Während die Grossen im Kantonsrat über Sozialkosten und Pflegebetten debattieren, diskutieren die Kleinen, warum manche Menschen mehr verdienen als andere. Oder über schlechte Busverbindungen. Oder über die Kanti Solothurn. «Unhaltbar», nennt Christina Mäder deren Sparmassnahmen. Die 24-Jährige leitet die Regionengruppe «Lebern 2».

14 Jugendliche sitzen um einen schweren Holztisch vor dem grossen Fenster, draussen plätschert der Regen in die Aare. Die Jugendlichen sind sich einig: Die Bildungsreisen an der Kantonsschule dürfen nicht abgeschafft werden. Auf der grauen Pinnwand kleben bunte Pappkärtchen. Darauf haben die Jugendlichen jene Gemeinden notiert, in denen die Poststelle aufgehoben wurde. «Politik beginnt im eigenen Umfeld», erklärt Stefanie Wyss. Die 27-Jährige, die bei der Jugendförderung Kanton Solothurn arbeitet, ist die Hauptorganisatorin dieses Tages.

Im Säulensaal des ehrwürdigen Landhauses herrscht reger Betrieb, 110 junge Frauen und Männer (das Verhältnis ist etwa fifty-fifty) diskutieren über Nachhaltigkeit und fragen sich, warum Ausländer nicht stimmen und wählen dürfen. Sie alle nehmen am Solothurner Jugendpolittag teil.

Vor sechs Jahren von der Jugendförderung gegründet, sollen am Polittag Jugendliche für die Politik begeistert werden. Die Teilnehmer sind zwischen 14 und 22 Jahre alt, die Leiter meist etwas älter. Viele sind mit ihrer Klasse da, manche haben sich eigenständig angemeldet und für diesen Tag dispensieren lassen.

Eine kurze Verschnaufpause. Während der 15-jährige Dominik Egger mit Wasserbecher und Süssigkeiten durch den Raum spaziert, erklärt er fröhlich: «Ich habe endlich Mal die Chance, mit Gleichaltrigen über Politik zu diskutieren.» Die meisten Teilnehmer scheinen ziemlich stolz, dabei zu sein. «Hier wird über vieles gesprochen, was sonst kaum ein Thema ist», freut sich Dominik Schärer.

Der 17-Jährige, der den Polittag mitorganisiert hat, schwärmt von der «offenen Stimmung». Er weiss natürlich, dass sich kaum alle Ideen in die Realität umsetzen lassen. «Aber wir sind für alle Themen offen», ergänzt Stefanie Wyss. Auch Traumvorstellungen oder unkonventionelle Ideen seien erlaubt, ja sogar erwünscht.

Nach dem Mittagessen verschiebt sich die Truppe in den Kantonsratssaal, wo sie in den Sitzreihen der Fraktionen platz nimmt. Für die 30 Kantonsräte, die den Polittag besuchen, bleiben nur noch Stehplätze. Bisher kam der Polittag ohne die Rituale des Politikbetriebes aus. Doch dann tritt Frau Landammann Esther Gassler ans Rednerpult. Sie referiert über direkte Demokratie. Grosse Visionen gibt es von ihr keine, ihre Rede ähnelt eher einer Lektion in Staatskunde.

«Engagiert euch für unser Milizsystem», fordert Gassler die Jugendlichen auf. Applaus. Doch vorerst dürfen diese noch träumen. Die zehn Regionengruppen ziehen sich mit Kantonsräten ihrer Amtei in Sitzungszimmer zurück. Dort präsentieren die jungen Politanwärter den gestandenen Politiker ihre Ideen – und die gestandenen Politiker erfahren, wo den Jugendlichen der Schuh drückt.