«Alles Walzer» hiess es am Donnerstagabend nicht nur für die rund 6000 Tanz- und Ballbegeisterten am Wiener Opernball in der Wiener Staatsoper. «Alles Walzer» hiess es auch für den Dirigenten Andreas Spörri (60), der zum zehnten Mal die Walzer-Musik dieses Abends dirigierte.

Wer hätte gedacht, dass dieser wohl österreichischste Anlass – neben dem Neujahrskonzert – schon so lange von einem Schweizer dirigiert wird? Von Spörri, dem gebürtigen Aargauer, der im Schwarzbubenland in Hochwald lebt, wird an diesem Anlass eine marathonähnliche Leistung erwartet, dirigiert er doch jeweils von Donnerstag, 22 Uhr bis in den frühen Freitagmorgen, 5 Uhr unterbrochen nur von wenigen Pausen.

So sagte der Dirigent am Freitag Nachmittag am Telefon: «Ich bin noch etwas müde. Doch dieser Opernball war sehr eindrücklich für mich, denn es wurde gleich ein doppeltes Jubiläum gefeiert – 150 Jahre Wiener Staatsoper, 10 Jahre Dirigent Spörri am Opernball.» Spörri berichtete weiter, dass er gestern Freitag um sieben Uhr morgens ins Bett gekommen sei. Dann schilderte er, wie der Opernball 2019 aus seiner Sicht ablief. «Um punkt 22 Uhr startete der Ball mit der österreichischen Nationalhymne.

Alles folgt einem bestimmten Ritual. Nach Debütanten-Einzug, Ballett, Auftritten von Anna Netrebko und ihrem Ehemann Yusif Eyvazov gab es den Debütantentanz mit dem Links-Walzer.» Danach spielte Spörri mit seinem 45-köpfigen Wiener Opernball Orchester, welches in der Kaiserloge untergebracht ist, eine erste Abteilung von eineinhalb Stunden Dauer. Es folgt eine 30-minütige Pause, in der eine Big-band Tanzmusik macht. «So geht es dann im Wechsel – eine Stunde Orchester, eine halbe Stunde Bigband – bis morgens um Fünf Uhr.»

Anna Netrebko singt am Wiener Opernball 2019 – das Orchester wird dirigiert von Andreas Spörri

Insgesamt 40 Strauss-Stücke hat Spörri den ganzen Ball hindurch dirigiert. «Die Abfolge wird durch unsere Konzertmappe bestimmt. Ich muss darauf achten, dass die Stücke minütlich passen, und dass bei aller Routine doch die Konzentration der Musiker und mir die gesamte Zeit hoch bleibt.» Mit den Jahren habe er aber gelernt, seine Kräfte einzuteilen. «Es ist vorwiegend eine Kopfsache», sagt er über dieses anstrengende Engagement. «Am schönsten ist es, wenn die Tanzfläche voll ist und sich alle Gäste, von der Debütantin bis zum Generaldirektor, im Walzertakt bewegen», schwärmt Spörri.

Die österreichische Seele

Spörri kennt die österreichische Musikerseele wie kein Zweiter. Er schloss sein Musikstudium an den Hochschulen in Basel und Wien ab. Studien als Dirigent führten ihn zum Schönberg-Schüler Erich Schmid und nach Wien. Seit dieser Zeit liebt er die Musik der Strauss-Dynastie. Gerne hebt der Dirigent den sinfonischen Charakter hervor, den diese Musik in sich birgt. Empathie ist das Zauberwort: Sich zwischen den Noten in die Musik hineinfühlen können, das will er. Ungewöhnliche Engagements prägten Spörris Karriere schon immer. Er dirigierte unter anderem das Hermitage Symphony Orchestra in St. Petersburg kurz nach dem Mauerfall, war ab 2006 Gastdirigent des Cairo Symphony Orchestra und dirigierte auch in Québec und Montreal.

Neben seinem klassisch-romantischen Repertoire beschäftigt sich der Dirigent seit 20 Jahren immer wieder auch mit Werken der Strauss-Dynastie. Vor allem bewundert Spörri Johann Strauss Junior. Fast 600 Werke hat der Wiener geschaffen; der Fundus an Melodien ist schier unerschöpflich. Vor allem Strauss’ Walzer sind für den Dirigenten Spörri eine gestalterische Herausforderung: Wo verzögern, wo beschleunigen? Diese Hingabe Spörris zur Wiener Musik weckte 2003 auch das Interesse des Wiener Opernball Orchesters. Dieses führt seither mit ihm die «Konzerte zum Neuen Jahr» und die «Wiener Sommer Gala» im KKL Luzern auf. 2010 dirigierte er zum ersten Mal mit diesem Orchester den Wiener Opernball – und das soll auch noch eine Zeit lang so bleiben, wenn es nach Spörri geht.

Classionata Solothurn

Heute Samstag reist Spörri wieder nach Hause und dann wartet auf ihn schon die nächste Herausforderung: Die Classionata Solothurn, das Musikfestival mit der Operette «Die Fledermaus», und einem Sinfoniekonzert mit Cellist Ivan Monighetti, welches vom 3. bis 7. April zum ersten Mal in Solothurn durchgeführt wird. Andreas Spörri ist Classionata-Gründer, Intendant und Dirigent. Gelegenheit also, Spörris Einfühlungsvermögen für Wiener Musik live mitzuerleben.