Herkunft
An der Herren- oder Bauernfasnacht? Wo der Hund begraben liegt

Wo findet eigentlich die richtige Fasnacht statt? In Solothurn, in Basel oder vielleicht gar in Bern? Eine Spurensuche.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Nichts ist so schön wie die Solothurner Chesslete am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstags.

Nichts ist so schön wie die Solothurner Chesslete am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstags.

Hansjörg Sahli

Wie wird eigentlich die Fasnachtszeit berechnet? Ganz einfach: Man rechnet rückwärts. Am Ende der Woche nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang (21. März) ist Ostersonntag; der Sonntag vor Ostern ist demnach der Palmsonntag. Ab Palmsonntag werden rückwärts 40 Tage Fastenzeit gezählt; so kommt man zum Aschermittwoch. Demnach startet die jeweilige Fasnacht mit dem Schmutzigen Donnerstag vor Aschermittwoch – im Kanton Solothurn jedenfalls.

Was trägt man am besten unter dem Fasnachtskostüm?

Je nach Anlass und Witterung lässt sich diese Frage unterschiedlich beantworten. Anlässlich der Chesslete oder bei den Umzügen empfiehlt es sich für Beteiligte und Zuschauer ganz einfach, sich in die Skibekleidung zu stürzen. Wem das zu dick und zu umständlich ist oder wer ein eng anliegendes Fasnachtskostüm trägt, dem sei die klassische Wärmeunterwäsche empfohlen – lange Unterhosen, Unterhemd, am besten mit Armen. Doch Achtung: wer immer wieder mal einen Halt in einer Beiz macht, der soll sich besser nicht allzu dick einpacken, denn in den Beizen geht es in der Regel heiss zu und her – im wahrsten Sinn des Wortes. Man hilft sich dann halt lieber mit einer warmen Mehlsuppe oder sonst einem wärmenden Getränk über die Runden. Eine gute Wahl ist sicher immer eine winddichte Jacke. Besonders wichtig sind wasserabweisende Schuhe, die für warme Füsse sorgen. Hier besser keinen falschen Style-Ehrgeiz entwickeln, denn wer schaut im Kostüm schon auf die Schuhbekleidung. Viele Fasnächtler schwören auf ihre Holzschuhe, was sicher ein guter Tipp ist, wenn man denn solche hat. Ansonsten tun es auch gute, noch intakte Winterschuhe. Im Sportgeschäft gibt es heute auch Skisocken, die sich mittels speziellen Fasern oder via Akku aufwärmen lassen, zu kaufen. Eine andere Lösung wäre, sich gleich als Michelin-Männchen oder Obelix zu verkleiden. So behält man seine Körperwärme sicher. Noch ein Solothurn-spezifischer Tipp: Beim Zapfenstreich ist Striptease angesagt – je weniger Kleidung, je besser kann gehüpft werden. (frb)

Doch es gibt auch noch Orte, in denen die «Bauernfasnacht» oder die «alte Fasnacht» gefeiert wird. In Basel beispielsweise startet sie mit dem Morgestraich, am Montag nach Aschermittwoch. Und das hat folgenden Grund: Im Konzil von Benevent 1091 wurde beschlossen, dass das Fasten an den Sonntagen jeweils zu unterbrechen sei. Das führte dazu, dass nun eine neue Fasnacht, auch Herrenfasnacht genannt, sechs Tage vor dem Aschermittwoch beginnen musste, damit dann ebenfalls die vierzig Tage bis zu Ostern zum Fasten blieben. Die Bauernfasnacht ist demnach die «alte Fasnacht», mit den Fastentagen inklusive Sonntage. Der Spruch, «du chunnsch hingedri wie die alti Fasnacht» lässt sich so erklären.

