Amtsgericht Olten-Gösgen
Gewaltausbrüche, Knochenbrüche, demolierte Gefängniszellen – Angeklagter hält sich für unschuldig

In Olten steht ein heute 33-jähriger Tunesier vor Gericht, der die Schweiz eigentlich schon 2014 hätte verlassen müssen. Ihm wird vorgeworfen, seine Frau schwer verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft fordert fünfeinhalb Jahre Gefängnis.

Philipp KIssling
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Das Richteramt in Olten.

Das Richteramt in Olten.

Bruno Kissling

Zu dem Verfahren gegen Mehdi* hätte es gar nicht kommen dürfen. Der heute 33-jährige Tunesier war mit dem Asylantrag gescheitert und hätte die Schweiz bis am 12. Dezember 2014 verlassen müssen. Die Flüge waren gebucht, er und seine Familie traten sie aber nicht an und hielten sich fortan illegal hier auf. Irgendwann scheint Mehdi eine Laufbahn als Krimineller eingeschlagen zu haben. Der Hauptanklagepunkt betrifft versuchte schwere Körperverletzung.

Mehdi wird vorgeworfen, am 14. Februar 2018 in der Asylunterkunft seine Frau Jenna* angegriffen und schwer verletzt zu haben. An besagtem Morgen soll der ausgesperrte Mehdi die verschlossene Zimmertür gewaltsam aufgewuchtet haben. Die dahinterstehende Frau wurde von der Tür getroffen und trug Knochenbrüche im Gesicht davon. Anschliessend soll Mehdi mit Fäusten und Füssen auf Jenna eingeprügelt und ihr Quetschungen, Schürfwunden und Prellungen am ganzen Körper zugefügt haben. Ausserdem beklagte die Geschädigte einen abgebrochenen Zahn.

Ebenfalls schwer wiegt der Vorhalt, am 15. Juli 2018 im «Manhattan» an der Oltner Mühlegasse in Mittäterschaft die Kosovarin Edita* angegriffen zu haben. Mehdi soll der Frau das Knie in das Gesicht gedrückt und ihr den Unterkiefer zweifach gebrochen haben. In der Anklageschrift sind weitere Delikte, die Tätlichkeiten betreffen, und Sachbeschädigungen aufgeführt. Unter anderem demolierte er zweimal eine Gefängniszelle, einmal im Untersuchungsgefängnis Olten und einmal im UG Solothurn.

Mehdi hält sich grösstenteils für unschuldig. Der Zusammenprall seiner Frau mit der Zimmertür sei ein Unfall gewesen und geschlagen habe er sie nicht. Im «Manhattan» sei er gewesen, aber er habe nichts mit der Tat zu tun. Anders sieht es die Staatsanwaltschaft, die fünfeinhalb Jahre Gefängnis sowie einen Landesverweis von zwölf Jahren beantragt.

Vorwürfe an Staatsanwaltschaft und Gericht

Verteidiger Christian Habegger fordert in den wesentlichen Punkten einen Freispruch. Vorwürfe an Gericht und Staatsanwaltschaft Habegger sparte nicht mit Kritik am Gericht und an der Staatsanwaltschaft. Eine vorgängig von Staatsanwalt Jan Lindenpütz geäusserte Ergänzung zum Strafbestand kommentierte Habegger so: «Erst macht man monatelang gar nichts und dann kommt man mit neuen Anklagepunkten an die Hauptverhandlung.»

Dem Amtsgericht unter dem Vorsitz von Präsidentin Eva Berset unterstellte er Versäumnisse im Beweisverfahren, wonach vorgängig «null Konfrontationen» stattgefunden hätten. Mit Blick auf die lange Liste der vorgeladenen Zeugen meinte Habegger: «Was Sie da machen, ist der Versuch, eine absolut verunglückte Untersuchung in der Hauptverhandlung zu retten.»

Das Beweisverfahren war geprägt von der Einvernahme des Beschuldigten. Mehdi holte oft zu wortreichen, teilweise emotional gestalteten Erzählungen aus. Die Amtsgerichtspräsidentin wies ihn mehrmals darauf hin, beim Sachverhalt zu bleiben. Insbesondere arbeitete sich Mehdi am «System» ab, an den Methoden der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Hellhörig wurden die Anwesenden im Gerichtssaal, als Mehdi offenbarte, dass er stets in Isolationshaft gehalten werde und man ihn «wie einen Hund» behandle. Unter anderem habe man ihn für 14 Tage in den «Bunker» gesteckt, mit nichts als einer «papierigen Unterhose» bekleidet.

Zeugin bekam Schweigegeld geboten

Unterstützung erhielt Mehdi von seiner Ehefrau. Im Zeugenstand versicherte sie, dass sie ihr Mann noch nie geschlagen habe. Die Geschädigte aus dem «Manhattan» hingegen blieb bei ihrer Version, Mehdi sei es gewesen, der ihr den Unterkiefer gebrochen habe. Die Frau sagte aus, dass ihr Geld für den Rückzug der Anzeige geboten worden war, sie darauf aber verzichtet hätte. «Da sollte man schon vorher studieren, bevor man etwas macht.» Nach der zweitägigen Hauptverhandlung plante das Amtsgericht eine drei Tage dauernde Beratung ein. Das Urteil wird den Parteien telefonisch eröffnet.

*Namen geändert

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