Amtsgericht
«Weder wirtschaftlich noch sozial richtig integriert»: Messerstecher vom Bahnhof Olten muss das Land verlassen

Das Amtsgericht Olten-Gösgen spricht einen 25-jährigen Kosovaren der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig. Zum Urteil gehört nebst der achtjährigen Freiheitsstrafe auch der Landesverweis.

Philipp Kissling
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In der Martin-Disteli-Unterführung stach der damals 22-Jährige neunmal auf das Opfer ein.

In der Martin-Disteli-Unterführung stach der damals 22-Jährige neunmal auf das Opfer ein.

Bruno Kissling

Schuldig wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und deshalb acht Jahre Freiheitsstrafe sowie zehn Jahre Landesverweis. Dieses Urteil musste der 25-jährige Meriton (alle Namen von der Redaktion geändert) vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen entgegennehmen. Der heute 25-Jährige hatte am 21. April 2018 in der Martin-Disteli-Unterführung im Bahnhof Olten den Passanten Konrad mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. In der Hauptverhandlung hatte die Staatsanwaltschaft 13 Jahre Gefängnis gefordert.

Der Beschuldigte muss dem Opfer zudem Schadenersatz und Genugtuung in der Höhe von 30'000 Franken bezahlen und 90 Prozent der Verfahrenskosten von gut 28'000 Franken übernehmen.

Video lässt keinen Zweifel zu

Selten sei eine Tat derart gut mit Videobildern dokumentiert wie diese, meinte Amtsgerichtspräsident Valentin Walter anlässlich der mündlichen Urteilseröffnung. Das Video zeige klar, dass Meriton nach einem verbalen Vorgeplänkel auf Konrad zugegangen sei und ihn mit beiden Händen geschubst habe. Worauf Überraschendes passierte: Konrad ging seinerseits auf Meriton los und schlug zu, rang ihn nieder und hielt ihn zunächst fest.

Danach liess Konrad vom unterlegenen Meriton ab, worauf die Angelegenheit eskalierte, als der sich aufrappelnde Meriton plötzlich sein Klappmesser zückte. Mit der neun Zentimeter langen Klinge stach er Konrad mehrmals in die Bauchgegend und verletzte ihn lebensgefährlich.

«Aufgrund der Videobilder gehen wir klar davon aus, dass der Vorsatz gegeben ist, man kann zu keinem anderen Schluss kommen»,

führte Walter aus. Als Motiv nannte er die Demütigung, die Meriton durch die vorangegangene verbale Zurechtweisung und den Angriff von Konrad empfunden haben musste.

Der Amtsgerichtspräsident gab einen Einblick in die Überlegungen, die er und die zwei Amtsrichterinnen bei der Festlegung des Strafmasses anstellten. Dass die Tat keine geplante gewesen war, sondern spontan erfolgte, spielte ebenso eine Rolle wie die 1,97 Promille Alkohol, die Meriton intus hatte. Zudem bescheinigte ein Gutachter dem Beschuldigten eine verminderte Schuldfähigkeit wegen persönlichkeitsbedingt erhöhter Gewaltbereitschaft. Strafverschärfend wirkten sich unter anderem die Vorstrafen aus – strafmildernd die aufrichtige Reue, die das Gericht feststellte.

Weder wirtschaftlich und sozial integriert

Ausländische Staatsangehörige, die kriminell werden, müssen die Schweiz verlassen, so will es das Gesetz. Ausnahmen sind in Härtefällen möglich. Meriton ist kein Härtefall, sagt das Amtsgericht, obwohl er hier aufwuchs, sein Kind sowie die Eltern und Geschwister hier leben und er an der Krankheit Multiple Sklerose leidet. Die Ausweisung in sein Heimatland Kosovo könne ihm zugemutet werden, zumal er mit einem Delikt gegen Leib und Leben eine schwerwiegende Tat begangen habe, die Beziehung zu seinem Kind keineswegs eng und das Verhältnis zu seiner Familie belastet sei.

Meritons deliktische Vorgeschichte fülle ein ganzes Buch und «man muss sehen, dass er weder wirtschaftlich noch sozial richtig integriert» sei, so das Gericht. Alles in allem überwiege in der Frage des Landesverweises das öffentliche Interesse dasjenige des Beschuldigten.

Meriton lauschte der rund 45-minütigen mündlichen Urteilseröffnung aufmerksam, die Hände ineinandergelegt und aufrecht sitzend. Die acht Jahre Freiheitsstrafe bedeuten, dass er, der seit knapp dreieinhalb Jahren (Untersuchungshaft und vorzeitiger Strafvollzug) einsitzt, noch lange hinter Gitter bleibt.

Ob ihn das Strafmass schockiert, war ihm nicht anzumerken. Nur beim Verdikt, wonach er die Schweiz, in der er sein ganzes Leben verbrachte, wird verlassen müssen, liess er einen Blick in sein Innenleben zu, indem er die Brille von der Nase nahm und sich ausgiebig die Augen rieb. Gut möglich, dass erst der Landesverweis Meriton vor Augen führte, dass die Zukunftsperspektiven für ihn auf längere Sicht ungünstig bleiben.

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