Es war nicht Gottfried Wyss, der sich Ende der 1970er-Jahre veränderte. Es war seine Partei, die SP, die grosse Veränderungen durchmachte. Die Partei gab sich einen grüneren Anstrich, Akademiker lösten die Arbeiter ab, eine ganze Generation junger, wilder SP-Kräfte wurde am Widerstand gegen Atomkraftwerke politisiert. Und mittendrin war Gottfried Wyss, seit 1974 Solothurner Polizeidirektor. Er, der Vertreter der alten gemässigten Generation, war fortan ein Linker, der der jungen Linken als nicht mehr links genug galt. Die grössten politischen Konflikte, die der nun verstorbene Gerlafinger in seiner Amtszeit auszutragen hatte, waren denn auch diejenigen mit seiner eigenen Partei.

Nachfolger von Willi Ritschard

Als es 1977 zu Protesten gegen den Bau des AKW Gösgen kam, musste er als Polizeidirektor gegen die Protestierenden aus dem eigenen Lager vorgehen. Tränengas lag damals in der Niederämter Luft. Die Staatsmacht, und als ihr Vertreter Gottfried Wyss, griff mit Gummischrot durch. «Ich habe jedem Bürger zugebilligt, gegen das AKW zu sein», sagte er später. Nur den Besetzungsversuch habe er nicht dulden können.

Der Solothurner Polizeidirektor Godi Wyss (SP) spricht über das Mikrofon aus dem Dienstwagen zu den Besetzern der Zufahrt zum AKW Gösgen. (Beim Parkzentrum Däniken, 1977)

Der Solothurner Polizeidirektor Godi Wyss (SP) spricht über das Mikrofon aus dem Dienstwagen zu den Besetzern der Zufahrt zum AKW Gösgen. (Beim Parkzentrum Däniken, 1977)

Der Solothurner Polizeidirektor Godi Wyss (SP) spricht über das Mikrofon aus dem Dienstwagen zu den Besetzern der Zufahrt zum AKW Gösgen. (Beim Parkzentrum Däniken, 1977)

Wyss selbst gehörte wie Bundesrat Willi Ritschard (sein Vorgänger im Regierungsrat) einer Generation von SP-Politikern an, die 1967 im Kantonsrat den Bau des Kernkraftwerks angeregt hatten, in der Hoffnung, der technische Fortschritt werde den Arbeitern Wohlstand bringen. Nicht nur damit wollte die junge Generation brechen, 1985 wollte sie es auch mit Godi Wyss. Die SP stellte ihren eigenen Regierungsrat nicht mehr zur Wiederwahl auf. Doch Wyss trat alleine an und gewann die Wahl klar.

«Ich bin noch heute Sozialdemokrat»

Verbittert hat diese Geschichte «Godi» Wyss nicht, auch mit der SP fand er später seinen Frieden. «Ich bin noch heute Sozialdemokrat», sagte er, 96-jährig und bei beneidenswert guter Gesundheit, im Oktober 2017 in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Als seine grosse Leistung sah Wyss die Alimentenbevorschussung für alleinerziehende Frauen, die er auf den Weg gebracht hatte.

Nach seinem Rücktritt 1987 gründete der frühere Bezirkslehrer einen eigenen Verlag und publizierte Arbeiterliteratur. Wie Willi Ritschard gab auch der Politiker Godi Wyss in einem kleinen Büchlein träfe Sprüche und originelle Gedankensplitter heraus. Einer hiess: «Bim schöne Wätter isch ring Kapitän z sy».

Gottfried Wyss behielt auch in schwierigeren Zeiten seine Würde. «Er war ein Linker», sagt heute Ständerat Roberto Zanetti, der, in Gerlafingen aufgewachsen, Godi Wyss von Kindsbeinen an kannte und als 20-Jähriger auch Flyer für den Regierungsratskandidaten Wyss verteilte. Bis zuletzt habe Wyss kritisch am Zeitgeschehen Anteil genommen, sagt Zanetti. Ihm bleibt nun das «unglaubliche Wohlwollen» in Erinnerung, das Wyss ihm entgegengebracht habe, auch als jener mit der SP Schwierigkeiten gehabt habe.