Seit 20 Jahren wird der Zugvogeltag durchgeführt. Dieses Jahr ist es am kommenden Wochenende wieder so weit. Dabei fällt auf, dass aus dem Kanton Solothurn die meisten Vogelschutz-Vereine in der ganzen Schweiz mitmachen. Wie erklären Sie sich diese Solothurner Dominanz?

Thomas Lüthi:Im Kanton Solothurn gab es seit Lancierung des Birdwatch-Tages immer eine grosse Beteiligung. Dieses Jahr machen rund die Hälfte der 43 Solothurner Vogelschutz-Vereine an 16 Orten mit. Einen Grund für diese Konzentration in unserem Kanton kann ich eigentlich nicht nennen. Wir wurden auch schon von unserem Dachverband Schweizer Vogelschutz SVS Birdlife Schweiz angefragt, wo unser Erfolgsgeheimnis liegt. Im Verbands-Protokoll ist nachzulesen: «Das sagen wir nicht». Doch Spass beiseite: Ich denke, dass ein grosser Teil einer Art Ansteckungseffekt zuzuschreiben ist. Es gehört heute zum guten Ton eines Solothurner Vogelschutzvereins, beim EuroBirdwatch-Tag mitzumachen. Und dann hat uns sicher das mediale Interesse an diesem Anlass auch geholfen.

Worum geht es denn eigentlich an diesem Tag respektive Wochenende?

Das Beobachten der Zugvögel hat für uns an diesem Tag eher zweite Priorität. Es geht primär darum, auf unsere Aktivitäten aufmerksam zu machen und der Bevölkerung den Vogelschutz, besonders auch jener der Zugvögel, näherzubringen. Für die Vereine selbst ist auch das Beisammensein mit anderen Vogel- und Naturschützern wichtig. Das alles steht vor dem wissenschaftlichen Monitoring. Jedoch – zusammen mit unseren Langzeitbeobachtungen geben die Resultate dieses Anlasses auch einen generellen Eindruck der Situation unserer Zugvögel.

Der EuroBirdwatch-Tag wird seit 20 Jahren durchgeführt. Können Sie während dieser Zeit von Veränderungen in der Vogelwelt berichten?

Grundsätzlich halten wir fest: Kurzstreckenzieher fliegen bis zur Sahara, Langstreckenzieher darüber hinaus. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Vogelwelt die Veränderungen in unserer Umwelt nicht oder nur schlecht verträgt. Nun gibt es aber Arten, deren Genetik mitspielt; sie können sich den veränderten Bedingungen besser anpassen. Beobachtungen zeigen, dass dies eher bei den Kurzstreckenziehern der Fall ist. Der Klimawandel bewirkt, dass die Zugvögel länger bei uns bleiben und früher zurückkehren. Wir beobachten, dass die Langstreckenzieher eher Mühe mit den veränderten klimatischen Bedingungen haben. Dabei geht es um Probleme der Revieraufteilung und damit Brutpflege, der Nahrung, aber auch andere Gefahren. Zum Beispiel die intensive landwirtschaftliche Nutzung des Bodens, aber auch die Vogeljagd in den südlichen Ländern.

Vogeljagd? Das ist doch in Europa verboten?

In vielen europäischen Ländern ist die Vogeljagd auf gefährdete Arten verboten. Im Mittelmeerraum wird diese Jagd allerdings immer noch betrieben. So in Süditalien, Frankreich, Malta, Zypern und Griechenland. Kürzlich sorgten auch Fanganlagen in Ägypten für viel Gesprächsstoff. Hier herrscht ganz klar internationaler Handlungsbedarf. Es kann doch nicht sein, dass wir etwa in der Schweiz Bundesgelder zum Schutz von Vogelarten ausgeben und diese dann in Frankreich ungebremst gefangen werden. Zum Beispiel der Ortolan. In der Schweiz existieren noch rund 7 Paare im Wallis, in Frankreich gilt diese Finkenart als Delikatesse und wird gejagt.

Warum ziehen die Zugvögel?

Wegen der Kälte respektive Wärme müssten sie das nicht. Es geht vor allem um die Nahrung. Beispielsweise die Schwalben. Sie benötigen Fluginsekten, und die gibt es nun mal im Winter bei uns nicht. Da nützt es nichts, ein Futterhäuschen in den Garten zu stellen. Das hilft nur den ortsansässigen Vögeln.

Gibt es Veränderungen bei den Beobachtungen der letzten 20 Jahre? Arten, die fast oder ganz verschwunden sind, oder die sich erholt haben?

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass unter den gefährdeten Arten Zugvögel überproportional betroffen sind. Vielfach sind es Bewohner des Offenlandes, die mit der intensiven Bewirtschaftung hier im Brutgebiet zu kämpfen haben. Im Mittelland ist der Wiedehopf fast ausgestorben. Auch die Feldlerche ist dramatisch zurückgegangen. Die fand man früher überall.

Und das Gegenteil, gibt es das auch? Eine Art, die sich wieder erholt hat?

Da kann ich den Steinkauz nennen, der dank grosser Förderanstrengungen sich wohl bald in der Schweiz wieder ansiedelt. Momentan steigt die Population in den deutschen und französischen Grenzgebieten.

Werden die diversen Vogelschutzaktivitäten und -anstrengungen denn auch von der Bevölkerung wahrgenommen?

Ich denke schon. Allerdings zeigen Befragungen, dass die Bevölkerung den Zustand unserer Natur positiver einschätzt, als er tatsächlich ist. Vielleicht überschätzt man den Erfolg der jeweiligen Schutzbestimmungen, denn schlussendlich verschwindet immer mehr natürlicher Lebensraum unserer Tier- und Pflanzenwelt. Ich finde, man ist sich generell viel zu wenig bewusst, wie vernetzt unsere Ökologie ist. Sterben Pflanzenarten, sterben Insekten und damit Vögel aus.

Was macht denn ein Vogelschützer heute? Nistkästen aufhängen, am frühen Morgen den Vogelstimmen lauschen? Und?

Das sind Klischeevorstellungen, und das tun wir sicher auch noch. Doch heute geht Vogelschutz viel weiter. Wir versuchen, die Bevölkerung zu informieren, aufzuklären und für Projekte zu motivieren. Moderner Naturschutz lebt nicht mehr von Verboten, sondern von intelligenten Lösungen für alle Beteiligten. Die Menschen sollen an der Natur teilhaben. Das alles ist enorm wichtig heute, denn unsere urbane Lebensweise hat dazu geführt, dass Kenntnisse über die Natur nicht mehr Allgemeinwissen sind. Dafür sind wir da, denn man schätzt und liebt nur, was man auch kennt.