Grenchen
Angeblicher Erpresser wird nach elf Monaten Gefängnis freigesprochen

2016 wurde in der Tropical-Bar in Grenchen Feuer gelegt - zwei Jahre später stand das Auto des Barbesitzers in Flammen. Der Besitzer vermutet eine kriminelle Bande hinter diesen beiden Taten. Der Kopf dieser angeblichen Bande stand am Mittwoch wegen Erpressung vor Gericht.

Fabio Vonarburg
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Im Januar 2018 brennt der Jaguar des Mitbetreibers der früheren Kontaktbar Tropical.

Im Januar 2018 brennt der Jaguar des Mitbetreibers der früheren Kontaktbar Tropical.

  • Im September 2016 verübte eine unbekannte Person einen Brandanschlag auf die damalige Kontaktbar Tropical in Grenchen.
  • Im Januar 2018 kam es erneut zu einem Brand. Dieses Mal wurde das Auto des Mitbetreibers des Tropical in Brand gesetzt. Zudem schlug der unbekannte Täter die Scheibe in einem Coiffeurladen am Marktplatz ein.

Für den Betreiber, der das Lokal gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin führte, war immer klar: Diese Zwischenfälle stehen in einem Zusammenhang. Gegenüber Tele M1 äusserte er nach dem Brandanschlag auf seinen Jaguar seinen Verdacht: «Es handelt sich um eine kriminelle Bande, die mich und mein Umfeld bedroht und vertreiben will.» Deren Ziel sei im Gebäude eine Spielhölle zu installieren.

Mehrfache Erpressung

Der Kopf dieser angeblichen kriminellen Bande stand am Dienstag und Mittwoch vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Verhandlungspunkt waren aber nicht die beiden Brandanschläge. Sondern es ging darum, ob Ahmet T. (Name geändert) die beiden Betreiber des Tropical ab ca. Juli 2016 über 11 Monate hinweg bedroht und erpresst und ihnen somit über 50'000 Franken abgeknöpft hat.

Dazu hat er ihnen laut Staatsanwaltschaft damit gedroht, er werde sonst «den Laden kaputtmachen». Eine andere Drohung, die er gegenüber der Betreiberin ausgesprochen haben soll, die den Laden über mehrere Monate hinweg alleine führte: «Wenn du mir das Geld nicht gibts, dann nehme ich deine Tochter in die Berge oder in den Wald. ‹Und denn luege mer was passiert.›» Zudem soll Ahmet mehrmals auf seine Waffe gezeigt haben. Begleitet von den Worten: «Ich habe das, und was hast du?» 11 Monate sind seit der Festnahme und den ersten Einvernahmen vergangen.

Während der ganzen Zeit befand sich Ahmet in Sicherheitshaft. Sein Verteidiger plädierte auf Freispruch und rüffelte die Staatsanwaltschaft für die lange Untersuchungshaft. Staatsanwältin Regula Echle begründete diese mit den aufwendigen Ermittlungen. Fakten konnte sie vor Gericht aber dennoch nicht präsentieren. Die Anklage beruhte in erster Linie auf den Aussagen der beiden Lokalbetreiber, die von Gerichtspräsident Yves Derendinger befragt wurden.

Während der Befragung konnten die beiden Lokalbetreiber nur sehr wenige Details nennen, wie die Erpressungen und Geldübergaben sich abgespielt haben. Zudem haben sich die beiden in einer Vielzahl von Widersprüchen verstrickt. Ein Beispiel:

Die Lokalbetreiberin sagte vor Gericht aus, sie hätte bei der ersten Geldübergabe Ahmet den Betrag an der Bar übergeben – eingesteckt in eine Serviette. Sie seien dabei von niemanden beobachtet worden. Doch ihrer Aussage zieht folgende Widersprüche nach sich:

  • Auf Nachfrage sagte die Betreiberin, es könne auch ein Couvert statt einer Serviette gewesen sein.
  • Am 4. Juni hatte die Betreiberin noch ausgesagt, ihre Tochter habe die erste Geldübergabe beobachtet.
  • Die Tochter sagte auch als Zeugin vor Gericht aus: Die Geldübergabe, die sie beobachtet hätte, sei nicht an der Bar, sondern bei der Rezeption gewesen. Das Geld sei einfach so überreicht worden – ohne Serviette oder Couvert.

«Da stockt einem der Atem»

«Ich habe damals so viel erlebt und bin so durcheinander», versuchte die Betreiberin, den Richtern die Widersprüche zu erklären. Sie leide heute noch gesundheitlich unter den Vorfällen. Und die Staatsanwältin meinte in ihrem Plädoyer: Im Ergebnis sei das Geschilderte nachvollziehbar. Regula Echle: Die Betreiberin sei sehr sprunghaft, «doch wenn sie lügen wollte, wäre es einfacher gewesen, sich eine Geschichte zurechtzulegen und auswendig zu lernen».

Der Verteidiger von Ahmed hielt es für fragwürdig, dass die Staatsanwaltschaft auch nach den Anhörungen noch einen Schuldspruch forderte: «Nach den heutigen Aussagen stockt einem der Atem, dass eine Person bei einer derart dürftigen Beweislage ein Jahr im Gefängnis sitzen musste.» Er forderte die Richter dazu auf, dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» zu folgen, da es nicht möglich sei, der materiellen Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Das Gericht sah dies auch so. Es sprach Ahmet betreffend der mehrfachen fortgesetzten Erpressung frei, da es nicht möglich sei, sich auf die Aussagen der Lokalbetreiberin abzustützen. Schuldig gesprochen wurde er einzig im Vorwurf des Betrugs gegenüber einer Bank.

Er hatte sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen einen Kredit erschlichen. Das Strafmass steht noch aus. Falls dieses geringer als 11 Monate ausfällt, wird Ahmed für seine zu lange Haft entschädigt. In der Regel sind dies um die 100 Franken pro Tag, den man zu lange eingesessen hat. Ahmet T. wurde per sofort aus der Haft entlassen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.