Amtsgericht
Tödlicher Messerstich: Geschah Bluttat von Derendingen in Notwehr oder Notwehrexzess?

Am Donnerstag musste sich die Frau vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt verantworten, die 2018 ihren Lebenspartner zuhause in Derendingen erstochen hatte. Grund für den Streit: Eine Affäre.

Ornella Miller
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Am 8. Dezember 2018 erstach C. Eng* in Derendingen ihren Lebenspartner T. Beck* in der gemeinsamen Wohnung. Die von der Frau alarmierten Rettungskräfte konnten den Mann nicht wiederbeleben, er verstarb vor Ort. Die rund 59-jährige ehemalige Spitex-Pflegerin stand am Donnerstag vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt wegen vorsätzlicher Tötung.

Die beiden etwa gleichaltrigen Schweizer kannten sich seit 1995 und spannten sich quasi gegenseitig ihre Ehepartner aus, nachdem er ihr nach einem Unfall Engs beigestanden hatte.

Doch im Sommer 2017 flog eine Affäre Becks mit Lori* auf, einer Arbeitskollegin von ihm, als sie in den Ferien mit Herzen und Küsschen bestückte WhatsApp-Nachrichten auf seinem Handy entdeckte. Zur Rede gestellt, gab er an, Lori sei an ihm interessiert, er aber nicht an ihr.

Immer wieder Streit wegen «Lori»

Aber Eng rief noch aus den Ferien Loris Mann an und klärte ihn auf. Das machte Beck so wütend, dass er sie heftig biss und schlug, sie musste zum Arzt. Das gegenseitige Vertrauen war dahin. Eng habe sich zum «Kontrollfreak» entwickelt, wie sie es selber ausdrückte. Sie observierte ihn, fuhr in Mittagspausen nach Grenchen, wo er arbeitete.

Im Sommer 2017 ertappte sie ihn mit Lori bei «Freiluftsex an der Aare», so Staatsanwalt Martin Schneider. Beck sei zwar Engs «Liebe des Lebens» gewesen, sie hätten viele gemeinsame Hobbys gepflegt, gab sie Auskunft. Doch er sei oft alkoholisiert wütend geworden, habe auch die Einrichtung demoliert. Während sie über Probleme stets sofort reden wollte, wich er ihnen aus. Als Eng davon sprach, ihn zu verlassen, hielt er sie zurück und sagte, er liebe nur sie. Eine Paartherapie verbesserte die Beziehung etwas. Er habe gegen aussen die kriselnde Beziehung nicht zugeben wollen.

Am Vorabend der Tat wollte Beck zu einem Weihnachtstreffen mit Arbeitskollegen nach Bern. Als sie ansprach, ob Lori auch mitkäme, winkte er ab. Doch sie war nicht beruhigt, sondern fuhr in Richtung Lori, um zu sehen, ob die auch fortging. So kam es, dass sie mitansah, wie er in Biberist aus dem Zug und zu Lori und einem Kollegen ins Auto stieg. Sie ging hin, klopfte an die Scheibe. Beck stieg aus, verzichtete nach Bern zu gehen, obwohl er sich seit langem darauf gefreut hatte. Als Eng wieder zu Hause war, hatte er sich ins Büro eingesperrt, laute Musik vereitelte ein Gespräch.

Er zielte mit Pistole auf ihre Brust

Am nächsten Morgen kam es zum Streit in der Küche, als sie Erklärungen von ihm wollte. Er sprach davon, sich zu erschiessen. Sie sagte, dass er das nicht könne, weil sie seine Pistole versteckt habe.

Er wurde so wütend und sagte, er zerschlage das ganze Haus bis er sie gefunden habe. Sie habe einerseits Angst um ihn gehabt, andererseits Angst vor seiner Gewalt, «Angst wie noch nie zuvor im Leben». Sie sei in die Küche gegangen, habe die Pistole aus dem Versteck geholt, zugleich aber mit der rechten Hand ein grosses Küchenmesser, das sie hinter ihrem Rücken versteckt habe. Sie sei zu ihm gegangen und habe ihm die Pistole gegeben. Die habe er an ihre Brust gedrückt: «Wie füelt sich das a? Ig würd gschider di erschiesse.» Sie wehrte mit der linken Hand die Pistole ab. Dass sie das Messer in ihn stach, war aus ihrer Erinnerung ausgeblendet, obwohl sie es nicht abstritt.

Notwehr - oder Notwehrexzess?

Staatsanwalt Martin Schneider meinte, ein erlittenes Trauma erkläre dies. Seine Sicht deckte sich meist mit jener der Verteidigerin Eveline Roos. Jedoch sei Roos zufolge nur ein einziger Stich erfolgt. Und es sei eine «gerechtfertigte Notwehr», das Messer habe sie «reflexartig aufgrund grosser Anspannung» ergriffen.

Schneider sagte, es sei übertriebene Notwehr, ein «Notwehrexzess», der zudem nicht entschuldigt werden könne, weil sie die Situation selber ermöglicht habe, indem sie ihm die Pistole gab. Roos forderte Freispruch und Genugtuung für die achtwöchige U-Haft. Der Staatsanwalt ging unter das Mindeststrafmass von 5 Jahren, er sprach sich für 36 Monate teilbedingte Haft aus, davon 26 bedingt, der Rest in Halbgefangenschaft.

Eng lebt nun weiter entfernt, arbeitet im Pflegebereich. Sie sprach am Prozess ausführlich, weinte oft. Sie entschuldigte sich bei den Hinterbliebenen, wünschte ihnen «viel Kraft».

Das Urteil wird am Freitagnachmittag mündlich eröffnet.

*Namen geändert