätzen auch die Studierenden sehr, so Leonhard. In den 28 Praxiswochen, die regelmässig über ein Schuljahr verteilt sind, lerne man eine Klasse recht gut kennen. Ein Regelpraktikum indes dauert nur etwa vier Wochen.

Die Studierenden bekommen so auch an die längerfristige Entwicklung der Schüler mit. Und das Lehrerkollegium im Brühl wiederum könne die Lernfortschritte der Studierenden mitverfolgen. Zwar empfinden manche Studierende den Zeitaufwand als etwas grösser, aber der Gewinn überwiege auch in ihren Augen.

Die Praxisschule profitiert

Ein weiterer Vorteil liege darin, dass die Impulse der Studierenden und der Pädagogischen Hochschule in der Praxisschule gefragt sind. Sie bringen neues Wissen und Anstösse aus der Theorie mit, die sie in die Zusammenarbeit einfliessen lassen. In Reflexionsseminaren werden aktuelle Themen aus der Klasse besprochen. Während diese bisher an der PH durchgeführt wurden, finden sie nun direkt in der Schule statt. Ausgangspunkt ist ein konkretes Erlebnis aus der Klasse, die Studentinnen besprechen es mit einer Fachperson der PH, aber auch die Praxislehrperson oder weitere interessierte Lehrpersonen können sich beteiligen.

Es gehe dabei nicht darum, fixfertige Lösungen für jedes Problem anzubieten, erklärt Leonhard. Die PH gebe den Studierenden so etwas wie «Brillen» mit, Konzepte, mit denen sie zum Beispiel eine «Unterrichtsstörung» beschreiben, verstehen und bewältigen können. Die Lehrpersonen müssen fähig sein, selber zu beschreiben, zu reflektieren, Antworten zu suchen. Dieses Fragen und Reflektieren könne in Partnerschulen eingeübt werden. «Wir an der PH sind nicht die Besserwisser», meint Leonhard.