Im Kanton Bern ist man diplomatisch, denn man legt dort die Fasnacht gleich zwischen diese beiden Fasnachten. Gleich nach dem Aschermittwoch fängt im Bernischen die Fasnacht an. Wer nun aber glaubt, insbesondere die Stadtberner Fasnacht sei eine neuzeitliche Erfindung, täuscht sich gewaltig.

Die bösen und gfürchigen Buben aus dem Lötschental

Eine besondere Stellung in den schweizerischen Fasnachtsbräuchen kommt bestimmt der Lötschentaler Tschäggättä zu. Bereits ab Anfang Februar, nämlich an Mariä Lichtmess, ist es in den Lötschentaler Dörfern erlaubt, jeweils bei Anbruch der Dunkelheit im Tschäggättä-Kostüm unterwegs zu sein. Traditionell wurden die Kostüme, zu denen die typisch-gfürchigen Larven aus Arvenholz gehören, nur von ledigen jungen Männern getragen. Die ursprüngliche Tschäggättä-Verkleidung besteht aus Tierfellen, die den ganzen Körper verhüllen müssen und dabei den entsprechenden Geruch verbreiten. Wichtig sind auch die speziellen handgemachten Wollhandschuhe und ein langer Stock, der mit Glocken oder lärmenden Gegenständen bestückt ist, sowie der «Puggl», eine Polsterung der Schulterpartie, welche die Gestalt noch wilder aussehen lässt. In diesem Aufzug «überfallen» die Tschäggättä der vier Lötschentaler Orte ihre jeweiligen Nachbarorte. Sie erschrecken die Bewohner und reiben sie mit Schnee ein. Früher verpönt, heute jedoch ein Touristenmagnet ist der Tschäggättä-Umzug am «Feistä Frontag» (Schmutziger Donnerstag) von Blatten nach Ferden. Man vermutet, dass der Brauch an die wilden Gestalten der «Schurten», die ersten alemannischen Siedler im Wallis, erinnern soll. (frb)

Das älteste Berner Fasnachtsgeschehen ist aus dem Jahr 1416 verbrieft. Damals schritt die Obrigkeit gegen das sogenannte «Fleischbetteln» vermummter Handwerksgesellen und Spielleute sowie gegen das Verkleiden ein. Ab 1461 ist überliefert, dass Abordnungen der Eidgenossen aus Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern sowie einflussreiche Bürger aus Solothurn und Freiburg zum Mitfeiern nach Bern kamen. 1506 wurden Zürcher und Basler eingeladen. Die Berner hingegen besuchten die Fasnacht in Luzern, Schwyz und Unterwalden. Dieses gegenseitige Einladen zeigt, dass es sich bei der Berner Fasnacht um ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis gehandelt haben muss.

Im Zuge der Reformation wuchs der Widerstand gegen die Fasnacht, denn die Reformatoren erachteten dieses Treiben als heidnisch, papistisch und vor allem unsittlich. An der Fasnacht wiegelten sich auch die Anhänger der beiden Konfessionen gegeneinander auf. In Bern wurde 1521 bei einem Umzug der Papst und der Kaiser derart verspottet, dass der Sittener Kardinal Matthäus Schiner den Bernern mit göttlicher Strafe drohte. Immer bissiger wurden auch die damals beliebten Fasnachtsspiele, in denen der Papst und der Ablasshandel massiv verspottet wurden. Um diese Umtriebe einzustellen und die Ruhe in der Stadt zu wahren, wurde 1524 die Fasnacht schliesslich ganz verboten. 1528 wurde dann die Reformation eingeführt.

In den 1970er-Jahren wurden Anstrengungen unternommen, in Bern die Fasnacht wieder einzuführen. 1982 wurde der Verein Bärner Fasnacht ins Leben gerufen, der heute für die Stadt-Berner Fasnacht verantwortlich ist. 2007 wurde dem Verein der Kulturpreis der Stadt Bern zuerkannt. Doch in welcher Stadt oder Region nun die einzig wahre Fasnacht durchgeführt wird, darüber lässt sich genüsslich streiten.