Jugendliche mit Migrationshintergrund haben oft Probleme beim Berufswahlprozess. Neben Sprachproblemen, kulturellen Unterschieden und teilweisen Diskriminierungen, stellt oft auch mangelnde Unterstützung durch das Elternhaus ein Problem dar. Die fehlende Unterstützung hat oft mit Unwissen über das Schweizer Bildungssystem zu tun, oder auch damit, dass die Berufslehre bei hoch qualifizierten Migranten ein schlechtes Image hat. Im Vorfeld des 4. Lehrstelleninfotages Solothurn für die zweijährige Grundbildung EBA vom 14. März, lud das Alte Spital fremdsprachige Eltern darum zu Informationsveranstaltungen über den Berufswahlprozess ihrer Kinder ein. Die Veranstaltungen waren ein Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Beratungs- und Informationszentrum (BIZ) und wurden in Deutsch, mit Übersetzung in drei Sprachen (Tamilisch, Türkisch und Albanisch), durchgeführt.

Nachfrage ist durchaus vorhanden

Das Angebot richtete sich vor allem an Eltern von Schülern der Sek B (Basisanforderungen), die Zielgruppe der EBA-Ausbildung. In einfacher Sprache wurde das komplexe Schweizer Bildungssystem erklärt. «Uns war es ein Anliegen, aufzuzeigen, was man mit einer Berufslehre alles erreichen kann», erklärt Catalina Walther, Fachverantwortliche Integration und Projektleiterin des Lehrstelleninfotages. «Eltern haben bewusst und auch unbewusst einen grossen Einfluss auf den Berufswahlprozess ihrer Kinder. Darum sollen sie sich nicht zurücknehmen und die Kinder nicht sich selbst überlassen», führt sie weiter aus. Die Informationsveranstaltungen werden jetzt evaluiert und anschliessend entscheidet man, in welcher Form das Projekt weitergetragen wird. «Wichtig ist, dass es nicht hier aufhört, sondern sich ein reguläres Angebot in Solothurn etabliert», erklärt die Integrationsverantwortliche.Das Interesse der Anwesenden habe nämlich gezeigt, dass durchaus eine Nachfrage vorhanden sei. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind aber mit mehr als «nur» mangelnder Unterstützung des Elternhauses konfrontiert.

Heute entscheiden nämlich nicht nur die schulischen Leistungen über Lehrvertrag oder nicht – im Gegenteil. «Heute haben rund 70 Prozent der Kompetenzen, die von Betrieben berücksichtigt werden, wenig bis gar nichts mit der schulischen Leistung zu tun», erklärt Walther. Eine grosse Rolle spiele heute die Sozialkompetenz, speziell die Ausdauer und Selbstständigkeit. Wenn ein Kind beispielsweise mit einem autoritären Erziehungsstil aufgewachsen ist, leidet darunter die Selbstständigkeit. Fakt sei auch, dass gewisse Jugendliche mit Migrationshintergrund auf Diskriminierung stossen.

Direkter Kontakt ist wichtig

«Am Lehrstelleninfotag für die EBA werden Workshops angeboten, die alle wichtigen Faktoren des Berufswahlprozesses berücksichtigen, unabhängig von der Herkunft der Jugendlichen», erklärt Catalina Walther. Dazu gehören Einzelberatungen, bei denen die Schüler lernen, wie man mit gewissen negativen Voraussetzungen umgehen kann, sodass sie nicht in eine Belastung umschlagen. Ausserdem werde an der EBA-Messe der direkte Kontakt zwischen Jugendlichen und Lehrmeistern hergestellt, so lerne man sich kennen, bevor es zu einem Auswahlverfahren kommt, bei dem genannte Faktoren eine grosse Rolle spielen.

Die EBA-Grundausbildung werde in den nächsten Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen, zeigt sich Catalina Walther überzeugt. «Durch die demografische Entwicklung in der Schweiz sind Betriebe immer mehr mit sinkenden Zahlen potenzieller Lehrlinge konfrontiert, so wird ein Umdenken ermöglicht.» Über kurz oder lang würden die Betriebe so in den nächsten Jahren auch vermehrt mit Lehrstellensuchenden mit Migrationshintergrund zu tun haben. «Lehrlinge mit Migrationshintergrund können aber eine grosse Bereicherung für einen Lehrbetrieb sein», schliesst die Integrationsverantwortliche.