Berufsbildung

Angebot an Lehrstellen übersteigt Nachfrage

Lernende bleiben gefragt: Die Ausbildungsbereitschaft der Solothurner Firmen ist unverändert hoch, heisst es beim Kanton.

Lernende bleiben gefragt: Die Ausbildungsbereitschaft der Solothurner Firmen ist unverändert hoch, heisst es beim Kanton.

Der Kampf um Lernende wird härter. Jede zehnte Lehre wird abgebrochen. Die demografische Entwicklung hinterlässt tiefere Spuren auf dem Berufsbildungsmarkt.

Das zeigen die gestern publizierten Zahlen vom Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen für das Jahr 2014 (siehe Grafik). Trotzdem beurteilt Ruedi Zimmerli, Leiter Berufslehren beim Amt, die Lage auf dem Lehrstellenmarkt als sehr gut. Denn die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen sei unverändert hoch. Das Angebot an Ausbildungsplätzen habe sich mit rund 2400 kaum verändert.

Schülerabnahme bis 2022

Der Grund für die rückläufige Entwicklung der abgeschlossenen Lehrverträge liegt auf der Nachfrageseite. Die Zahl der Schulaustretenden nimmt seit zwei Jahren ab. «Diese Entwicklung wird sich in den kommenden acht Jahren fortsetzen», sagt Zimmerli. Konkret würden 2022 rund 500 bis 600 weniger Schülerinnen und Schüler die obligatorische neunjährige Schulzeit beenden. Allein dieser Umstand dürfte den Kampf um Lernende weiter anheizen. Schon in den Vorjahren hiess es beim kantonalen Amt, dass sich die besorgten Meldungen von Lehrbetrieben häuften, weil sie Mühe hätten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. «Es wird zunehmend schwieriger, zu entsprechend qualifizierten Lernenden zu kommen», beobachtet Zimmerli. Im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel erwähnt er das Modell «Nachholbildung». Gegenwärtig würden sich 364 Personen nach mehrjähriger Berufspraxis, aber ohne entsprechend anerkanntem Berufsabschluss, auf das Qualifikationsverfahren vorbereiten. «Damit erhält die Wirtschaft weitere Fachleute.»

Die Tatsache, dass das Angebot an Lehrstellen konstant bleibt und die Nachfrage danach kontinuierlich sinkt, mache die Suche nach einem Ausbildungsplatz zwar tendenziell einfacher. Aber es gebe keine Garantie auf einen Ausbildungsplatz. «Die Anforderungen sind praktisch in allen Berufsfeldern gestiegen.» Logischerweise nimmt mit dem Rückgang der Schulaustretenden auch der Anteil jener ab, die für hoch qualifizierte Berufe geeignet sind. Noch vor einigen Jahren hätten insbesondere industrielle Betriebe ihre Ausbildungsplätze mit weniger gut qualifizierten Kandidaten besetzt – in der Hoffnung, diese während der Lehrzeit «nachqualifzieren» zu können. Inzwischen sei eine gewisse Ernüchterung eingetreten, und die Betriebe verzichteten auf solche «Experimente». Die Folge: Sie lassen eine Lehrstelle eher unbesetzt, als mit ungeeigneten «Stiften» zu besetzen. Für bildungsschwächere Schüler und Schülerinnen bleibe es deshalb unverändert schwierig, eine Lehrstelle zu finden.

Nach wie vor bleibt die Berufslehre der am meisten beschrittene Weg nach der obligatorischen Schulzeit. Nach Angaben des Kantons haben 55 Prozent oder 1340 der rund 2500 Schulaustretenden eine berufliche Grundausbildung begonnen. Die Differenz zu den 2206 tatsächlich abgeschlossenen neuen Lehrverträgen erklärt sich durch jene Lernenden, die nicht im Kanton Solothurn wohnhaft sind, von der Kantonschule oder einer Zwischenlösung heraus die Lehre starten, eine Zweitausbildung oder nach einem Lehrabbruch eine neue Ausbildung beginnen. 30 Prozent der Abgänger gingen an das Gymnasium oder die Fachmittelschule, 12 Prozent absolvierten eine Zwischen- oder Übergangslösung (Vorlehre, Berufspraktika, Vorbereitungskurs, usw.).

Die Anteile erstaunen, hiess es doch bislang, dass über 70 Prozent der Schulabgänger eine Berufslehre ergreifen würden. Das Amt erklärt: Zuvor sind nur die reinen Schulabgänger nach der obligatorischen neunjährigen Schulzeit als Basis gezählt worden. Neu sind sämtliche Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit erfasst, also inklusive der Privatschulen und die Schülerinnen und Schüler der 1. Klasse des Gymnasiums. Dadurch habe sich die Vergleichsmenge erhöht und der Anteil der Berufslehre sei entsprechend gesunken. Die absolute Zahl der Neulernenden sei aber ungefähr gleich geblieben. Durch den Methodenwechsel erklärt sich auch der deutlich höhere Anteil jener, die ins Gymnasium wechselten. Dahinter versteckt sich aber sicherlich auch der erhöhte Drang ans Gymnasium.

Nur drei Prozent ohne Lösung

Als sehr erfreulich streicht Zimmerli hervor, dass nur 75 Schulabgänger oder 3 Prozent ohne Anschlusslösung dastanden. Darunter habe es demotivierte und beratungsresistente Jugendliche. Deshalb wäre es illusorisch zu glauben, den Anteil auf null senken zu können. Zum guten Wert trage das Instrument der 2005 eingeführten zweijährigen Berufslehre mit Eidgenössischem Berufsattest (EBA) bei. Die Zahl der neuen Lehrverträge steigt und der Bestand an EBA-Lehrverhältnissen ist von 65 im 2005 auf über 500 im 2014 gestiegen.

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