Im April wird Aline 16. Sie besucht die Kanti Olten, im musischen Profil. In ihrer Freizeit wandert sie gerne und fährt Ski. Ihre grosse Leidenschaft ist die Musik. Sie spielt Klavier und Geige. Daneben beschäftigt ein anderes Thema die junge Frau immer mehr: das Klima. Zusammen mit weiteren Kantischülerinnen und -schülern hat sie deshalb den Schüler-Streik in Olten organisiert. «Die Erde ist unser Lebensraum», erzählt sie im Gespräch. «Ich kann nicht verstehen, wieso wir den selber zerstören.» Das eigene Haus würden wir schliesslich auch nicht anzünden.

«Pauschale Kritik ist nicht ok»

Sie seien naiv, manipulierbar und würde sowieso nichts erreichen. Und wenn sie nicht gerade die Schule schwänzen, würde die «Generation Easyjet» in die Ferien fliegen oder sich das neuste Smartphone kaufen. Das sind Vorwürfe, die sich die jungen Aktivisten immer wieder anhören müssen. So auch Aline und ihre Kollegen. Zum Beispiel auf Facebook, wo sie für die gestrige Veranstaltung Werbung gemacht haben. Kritik sei zwar immer angebracht, findet sie. Trotzdem will sie diese Punkte nicht gelten lassen: «Solche Pauschalisierungen sind nicht ok. Ich kenne viele junge Leute, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Die sich zweimal überlegen, ob ein Flug wirklich nötig ist.»

Was den Vorwurf der Naivität anbelangt: Dieser scheint zumindest auf die junge Aline nicht zuzutreffen. Vor jeder Antwort nimmt sie sich einen Moment Zeit, um nachzudenken. Und wenn sie dann spricht, geschieht es in fast druckfertigen Sätzen. Korrigieren muss sie sich selber nur selten. Illusionen hat sie zudem keine: «Man kann nicht alles auf einmal verändern», findet sie. «Wollten wir absolut umweltfreundlich sein, dürften wir gar nicht existieren.» Um zu verdeutlichen, was sie meint, zeigt sie auf den Tisch vor sich: «Wir sind nur am Kaffee trinken. Aber hier, das Schöggeli: eingepackt in Plastik. Und hier, der Zucker: Wenn ich den nicht brauche, wird der wiederverwendet? Ich weiss es nicht.»

Klima-Demo Olten 15-03-2019 bko

Am Freitag demonstrierten in Olten an die 120 Personen fürs Klima.

  

Veränderung in Schritten

Veränderung sei trotzdem möglich, ist Aline überzeugt. Einfach in kleinen Schritten: Das merke sie auch an sich selber: Je älter sie werde, desto mehr Zusammenhänge könne sie herstellen. «Das Ganze ist ein Prozess. Man kann lernen, auf gewisse Sachen zu verzichten und so die Umwelt zu schonen.»

Selber isst sie seit einem Jahr kein Fleisch mehr. Im Haushalt ihrer Familie ist auf ihr Begehren die Frischhaltefolie der Tupperware gewichen. Und wenn sie diesen Sommer mit einer Kollegin für drei Tage nach Berlin will, nimmt sie den Zug statt den Flieger – notabene zwei 10-stündige Fahrten, teurer als ein Flug wird es zudem auch.

Dass sich die bald 16-Jährige so einsetzt, dürfte nicht von ungefähr kommen. Sie sei in einer Familie aufgewachsen, in der Klimaschutz ein wichtiges Thema sei. Das habe sie schon geprägt, sagt sie von sich selber. Die Eltern haben lange Zeit eine SAC-Hütte auf der Göscheneralp geführt. Als Kleinkind war sie jeweils ganze Saisons in den Bergen, im Schulalter dann noch jeweils während der Ferien. «Das hat sicher dazu beigetragen, dass mir die Natur wichtig ist. Und wenn mir dann mein Vater erzählt, dass er früher über den Gletscher wandern konnte, heute aber nicht mehr, weil dort schlicht kein Gletscher mehr ist, dann gibt mir das schon zu denken.»

Politik in der Pflicht

Bleibt noch die Frage: Was bringt das Alles? Nur ein winziger Bruchteil aller Treibhausgasemissionen entsteht in der Schweiz. Wenn jetzt 100 Menschen durch Olten marschieren – was verändert man damit tatsächlich? «Das ist schwierig zu beantworten», findet Aline. «Ich frage mich manchmal auch: Was genau bewirkt mein Einsatz?» Trotzdem setzt sie sich ein. Weil ihr das Thema wichtig ist: «Es ist besser, etwas zu unternehmen, als zu sagen, man könne sowieso nichts verändern und deshalb gar nichts zu tun.»

Mit der Haltung «Bringts nichts – tu ich nichts» hat sie ein grundsätzliches Problem. Aber selbst die Kritik daran verpackt sie in sehr diplomatische Sätze: «Ich finde das eine schwierige Art, ein Problem anzugehen», beginnt sie vorsichtig. «Mit dieser Haltung müsste sich eine Person nie ändern und würde nichts, was sie tut, hinterfragen.» Aber irgendetwas müsse man doch tun, irgendwo müsse man anfangen. «Und anfangen kann man nur bei sich selber», so die Worte aus dem Munde der 15-Jährigen.

Trotz aller Eigenverantwortung: In der Pflicht sieht Aline vor allem die Politik: «Veränderung ist immer politisch.» So sei schliesslich der Staat aufgebaut: mit einem politischen System. Erst bei diesem Thema legt sie ihre Rolle als Diplomatin teilweise ab und die Aktivistin beginnt durchzuschimmern: «Die Wissenschaft hat alle Fakten geliefert, die Politiker kennen diese. Es ist jetzt an der Zeit, dass die Krise endlich als Krise angesehen und entsprechend gehandelt wird. Denn wenn ich irgendeinmal Kinder habe, möchte ich nicht, dass die für das bezahlen müssen, was wir versäumt haben.»