Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Sterben? Meistens kommt der Tod nämlich nicht unvermittelt. In 70 Prozent der Todesfälle geht heute eine Entscheidung voraus: Soll die Behandlung abgebrochen oder erst gar nicht aufgenommen werden? Beim Sterben stehe somit weniger das Müssen im Vordergrund als vielmehr die Planung, sagte der Ethiker Settimio Monteverde, als er am Donnerstagabend die Podiumsdiskussion eröffnete.

Der Verein Palliative SO liess an der Jahrestagung in der Pädagogischen Hochschule zwei Spezialisten diskutieren: eine Vertreterin von Exit und den Leiter einer Palliativstation. Sie befürwortet begleitende Sterbehilfe, er verhilft Menschen zu einer schmerzfreien letzten Lebensphase. Suizid auf der einen Seite, Leben, bis der Tod von alleine eintritt auf der anderen. Klare Standpunkte also. Die gut 160 Zuschauer, die meisten davon weiblich, durften ein spannendes Rededuell erwarten.

Noch aber gehörte die Bühne Monteverde, dem Ethiker: Heute sei es vor allem umstritten, von welchem Zeitpunkt an jemand gehen darf, sagte er. Früher sei dies klar gewesen, was etwa Darstellungen von Totentänzen illustrierten. «Früher kam der Tod immer zum richtigen Zeitpunkt», sagte Monteverde, hielt inne und hob dabei seine Augenbrauen. Stille im Saal. Es gebe jedoch zwei Ausnahmen, fuhr er fort: Bei Kindern und bei Greisen – das Kind sei zu Jung, um mit dem Tod zu Tanzen, der Greis zu alt.

Leiden oder sterben dürfen

Die Atmosphäre für eine Debatte war nun geschaffen. Links nahm Marion Schafroth, Vorstandsmitglied von Exit, platz, rechts Manuel Jungi, der die Palliativstation des Kantonsspitals Olten leitet. Dann aber die Ernüchterung: Der Moderator meinte, es gehe in der Diskussion nicht um ein Pro und Kontra. Exit und Palliative Care seien nicht völlig gegensätzlich. Vielmehr wünsche er sich einen Dialog. Würden also die argumentativen Klingen heute nicht gekreuzt? Nicht ganz.

Schafroth sagte, sie wolle nicht missionieren für den begleiteten Suizid. Aber: Dass jemand seinen Tod selbst bestimmen könne, sei wichtig. Insbesondere, wenn die Mittel der Palliativmedizin ausgeschöpft seien. Würde ein Patient nur noch leiden, spreche nichts gegen den Freitod. Jungi nahm sich denn auch nicht als prinzipieller Gegner davon aus. «Es geht mir nicht darum, Exit totzuschweigen», sagte er. Auf seiner Station habe es einmal einen Patienten gegeben, der unbedingt zu Exit gehen wollte. Allerdings sei dieser dann noch vor dem vereinbarten Termin verstorben.

Wie aber steht Jungi denn persönlich zu Exit? «Ich bin kein Fan davon», sagte er. Aber es bringe nichts, die Sterbehilfe zu verteufeln. Und: Er wolle sich ja nicht mit Frau Schafroth duellieren. Diese hofft denn auch, dass sich die beiden Ansätze irgendwann vereinen lassen. «Es wäre schön, wenn wir unseren Dienst irgendwann in einem Spital anbieten können», sagte sie. «Patienten, die Sterbehilfe einfordern, sollten vorher wie alle unheilbaren Patienten auch palliativ betreut worden sein», sagte Monteverde.

«Und davon machen noch zu wenige Menschen Gebrauch», warf Jungi ein. 80 Prozent der Patienten sterben heute nicht in palliativer Behandlung. Dass sich dies ändern soll, darin sind sich die drei einig. Es geht also nicht allein darum, den richtigen Todeszeitpunkt zu finden, sondern dass der letzte Akt geplant und möglichst schmerzfrei über die Bühne geht.