Trimbach
Schwere Vorwürfe, aber kaum Beweise: Hat der 60-Jährige seine Nachbarin vergewaltigt?

Vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen wurde am Donnerstag ein Fall verhandelt, bei dem es keine Zeugen und nur wenig Beweise gibt. 60-jährigem Türken wird versuchte Vergewaltigung vorgeworfen.

Philipp Kissling
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Pixabay

Melike* sagt, Rafet* habe sie gebeten, ihm beim Wechseln der Bettwäsche zu helfen. Rafet sagt, Melike habe ihm Leintücher verkaufen wollen, also hätten sie die Masse aufnehmen wollen. So oder so begaben die beiden sich ins Schlafzimmer. Rafet sagt, sie seien nach der Vermessung ins Wohnzimmer zurückgegangen, hätten sich auf das Sofa gesetzt und er habe ihr einen weiteren, von ihr gewünschten Kafi gereicht.

Melike sagt, Rafet habe sie im Schlafzimmer auf das Bett geschubst, ihr an die Brüste gefasst und versucht, ihr die Hose auszuziehen. «Er hat versucht, mich zu vergewaltigen, aber ich wehrte mich mit Händen und Füssen und stiess ihn weg.» Sie sagt, dass er von ihr abgelassen habe und sie auf den Balkon hinausgetreten sei, um eine Zigarette zu rauchen.

Danach habe sie sich im Wohnzimmer auf das Sofa gesetzt, worauf er sie abermals bedrängt, ihr an die Brüste gefasst und versucht habe, ihre Hose auszuziehen. Er habe sich an ihr gerieben, anzügliche Bewegungen vollzogen und seinen erigierten Penis ausgepackt.

Melike sagt, nach Abwehrversuchen habe er von ihr abgelassen, worauf sie die Wohnung verlassen habe. Rafet sagt, Dinge solcher Art seien nie passiert, sondern entsprängen ihrer Fantasie. Vielmehr habe er ihr mitgeteilt, dass sie ihn nicht mehr besuchen solle. Daraufhin habe Melike angefangen zu heulen und sei gegangen.

Unterschiedlicher können Positionen kaum sein. Eine Knacknuss für das Amtsgericht Olten-Gösgen, das sich an der gestrigen Hauptverhandlung die beiden Versionen ausführlich hat schildern lassen.

Das Wort Knacknuss wird der Ernsthaftigkeit der Sache allerdings nicht gerecht, denn für Rafet geht es um alles. Die Staatsanwaltschaft will ihn wegen versuchter Vergewaltigung zu 31 Monaten Freiheitsstrafe (davon 19 Monate bedingt) verurteilen und für sechs Jahre des Landes verweisen; die Verfahrenskosten soll er auch übernehmen.

Opfer ist glaubwürdig, sagt die Staatsanwaltschaft

Nur Melike und Rafet wissen, was an dem frühen Abend des 21. Juni 2019 geschah. Als Beweismittel dienten die Aussagen der Beteiligten in den Einvernahmen, erläuterte die Staatsanwältin Carmen Elmiger in ihrem Plädoyer, folglich sei die Glaubwürdigkeit zentral. Melikes Aussagen wiesen logische Konsistenz auf und sie habe wiederholt detailreich und widerspruchsfrei die Sachlage geschildert.

Demgegenüber spricht die Staatsanwältin dem Beschuldigten die Glaubwürdigkeit ab, unter anderem weil sich seine Aussagen im Verfahren verändert hätten. Rafet habe Gewalt angewendet, und nur unter Zuhilfenahme von Händen und Füssen habe das Opfer den Angreifer abwehren können, ansonsten wäre es wohl schon im Schlafzimmer zum Beischlaf gekommen, führte Elmiger aus.

Gesichert ist, dass der 60-jährige Rafet und die geschätzt gleichaltrige Melike sich kannten und in Trimbach in Nachbarschaft wohnten. Beide sind türkische Staatsangehörige und beziehen Sozialhilfe. Rafet, so rechnete die Staatsanwältin vor, habe seit seiner Ankunft in der Schweiz im Jahr 2002 gesamthaft 302’035,35 Franken bezogen.

In den Wochen und Monaten vor dem 21. Juni 2019 trafen Melike und Rafet sich oft zum Kaffeetrinken, manchmal bei ihm in der Wohnung, und sie gingen sogar gemeinsam in die Badi. Melike sagt, er habe eine Beziehung zu ihr gewollt und sie verschiedentlich bedrängt. Rafet sagt, sie habe ihm ständig etwas verkaufen wollen, Leintücher, einen Fernseher oder einen PC, gingen sie auswärts einen Kaffee trinken, habe er immer bezahlt. Oft hätten sie Auseinandersetzungen gehabt, auch wegen religiösen Dingen.

SMS und Rückenmassagen

Vor dem Amtsgericht ein Thema waren Textnachrichten, die sich Merike und Rafet nach dem mutmasslich verhängnisvollen Abend geschickt hatten. Die Staatsanwaltschaft stuft die SMS als für Rafet belastend ein, während die Gegenseite keinen Erkenntnisgewinn sieht. Die Formulierungen zeigten einzig, dass sowohl Merike als auch Rafet grosse Mühe hätten, sich auszudrücken, stellte Verteidiger Dominik Schnyder in seinem Plädoyer fest.

Die Aussagen seines Mandanten bezeichnete Schnyder als «absolut glaubwürdig», Rafet bestreite nicht, dass Melike bei ihm daheim gewesen sei, «dass sie miteinander bekannt waren und man sich gegenseitig den Rücken massierte». Ihre Version allerdings, meinte Schnyder, sei «total unwahrscheinlich und nicht nachvollziehbar». Der Rechtsanwalt bezeichnete das Verhalten des Opfers als «zumindest problematisch» mit Blick auf die Tatsache, dass Melike nach dem ersten Angriff nicht etwa die Flucht ergriffen, sondern zum Rauchen auf den Balkon gegangen sei und danach im Wohnzimmer auf dem Sofa Platz genommen habe.

Das Urteil in dem Fall wird schriftlich bekannt gegeben.

* Name geändert

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